«Aegyo»: Wie Erwachsene ihre Stimme kindlicher machen
Wer besonders niedlich wirken will, macht sich offenbar auch stimmlich kleiner. Eine neue Studie mit Beteiligung der Universität Zürich zeigt, wie Erwachsene ihre Stimme verändern, wenn sie den in Südkorea verbreiteten Sprechstil "Aegyo" verwenden.
(Keystone-SDA) «Aegyo» bezeichnet eine bewusst kindliche, verspielte Art zu sprechen, mit der Erwachsene vor allem in romantischen Situationen niedlicher und liebenswerter wirken wollen. Auch K-Pop-Stars zeigen den Sprechstil immer wieder auf Wunsch ihrer Fans.
Doch was macht eine Stimme eigentlich «süss»? Dieser Frage sind der Phonetiker Volker Dellwo von der Universität Zürich und Ji-eun Kim der südkoreanischen Duksung Women’s University nachgegangen. «Mich interessiert grundsätzlich, wie Menschen ihre Stimme an unterschiedliche soziale Situationen anpassen und dabei nicht nur sprachliche Inhalte, sondern auch etwas über sich selbst und ihre Beziehung zum Gegenüber vermitteln», sagt Dellwo im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Zwölf Koreanerinnen und Koreaner zwischen 25 und 31 Jahren lasen für die Untersuchung denselben Text einmal mit und einmal ohne «Aegyo». Dabei fanden die Forschenden eine auffällige Veränderung, wie sie in der Fachzeitschrift «JASA Express Letters» berichten: Beim «Aegyo» verändert sich die Stimme akustisch so, dass sie an einen kürzeren Vokaltrakt erinnert – ein Merkmal, das zu kindlicheren Stimmen beiträgt. Erwachsene könnten damit akustisch einen kleineren Stimmapparat nachahmen.
«Jöö-Stimme» auch in der Schweiz
«Aegyo» ist zwar besonders stark in der koreanischen Kultur verankert, aber das Phänomen ist nicht auf Korea beschränkt. «Menschen verändern ihre Stimme kulturübergreifend, wenn sie ihre Partnerin oder Partner romantisch adressieren», sagt Dellwo.
Ein direktes Schweizer Pendant zu «Aegyo» gibt es laut dem Forscher wohl nicht. Funktionale Ähnlichkeiten finden sich jedoch in der Kosesprache beziehungsweise in kindlicher Sprache zwischen Partnerinnen und Partnern.
«Im Schweizerdeutschen könnte man informell vielleicht von einer ‚Jöö-Stimme‘ sprechen: Die Stimme wird weicher, melodischer oder höher, und häufig kommen Verkleinerungsformen auf ‚-li‘ hinzu», so der Phonetiker. Anders als «Aegyo» sei dies aber kein klar benannter und gesellschaftlich und situativ so stark kodierter Sprechstil.