Papageien-Therapeutin bringt depressive Vögel zum Pfeifen
In der Vogelauffangstation Schwanenkolonie Biel bringt Eva-Maria Suhm gute Laune in die Voliere – mit grosser Wirkung.
Mit Armschutz und festen Schuhen betritt Eva-Maria Suhm die Vogelvoliere der beiden Graupapageien Julia und Geoffrey. Über ihr Handy lässt sie «Mozarts kleine Nachtmusik» laufen. «Da pfeift Julia immer mit», erklärt Suhm und ruft: «Julia, Schätzchen, komm doch mal her!»
Behände klettert Julia am Gitter herunter. Suhm streckt ihr den Arm entgegen, Julia hüpft darauf, trippelt vor und zurück – dann fliegt sie davon. «Bravo, Julia», ruft Suhm.
Es ist der Papageien-Therapeutin zu verdanken, dass Julia fliegen kann. Als sie vor einem Jahr in der Auffangstation Schwanenkolonie in Biel abgegeben wurde, konnte sie das noch nicht – sie hatte es nie gelernt.
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Keine Zeit für Beschäftigung
Seit letztem November therapiert Eva-Maria Suhm in der Schwanenkolonie zwei Nachmittage pro Woche die Graupapageien und Kakadus. Sie aktiviert sie und muntert sie auf. Denn: «Zuvor haben sie einen depressiven Eindruck gemacht», erklärt Suhm. Manche seien nervös herumgeflattert oder hätten sich Federn ausgerupft. «Papageien brauchen Beschäftigung.» Doch in der Vogelauffangstation habe niemand dafür Zeit gehabt.
Bevor Suhm von der Schwanenkolonie offiziell zur Papageien-Therapeutin ernannt wurde, war sie in der Auffangstation als Aushilfe tätig. «Beim Reinigen der Volieren fiel mir auf, dass die Vögel meine Nähe suchen.»
1897 gegründet, beherbergte die Schwanenkolonie in Biel anfangs ein schwarzes Schwanenpaar und verschiedene Wasservögel. Später kam eine Voliere für exotische Vogelarten hinzu.
Seit den 1980er-Jahren hat sich die Schwanenkolonie zunehmend zu einer Auffangstation entwickelt: Sie nimmt verwahrloste oder abgegebene Heimvögel auf und dient gleichzeitig als Notfallstation für verletzte oder verwaiste Wildvögel.
Besonders ist die Notfallklappe, die nach dem Prinzip einer Babyklappe funktioniert. Über sie können verletzte oder hilfsbedürftige Vögel rund um die Uhr abgegeben werden – ein Angebot, das von der Bevölkerung regelmässig genutzt wird.
Das merkte auch Sandra Riverendo, die Stiftungsratspräsidentin der Schwanenkolonie, und sie fragte Suhm, ob sie Lust hätte, die Vögel aufzumuntern. Daraufhin begann Suhm zu recherchieren, was die Vögel brauchen und wie man mit ihnen arbeitet.
Erste Flugversuche
«Das Wichtigste ist Geduld», weiss Eva-Maria Suhm heute. Darum mache sie langsame Bewegungen, spreche leise und versuche durch Beobachtung herauszufinden, wie ein Tier tickt.
Papageiendame Julia habe lange Zeit bei einer Familie gelebt: «Julia konnte nicht fliegen, war jedoch sehr auf Menschen bezogen und liebte Musik», sagt Suhm. Darum habe sie begonnen, mit ihr gemeinsam Lieder zu pfeifen. Irgendwann habe Julia ihr so sehr vertraut, dass sie auf ihren Arm kletterte. Da dachte die Papageien-Therapeutin: «Wäre doch schön, wenn du fliegen könntest, Julia!»
Sie begann, ihren Arm zu bewegen, sodass Julia balancieren musste. «Irgendwann habe ich den Arm so geschüttelt, dass Julia nichts anderes übrig blieb, als ihre Flügel aufzuspannen.» Seither macht Julia beim Fliegen stetig Fortschritte.
Paarung dank Therapie
Auch bei den beiden Kakadus Maggie und Nelson konnte die Papageien-Therapeutin Fortschritte erzielen. «Zuvor waren sie sehr gelangweilt und machten kaum Geräusche», erklärt Eva-Maria Suhm – das entspreche gar nicht ihrer Natur.
Schabernack mit Nelson:
«Kakadus sind sehr neugierig und beschäftigen sich gerne.» Darum habe sie ihnen Holzboxen mit verschiedenen Materialien in die Voliere gestellt, darunter mit Körnern gespickte Tannzapfen, die sie dann «schreddern». Seither seien Maggie und Nelson viel munterer. Und: Sie hätten sich sogar gepaart.
Dass sie bei den Vögeln etwas verändern könne, mache sie glücklich, sagt Eva-Maria Suhm. Doch ihre Arbeit wecke auch ambivalente Gefühle: «Zum Beispiel, wenn ich heimgehe – in die Freiheit –, und die Vögel hängen dann am Käfig und pfeifen mir nach.»
Letztlich sei klar: «Papageien in Gefangenschaft kann man nie gerecht werden.» Aber was sie könne: Das Beste aus der Situation machen.
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