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Manipuliert die Schweiz den Devisenmarkt?

Neue Herausforderung für SNB-Chef Thomas Jordan: Er muss den USA die Schweizer Währungspolitik erklären. © Keystone / Eq Images / Christian Pfander

Das US-Finanzministerium stuft die Schweiz als Währungsmanipulator ein. Die Schweiz greife nicht manipulativ in den Geldmarkt ein, lautete die Reaktion aus Bern. Einordnung mit Geldpolitik-Experten Fabio Canetg.

Dieser Inhalt wurde am 17. Dezember 2020 - 08:38 publiziert
swissinfo.ch

Die USA haben die Schweiz und Vietnam diese Woche offiziell der Währungsmanipulation bezichtigt. Das US-Finanzministerium warf den Staaten in einem halbjährlichen Bericht vor, in die Geldmärkte einzugreifen. Die Schweizerische Nationalbank wehrt sich gegen den Vorwurf. Ihre Interventionen am Devisenmarkt dienten nicht dem Zweck, unfaire Wettbewerbsvorteile für die Schweizer Wirtschaft zu erlangen, teilte die Nationalbank mit. 

swissinfo.ch: Warum kauft die Schweizerische Nationalbank so offensiv Fremdwährungen?

Fabio Canetg: Immer wenn es kriselt, verschieben Anlegerinnen und Anleger ihre Guthaben in den wertstabilen Schweizer Franken. Die Währungszuflüsse führen dazu, dass sich der Franken aufwertet. Das verteuert den Export von Produkten aus der Schweiz. Gleichzeitig führen die Fluchtbewegungen in den Franken dazu, dass Güter und Dienstleistungen aus dem Ausland bei uns günstiger werden.

Sowohl die Verteuerung der Schweizer Exporte als auch der Abwärtsdruck auf die inländischen Preise bereiten der Schweizerischen Nationalbank Kopfzerbrechen: Sie hat nämlich den Auftrag, die Konjunktur zu stützen und die inländischen Preise stabil zu halten. Aus diesem Grund wehrt sich die Nationalbank mit Fremdwährungskäufen gegen eine übermässige Aufwertung des Frankens.

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Weshalb brandmarken die USA die Schweiz nun als Währungsmanipulator?

Die US-Behörden tolerieren Währungsmarkt-Interventionen bis zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts. Für die Schweiz liegt die Grenze für zulässige Fremdwährungskäufe damit bei rund 15 Milliarden Franken pro Jahr.

Die Nationalbank hat diese Grenze in diesem Jahr mit einem Interventionsvolumen von mehr als 90 Milliarden Franken klar überschritten. Weil die Schweiz zudem deutlich mehr Waren und Dienstleistungen in die USA exportiert als importiert, wurde sie von den USA als Währungsmanipulator gebrandmarkt.

Welche Strategie verfolgen die USA mit dieser Politik?

Die Kriterien der USA sind politisch motiviert. Sie wurden ursprünglich eingeführt, weil China seine Währung künstlich schwach hielt. Das mit dem Ziel, seine eigenen Produkte günstiger in den USA verkaufen zu können.

Demgegenüber haben die Währungsmarkt-Interventionen der SNB nicht zum Ziel, die Schweizer Produkte im Ausland übermässig zu vergünstigen. Im Gegenteil. Die Nationalbank versucht mit ihrer Politik zu verhindern, dass die Schweizer Produkte im Ausland zu teuer werden.

War die SNB auf den jetzigen Schritt vorbereitet?

Ja, die Schweizerische Nationalbank war gut auf den Bericht der USA vorbereitet. Sie hat kurz nach der Publikation des US-Berichts eine Mitteilung veröffentlicht, wonach sie weiterhin am Währungsmarkt aktiv bleiben werde.

Was geschieht, wenn die SNB ihre Währungskäufe herunterfahren muss?

Die Inflationsrate in der Schweiz liegt seit bald einem Jahr im negativen Bericht – und damit ausserhalb des Zielbands der SNB. Die Nationalbank muss also dafür sorgen, dass die Teuerung nicht weiter sinkt. Weil Zinssenkungen beim aktuellen Leitzins von -0,75 Prozent nicht mehr wirken, bleibt als einziges Instrument der Kauf von Fremdwährungen. Die Schweizerische Nationalbank wird ihre Währungskäufe nicht reduzieren.

Gibt es alternative Strategien, die für die SNB denkbar wären?

Nein. Kurzfristig kann die Nationalbank die Preise in der Schweiz nur stabil halten, wenn sie weiterhin ihre Bereitschaft bekräftigt, nötigenfalls am Währungsmarkt aktiv zu werden. Andernfalls droht eine Deflation – also eine anhaltende Phase von fallenden Preisen.

Mittelfristig könnte die Nationalbank – ähnlich der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank – eine grundlegende Neuausrichtung ihrer Geldpolitik in Betracht ziehen. Ein höheres Inflationsziel würde den chronischen Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken verringern.

Was droht der Schweiz nun im schlimmsten Fall?

Das ist unklar. In einem ersten Schritt wird es zu bilateralen Gesprächen zwischen der Schweiz und der USA kommen. Danach sieht das US-Gesetz Massnahmen gegen die Schweiz vor. Welcher Art diese Massnahmen sein werden, hängt auch davon ab, wie gut die Schweiz erklären kann, weshalb ihre Währungsmarktinterventionen nötig sind.

Dabei hat sie Rückendeckung von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Der Vorsitzende der als Zentralbank der Zentralbanken bekannten Institution, Agustín Carstens, hat bereits im Oktober gegenüber der NZZExterner Link gesagt, dass die Schweizerische Nationalbank kein Währungsmarktmanipulator sei.

Wie gravierend ist das Problem des starken Frankens eigentlich noch?

Der starke Franken bleibt ein Sorgenkind, weil er die Schweizer Exporte verteuert und die Inflationsraten in der Schweiz tief hält. Das bremst die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz. Die Schweizerische Nationalbank bekräftigt zwar regelmässig ihre Bereitschaft, am Währungsmarkt aktiv zu werden. In den letzten Monaten hat sie aber nichts mehr unternommen, um den Franken zu schwächen.

Geldpolitik-Ökonom Fabio CanetgExterner Link ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Studienzentrum Gerzensee der Schweizerischen Nationalbank. Diese führt dort Aus- und Weiterbildungskurse für Zentralbankpersonal und Doktoranden der Volkswirtschaftslehre aus dem In- und Ausland durch.

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