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Ecstasy und synthetische Drogen: «Die Schweiz ist ein interessanter Markt»

Rosa Tabletten in Form eines Totenkopfs
Ecstasy-Pillen in einem Archivfoto aus dem Jahr 2021. Keystone / DPA / Oliver Berg

Kürzlich wurde ein europäisches Netzwerk zur Herstellung synthetischer Drogen ausgehoben – und auch die Schweiz könnte indirekt betroffen sein. Im Interview warnt Suchtforscher Frank Zobel, dass das Land trotz kleiner Märkte für Kriminelle «ein interessanter Ort» bleibt.

Europol gab letzte Woche die Zerschlagung eines bedeutenden Netzwerks zu Produktion und Vertrieb synthetischer DrogenExterner Link bekannt, das in mehreren europäischen Ländern aktiv war.

Im Zug der Operation wurden 24 Labors geschlossen, über neun Tonnen Betäubungsmittel und rund tausend Tonnen chemische Produkte beschlagnahmt, die zur Herstellung von Substanzen wie MDMA, Amphetamin, Methamphetamin und Cathinon verwendet werden.

Schauen Sie hier das Video der EuropolRazzien:

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Ein Ereignis, das Europa betrifft – und die Schweiz? Um dies zu klären, hat das italienischsprachige Radio und Fernsehen RSI mit Frank Zobel gesprochen. Er ist Co-Leiter des Bereichs Forschung und stellvertretender Direktor von Sucht SchweizExterner Link.

RSI: Ist die Schweiz direkt oder indirekt von europäischen Netzwerken zur Produktion und zum Handel mit synthetischen Drogen betroffen? Welche Rolle nimmt sie heute auf dem Markt ein: Transitland, Konsumland oder Lagerland?

Frank Zobel: Es ist möglich, dass eine Beschlagnahmung dieser Art auch Auswirkungen auf die Schweiz hat, auch wenn wir im Moment basierend auf dem, was Europol uns mitteilt, nicht über ausreichende Informationen verfügen, um dies mit Sicherheit zu sagen.

In der Schweiz ist der Konsum synthetischer Drogen – Ecstasy, Amphetamin und Methamphetamin – ziemlich verbreitet. Auch wenn es nicht ein riesiger Markt ist, bleibt er dennoch bedeutend für diese Art von Substanzen.

Es ist also plausibel, dass die Beschlagnahmung Auswirkungen haben könnte. In der Schweiz wurden ein oder zwei Labors entdeckt. Diese waren jedoch sehr klein. Die Schweiz ist kein Produktionsland, sondern vor allem ein Konsumland.

Ausserdem handelt es sich nicht um strukturierte kriminelle Netzwerke. Oft sind es Konsumentinnen und Konsumenten, die grosse Mengen an Substanzen kaufen, um sie dann im Nachtleben oder an Bekannte weiterzuverkaufen.

Im Unterschied zu Drogen wie Kokain oder Heroin, bei denen gut organisierte Strukturen am Werk sind, sprechen wir hier vor allem von einzelnen Konsumentinnen und Wiederverkäufern.

Gibt es Schwachstellen im Schweizer System, die von internationalen kriminellen Netzwerken ausgenutzt werden könnten?

Die Schweiz ist eindeutig ein interessantes Land. Sie ist reich und stabil, und man kann viel Geld aus dem Drogenhandel investieren. In der Vergangenheit gab es mehrere Fälle im Zusammenhang mit der italienischen Mafia, und zur Zeit des Bankgeheimnisses war die Situation noch problematischer.

Die Schweiz ist also ein potenziell attraktives Land, auch weil es im Zentrum Europas liegt und über viele Kommunikationsnetze nach Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich verfügt.

Andererseits ist die Schweiz ein Land mit starker Polizeipräsenz, und die Kantone achten sehr darauf. Es gibt keine polizeifreien Zonen wie beispielsweise in Frankreich, wo die Ordnungskräfte sich in einigen Banlieues nicht hineinwagen.

Ein Mann mit Brille
Frank Zobel, stellvertretender Direktor von Sucht Schweiz. Sucht Schweiz / Dipendenze Svizzera / Addiction Suisse

Welche Alarmsignale beobachtet Sucht Schweiz aktuell in der Schweiz?

Wir beobachten die Verbreitung von immer günstigeren, aber auch immer potenteren Substanzen.

Diese Entwicklung ist in den letzten 15 bis 20 Jahren zu sehen und betrifft beispielsweise Kokain, synthetische Drogen und Haschisch.

Dies sind Tendenzen, die wir auch auf internationaler Ebene beobachten, und die aus Sicht der öffentlichen Gesundheit besorgniserregend sind.

Besonders deutlich wird dies beim Crack-Konsum, der überall in der Schweiz präsent ist. Dieser Markt beunruhigt uns im Moment am meisten.

Welche Präventionsstrategien gibt es in der Schweiz? Sind sie angemessen?

Die erste Strategie in der Schweiz wie in anderen Ländern ist das Verbot der Substanzen: Konsum, Besitz, Produktion und Verkauf sind verboten. Dadurch konsumieren viele Menschen keine Betäubungsmittel.

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass diejenigen, die Substanzen konsumieren, dies mit Drogen tun, deren Qualität völlig unbekannt ist. Wir schaffen es nicht, mit diesen Personen zu sprechen, weil sie sich verstecken und Opfer von Diskriminierung und Stigmatisierung sind. Das ist die hässliche Seite dieser Politik.

Welche Rolle spielen «Drug-Checking-Dienste» bei der Überwachung des Markts und beim Auftreten neuer Substanzen?

Sie spielen eine wesentliche Rolle, da sie uns direkten Zugang zum Markt und zu den Konsumentinnen und Konsumenten ermöglichen. So können wir verstehen, welche neuen Moleküle im Umlauf sind, und ihre Qualität und Eigenschaften bewerten.

Früher hatten wir nur die Informationen der Polizei. Mit dem «Drug-Checking» erreichen wir andere Personen, zum Beispiel diejenigen, die Substanzen im Internet kaufen oder sie selbständig zubereiten.

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Übertragung aus dem Italienischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub

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