«L’Amica di casa»: das erste Handbuch der Hauswirtschaft in der Schweiz
Ein 1855 im Tessin veröffentlichtes Schulhandbuch nur für Mädchen zeigt, wie die Hauswirtschaft die Geschlechterrollen stärkte und gleichzeitig neue Räume für weibliche Autonomie eröffnete.
Im 19. Jahrhundert begann in ganz Europa die Entwicklung eines öffentlichen, kostenlosen und obligatorischen Schulsystems. In der männlich geprägten Debatte über die Frauenbildung standen die Fragen der Koedukation und die Frage, ob gemischte oder geschlechtergetrennte Klassen vorzuziehen seien, im Mittelpunkt.
Dies war eine sowohl moralische – man fürchtete die Auswirkungen eines promiskuitiven Umfelds – als auch eine «biologische» Frage: Man fragte sich, ob die intellektuellen Fähigkeiten, von denen man annahm, dass sie bei Männern und Frauen unterschiedlich seien, nicht eine getrennte und differenzierte Ausbildung erforderten.
Die zweite Ansicht setzte sich durch. Für die Mädchen wurden sofort spezielle Fächer wie Frauenarbeit und HauswirtschaftExterner Link eingeführt.
Diese Lehren, die auch einen praktischen Zweck verfolgten, trugen dazu bei, das Ideal der bürgerlichen Familie und die damit verbundene Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre zu formen. Dies hatte Auswirkungen auf die Definition der Geschlechterrollen.
In der Schweiz weckte das Thema Frauenbildung, besonders der Hauswirtschaftsunterricht, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Interesse bürgerlicher Frauen. Sie setzten sich für eine bessere Berufsausbildung von Mädchen ein.
Das Tessin kann in diesem Zusammenhang als Vorreiter gelten. In diesem Kanton wurde 1855 nämlich das erste Handbuch der Hauswirtschaft in der Schweiz veröffentlicht: «L’Amica di casa. Trattato di economia domestica ad uso delle giovinette italiane»Externer Link von Angelica Cioccari Solichon, einer Schweizer Lehrerin mit Mailänder Wurzeln.
Sie war eine der wenigen Frauen, die sich an der öffentlichen Debatte über die Erziehung und Ausbildung von Frauen im Kanton Tessin beteiligten.
Die pädagogische Zielsetzung des Handbuchs wird bereits in der Widmung «An die Lehrerinnen und Lehrer» deutlich. Diese werden aufgefordert, das Buch nicht nur in der Schule zu verwenden, sondern es auch zu empfehlen, um die Tugenden und Vorteile der Hauswirtschaft zu fördern.
In der Einleitung verteidigt Solichon aufrichtig die Nützlichkeit des Hauswirtschaftsunterrichts, der gemäss einer vorher festgelegten göttlichen Ordnung eine wesentliche Rolle für das moralische Wohlergehen der Gesellschaft spielen sollte.
Es folgt eine Auflistung der Pflichten einer Hausfrau, um ein Modell von Verhaltensnormen zu definieren, dem die jungen Frauen entsprechen sollten. Das Fach Hauswirtschaft, das nur für Mädchen angeboten wurde, die lange Zeit von Fächern wie der staatsbürgerlichen Erziehung ausgeschlossen waren, übernahm die Aufgabe, ethische und staatsbürgerliche Kenntnisse zu vermitteln.
Zu den Pflichten einer guten Ehe- und Hausfrau gehörte neben der Erledigung der praktischsten Aufgaben auch die Notwendigkeit, «durch ihre liebevolle Fürsorge und ihre höflichen Umgangsformen ihrem Mann und ihren Kindern das häusliche Leben schmackhaft zu machen», indem sie «stets eine heitere und ausgeglichene Stimmung» bewahrte und darauf achtete, «sich niemals zu erlauben, schmutzig oder schäbig zu sein».
Es wurde viel Platz für Fächer eingeräumt, von denen Mädchen normalerweise ausgeschlossen waren, wie Physik, Chemie, Anatomie und Medizin, die unter dem allgemeinen Begriff der «Hygiene» angeboten wurden – ein Thema, dem etwa die Hälfte des Buchs gewidmet war.
Die Autorin erinnerte daran, dass «es hauptsächlich den Frauen anvertraut wird, sich um die Kranken zu kümmern», und forderte alle auf, im Bedarfsfall Krankenschwester zu werden und jeden Widerstand oder Ekel zu überwinden.
«L’Amica di casa» war das erste Tessiner Schulbuch, das von einer Frau für Frauen geschrieben wurde. Es fand enorme Verbreitung. Es wurde mehrfach nachgedruckt, in allen Schulstufen verwendet und diente zudem als Referenz für die Festlegung der Lehrpläne der Hauswirtschaft.
Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zirkulierte das Handbuch weitgehend in den Mädchenklassen. Es trug dazu bei, im kollektiven Bewusstsein eine weibliche Identität zu prägen, die in der Rolle der liebevollen Hausfrau kodifiziert war.
Der Hauswirtschaftsunterricht mag uns heute wie ein Gefängnis erscheinen, er war aber auch ein privilegierter Handlungsraum, in dem die Autorität und Kompetenz der Frauen unbestritten waren. Dies ermöglichte es den Lehrerinnen, sich öffentlich und erzieherisch für die Einschulung von Mädchen einzusetzen.
Auch wenn wir nie erfahren werden, welche Themen Lehrerinnen und Schülerinnen während des Hauswirtschaftsunterrichts besprachen, können wir uns vorstellen, dass gerade in diesen ausschliesslich weiblichen Momenten feministische Diskussionen über die Rechte der Frauen und die zahlreichen Diskriminierungen, die sie erlitten, entstanden.
Übertragung aus dem Italienischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub
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