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74 Tage und fünf Katastrophen, die die Schweiz veränderten

Bildschirme mit Szenen aus 9/11 und weiteren Katastrophen des Herbsts 2001
SRF

Die Terroranschläge vom 11. September, das Attentat im Zuger Kantonsrat, das Grounding der Swissair, der Brand im Gotthardtunnel, der Crossair-Absturz bei Bassersdorf: Innert 74 Tagen erschüttert eine Serie von fünf Katastrophen die Schweiz. Ein Rückblick auf die schwarzen Tage im Herbst 2001.

Herbst 2001. Beinahe im Wochentakt ereignen sich innert 74 Tagen nationale und globale Dramen und erschüttern die Schweiz: die Terroranschläge vom 11. September, das Attentat im Zuger Kantonsrat, das Grounding der Swissair, der Brand im Gotthardtunnel und schliesslich der Crossair-Absturz am 24. November bei Bassersdorf.

Die fast schon unheimlich wirkende Serie im «Katastrophenherbst» liess den damaligen Bundespräsidenten Moritz Leuenberger nach der fünften Katastrophe, dem Absturz eines Crossair-Flugzeugs, emotional werden:

«Hört das denn nie mehr auf?»

Alt Bundespräsident Moritz Leuenberger, am 25. November 2001 am Absturzort der Crossair 3597

Ein Ausruf mit dem er vielen Schweizerinnen und Schweizern aus dem Herzen sprach. Leuenbergers Ausruf wurde erhört. Der Flugzeugabsturz markierte das Ende der Unglücksserie, während derer Leuenberger zur Stimme der Trauer und der nationalen Bewältigung wurde.

Werfen Sie einen Blick zurück auf die fünf schwärzesten Tage im Herbst 2001:

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Was geschah

Neunzehn islamistische Terroristen entführen in den USA vier grosse Passagierflugzeuge und rasen damit in die Türme des World Trade Centers in New York und ins Pentagon in Washington. Die vierte Maschine stürzt in Pennsylvania ab. Insgesamt sterben rund 3000 Menschen aus 92 Ländern, darunter zwei Schweizer, tausende werden verletzt.

Dienstagmorgen, 8:46 Uhr, im World Trade Center in Downtown Manhattan beginnt für rund 17’000 Menschen gerade der Arbeitstag als das Unvorstellbare geschieht: Mit 750 km/h schlägt der American Airlines Flug AA 10 zwischen dem 93. und 99. Stockwerk in den Nordturm ein.

Nur wenige Minuten später meldet der US-Nachrichtensender CNN die «Breaking News» und sendet die Bilder des rauchenden Wolkenkratzers – aufgenommen von einer permanenten Kamera. Ab jetzt verfolgt ein weltweites Millionenpublikum gebannt die unglaublichen Ereignisse der nächsten Stunden.

Die anfängliche Ungewissheit, ob es sich beim ersten Crash um ein Unglück handelt, findet ein abruptes Ende als nur siebzehn Minuten später ein weiteres Flugzeug vor laufenden TV-Kameras in den Südturm rast und um 9:37 Uhr eine weitere Maschine ins Pentagon in Washington stürzt.

Um 9:59 Uhr und 10:28 Uhr brechen die beiden WTC-Türme unter gewaltigem Getöse und einer riesigen Staub- und Trümmerwolke zusammen. Sie reissen alle noch lebenden Menschen in den Gebäuden in den Tod.

Weltweit stehen die Menschen unter dem Schock der Ereignisse und der ikonischen Bilder, die live am TV übertragen wurden und in gefühlten Endlosschlaufen tagelang immer und immer wieder zu sehen sind.

Der Terrorakt hat weitreichende gesellschaftliche, militärische und weltpolitische Folgen – weit über die USA hinaus. Die Nato ruft noch am selben Tag den Bündnisfall aus, die USA erklären bald den «Krieg gegen den Terror». Militärische Schläge in Afghanistan und Irak folgen. Den US-Sicherheitsbehörden werden weitreichende Rechte bei der Überwachung von Bürgern eingeräumt und die Kontrollen an Flughäfen werden massiv erhöht.

Jagd auf Osama bin Laden

Alle 19 Attentäter sterben beim Anschlag. Als Drahtzieher stellt sich bald der saudische Radikalislamisten und Gründer des Terrornetzwerks Al-Qaida, Osama bin Laden, heraus. Der Sohn einer vermögenden Bauunternehmerfamilie hält sich unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan auf. Die fast zehnjährige Jagd nach ihm findet im März 2011 ein Ende, als US-Soldaten ihn auf Befehl des damaligen US-Präsidenten Obama in seinem Versteck in Pakistan aufspüren und erschiessen.

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Was geschah

Am 27. September 2001 betritt ein Amokläufer schwer bewaffnet das Kantonsparlament in Zug und richtet ein Blutbad an. Innerhalb von zweieinhalb Minuten feuert er 90 Schüsse ab und tötet 14 Menschen.

Nur zwei Wochen nach «9/11» erschüttert auch die Schweiz ein Ereignis, das bislang niemand für möglich gehalten hatte.

Das Zuger Kantonsparlament befindet sich am Unglückstag gerade in seiner Vormittagsdebatte als der 57-jährige Täter, Friedrich Leibacher, in einer selbstgemachten, polizeiähnlichen Uniform ungehindert in den Saal eindringt. Mit mehreren Waffen schiesst er im Saal und in den Gängen des Regierungsgebäudes minutenlang wild um sich und bringt einen Sprengkörper zur Explosion. Er tötet drei Regierungsräte und elf Kantonsräte, bevor er sich selber umbringt.

Diese 14 Mitglieder des Zuger Regierungs- und Kantonsrates starben am 27. September:
Getötete Regierungsräte
Peter Bossard (FDP, Statthalter)
Jean-Paul Flachsmann (SVP, Baudirektor)
Monika Hutter-Häfliger (SP)
Getötete Kantonsräte
Herbert Arnet (CVP, Cham)
Martin Döbeli (FDP, Zug)
Karl Gretener (CVP, Cham)
Heinz Grüter (FDP, Baar)
Konrad Häusler (CVP, Unterägeri)
Dorly Heimgartner (FDP, Zug)
Erich Iten (FDP, Unterägeri)
Käthi Langenegger (CVP, Baar)
Kurt Nussbaumer (FDP, Oberägeri)
Rolf Nussbaumer (CVP, Baar)
Willi Wismer (CVP, Risch)

Leibacher ist ein in Zürich wohnhafter Schweizer und befindet sich zum Zeitpunkt der Tat bereits jahrelang im Clinch mit den Zuger Behörden. Er wähnt sich als Opfer eines behördlichen Komplotts und hatte zahlreiche juristische Eingriffe und Beschwerden eingereicht, die alle abgewiesen worden waren.

Die Bevölkerung im Kanton Zug und der ganzen Schweiz ist geschockt. Bundespräsident Moritz Leuenberger trifft am Nachmittag in Zug ein. Er sieht in dem unfassbaren Angriff auf die Parlamentarier auch ein Angriff auf die Demokratie. Nationalratspräsident Peter Hess aus Zug sieht ein Zusammenhang mit «9/11-Attentat», das die «Hemmschwellen» gesenkt hätte.

In Bern wird der Parlamentsbetrieb eingestellt und eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Auch im Ausland ist die Betroffenheit gross. In verschiedenen Parlamenten gedenken die Parlamentarier ihren Schweizer Kolleginnen und Kollegen.

Das Attentat führt zu einem Umdenken im Umgang mit dem Schutz von Politikern und öffentlichen Gebäuden. Nach der Tat wird die Sicherheit in Schweizer Parlamentsgebäuden und im Bundeshaus deutlich verschärft. Bis zum Attentat von Zug hatte es selbst im Berner Bundesparlament keine Schranken gegeben und es wurden lediglich Gepäckkontrollen durchgeführt.

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Was geschah

Am 2. Oktober 2001 drehen die Banken der überschuldeten Ikone der Schweizer Luftfahrt innert weniger Stunden den Geldhahn zu. Weltweit bleiben rund 260 Swissair-Flieger am Boden, weil sie keinen Treibstoff und keine Flughafengebühren mehr bezahlen können. Rund 20’000 Passagiere stranden und das Image der Schweiz als verlässlicher Wirtschaftsstandort erleidet Schaden.

Am Mittwochmorgen – nur drei Wochen nach «9/11» und eine Woche nach Zug – sind die Swissair-Flieger noch in der Luft; am Nachmittag ist das Unternehmen bankrott und nichts geht mehr. Das Grounding der Swissair markiert einen der tiefsten Einschnitte in der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz.

Der Grund für den finanziellen Kollaps der einst stolzen Swissair ist ein akuter Liquiditätsengpass – ausgelöst durch die überambitionierte «Hunter-Strategie», bei der die Swissair defizitäre ausländische Fluggesellschaften aufgekauft und bis zum Grounding Schulden von 17 Milliarden Franken angehäuft hatte. Der Einbruch des Luftverkehrs nach den Anschlägen vom 11. September beschleunigte den Zusammenbruch.

Mit staatlicher Finanzhilfe wird der Flugbetrieb vorübergehend aufrechterhalten. Die damalige Swissair-Tochter Crossair übernimmt schliesslich die Reste und das Personal der alten Swissair und im Mai 2002 wird die Crossair offiziell zur «Swiss». Im Jahr 2005 steigt die deutsche Lufthansa zunächst mit 49 Prozent ein und übernimmt die Swiss im Jahr 2007 komplett.

Das Grounding der Swissair löst in der Schweiz eine nationale Krise aus und führt zu einer breiten Debatte über die Verantwortung von Management und Banken, die sechs Jahre später im Swissair-Strafprozess mündet.

Die Schuldfrage

Angeklagt sind 19 ehemalige Führungskräfte der Swissair und der SAirGroup. Darunter sind alle Mitglieder des damaligen Verwaltungsrates, mit so prominenten Namen wie dem letzten Konzernchef Mario Corti oder seinen Vorgängern Philippe Bruggisser und Eric Honegger.

In einem für viele überraschenden Urteil spricht das Gericht im März 2007 alle 19 Angeklagten in sämtlichen Anklagepunkten frei. Das Gericht ist der Ansicht, dass der Staatsanwaltschaft der Nachweis nicht gelungen sei, dass die Managementfehler strafrechtlich relevant waren.

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Was geschah

Elf Menschen sterben am 24. Oktober 2001 im 1200 Grad heissen Gotthardtunnel nachdem die Kollision von zwei Lastwagen einen Grossbrand auslöst.

Mittwochmorgen im 17 Kilometer langen Gotthard-Strassentunnel. Bis 9:39 Uhr fliesst der Verkehr normal, dann kommt es zur Katastrophe. Nur 975 Meter vom Tunneleingang bei Airolo entfernt touchiert ein alkoholisierter belgischer Lastwagenfahrer die Tunnelwand, gerät auf die Gegenfahrbahn und stösst seitlich mit einem entgegenkommenden Lastwagen zusammen.

Durch den Aufprall bricht ein Tank, Diesel fliesst aus und entzündet sich durch einen Kurzschluss. Die Ladung – unter anderem Hunderte von Pneus – fängt sofort Feuer. Es entwickelt sich ein Inferno mit Temperaturen von bis zu 1200 Grad Celsius, das die Tunneldecke auf einer Länge von etwa 100 Metern zum Einsturz bringt.

Dank Notausgängen und Schutzräumen sowie dem Lüftungssystem können sich viele Menschen retten, aber elf Menschen verlieren ihr Leben. Einige sterben in ihren Fahrzeugen, andere ersticken auf der Flucht vor dem dichten Rauch.

Das Unglück führt in der Folge zu einer massiven Verschärfung der Sicherheitsstandards für Tunnel in der ganzen Schweiz und in Europa.

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Was geschah

Weniger als eine Minute vor der Landung am Flughafen Zürich stürzt am 24. November 2001 eine Maschine der Crossair, eine Tochtergesellschaft der kurz zuvor gegroundeten Swissair, bei Bassersdorf in den Wald. Von 33 Menschen an Bord sterben 24.

Samstagabend, 22:07 Uhr, vier Kilometer von der Landebahn in Kloten entfernt. Der Flug von Berlin ist problemlos verlaufen, aber nun sorgen Dunkelheit und Schneetreiben für schlechte Sichtverhältnisse. Beim anspruchsvollen manuellen Landeanflug schätzt der Pilot die Situation falsch ein und lässt die Maschine unter die Mindestsinkflughöhe sinken. Sekunden nachdem der Radarhöhenmesser die geringe Höhe meldet, schlägt das Flugzeug in ein Waldstück bei Bassersdorf ein.

Von den 33 Menschen im Flugzeug überleben sieben Passagiere und zwei Flugbegleiterinnen den Absturz wie durch ein Wunder.

Die Untersuchung des Unfalls sieht menschliches Versagen als Unfallursache – und sie deckt eine beunruhigende Vorgeschichte des Kapitäns auf: Der 57-jährige erfahrene Pilot war in der Vergangenheit mehrfach bei fliegerischen Überprüfungen durchgefallen, insbesondere bei Anflugverfahren.

Gegen leitende Angestellte der Crossair wird ein Strafverfahren eröffnet, das jedoch mit Freisprüchen endet, was in Teilen der Öffentlichkeit auf Unverständnis stösst.

Der Absturz löste eine breite Debatte über die Flugsicherheit in der Schweiz aus und führte zu zahlreichen Konsequenzen.

«Tröster der Nation»

Der grossen Trauer und der tiefen Erschütterung des Sicherheitsgefühls und der wirtschaftlichen Selbstverständlichkeit zum Trotz zeigt die Bewältigung der dramatischen Ereignisse im Herbst 2001 rückblickend auch die Stärke und Lernfähigkeit der Schweiz, welche die mehrmonatige Ausnahmesituation bewältigte.

Der damalige Bundespräsident Moritz Leuenberger fungierte in dieser Situation gewissermassen als Landesvater und «Tröster der Nation», der Trauerfeiern abhielt und die richtige Balance aus Empathie und staatlicher Handlungsfähigkeit suchte. Er betonte später wiederholt, dass Trost allein nicht reiche, aber Worte den Bürgern Halt und Orientierung geben müssen.

Dazu gehörte sein emotionaler Ausruf «Hört denn das nie mehr auf?» ebenso, wie seine sachlichen Einordnungen und tröstenden Worte bei unzähligen Reden und Medienauftritten.

«Arena» vom 21. Dezember 2001 mit Moritz Leuenberger:

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Impressum

Roland Specker (Redaktion), Marina Kunz (Design), Fabian Schwander (Frontendentwicklung).

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