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Das holprige Revival der Nachtzüge in Europa  

Schlaftrain NightJet in Zürich
Nachtzüge verbinden Nostalgie mit Klimabewusstsein. Doch laut Expertinnen und Experten ist die viel beschworene Renaissance der Nachtzüge in Europa alles andere als gesichert. Michael Buholzer / Keystone

Eine Fahrt mit dem Nachtzug durch Europa ist romantisch und klimafreundlich. Die Nachfrage ist gross.  Doch das viel gepriesene Revival der Nachtzüge wird durch veraltetes Rollmaterial, Finanzierungsprobleme und unzureichende Infrastruktur gebremst. 

Nachtzüge verbinden Nostalgie mit Klimabewusstsein. Passagiere, die den europäischen Kontinent im Schlafwagen durchqueren, verursachen 28 Mal weniger EmissionenExterner Link als solche, die mit dem Flugzeug unterwegs sind.

Die Medien räumen dem Thema der Nachtzüge viel Aufmerksamkeit ein, Start-ups sind entstanden, und Regierungen unterstreichen gerne ihre Ambitionen in Bezug auf nachhaltige Mobilität.  

Doch trotz aller Begeisterung gibt es eher wenige Nachtzugverbindungen – insbesondere in Mittel- und Westeuropa. Die Tickets sind häufig Monate im Voraus ausverkauft, zudem sind die Verbindungen nicht immer garantiert.

Hohe Kosten, schwankende Subventionen, veraltetes Rollmaterial (einige Schlaf- oder Liegewagen sind fast 50 Jahre alt) und betriebliche Hürden haben dazu geführt, dass bestimmte Verbindungen aufgegeben wurden.

Nur eine Handvoll Länder und Bahnen – insbesondere die österreichischen Bundesbahnen ÖBB – und einige wenige Start-ups halten das Netz zusammen. 

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Laut Timo Grossenbacher, der die Vergleichsplattform night-ride.comExterner Link betreibt, steht die sogenannte «Renaissance der Nachtzüge» auf «wackeligen Beinen» und vor einer ungewissen Zukunft, 

«Es gab einen grossen Hype um dieses Revival, aber die reale Situation spiegelt diese Euphorie nicht», so Grossenbacher. Ein Rückgang der Subventionen und wechselnde politische Positionen in Bezug auf die Unterstützung erschwerten private Investitionen. 

ÖBB als Marktführer 

Bislang gab es im Jahr 2026 eine Flut von Ankündigungen zu neuen Nachtzugverbindungen, wobei die Umsetzung keineswegs garantiert ist. Der niederländisch-belgische Betreiber European SleeperExterner Link kündigte an, ab Juni dreimal wöchentlich eine Verbindung zwischen Amsterdam, Brüssel, Bern und Mailand anzubieten.

Die Schweizer Behörden verlangen jedoch, dass das durch Crowdfunding finanzierte Unternehmen zunächst einen inländischen Bahnpartner für den Betrieb in der Schweiz finden muss. 

Die österreichischen Bundesbahnen ÖBB sind weiterhin Marktführer im europäischen Nachtzugnetz. Sie betreiben 20 internationale Strecken und unterhalten die grösste Nachtzugflotte des Kontinents.

Sie streben an, die Zahl ihrer Nachtpassagiere bis 2030 von 1,5 Millionen auf drei Millionen zu verdoppeln, und investieren mehr als 500 Millionen Euro (451 Millionen Schweizer Franken) in ihre neue Nightjet-Flotte. Dennoch werden laut ÖBB bis Mitte 2026 nur 24 der ursprünglich vorgesehenen 33 GarniturenExterner Link in Betrieb sein. 

Diese Verbindungen sind stark auf Subventionen angewiesen. Im Dezember stellten die ÖBB und ihre französische Partnerbahn SNCF den Nightjet-Verkehr von Paris nach Wien und BerlinExterner Link ein, nachdem Frankreich seine jährliche Zuwendung in Höhe von 10 Millionen Euro nicht mehr leisten wollte. Die erst 2023 eingeführte Verbindung sei «ohne staatliche Subventionen wirtschaftlich nicht rentabel», teilte die SNCF ein.

Eine PetitionExterner Link zum Erhalt der Nachtzugverbindungen wurde lanciert – erfolglos. Laut Grossenbacher führten unangekündigte Bauarbeiten in Frankreich und Deutschland zu anhaltenden Verspätungen. 

«Ein peinliches Kapitel» 

Das Nachtzugangebot beschäftigt auch die Schweiz, die seit langem stolz auf ihr Bahnnetz ist. Doch ein ab April 2026 geplanter Nachtzug zwischen Basel, Kopenhagen (Dänemark) und Malmö (Schweden)Externer Link wird seinen Betrieb gar nicht erst aufnehmen, weil das Parlament die vorgesehenen Fördermittel über 10 Millionen Franken pro Jahr (über fünf Jahre) nicht freigegeben hat.  

Der Parlamentsentscheid erfolgte, obwohl die Tickets für diesen neuen Nachtzug bereits im Verkauf waren und ein Bundesgesetz über die Reduktion von CO2-EmissionenExterner Link mit der Förderung internationaler Nachtzüge verabschiedet worden war.

Die Abstimmung im Dezember 2025 war äusserst knapp. Doch die Mehrheit setzte sich durch, wonach dieser hohe Betrag besser anderweitig eingesetzt werden sollte als im Nachtzugverkehr. 

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«Nachtzüge haben etwas Reizvolles und Romantisches an sich», sagte der liberale Nationalrat Damien Cottier (FDP) gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Westschweizer Radiosender RTS, «aber ich bin mir nicht sicher, ob wir 50 Millionen Franken an öffentlichen Geldern ausgeben sollten, um Ausflugswochenenden in Kopenhagen oder Malmö zu subventionieren.»

Cottier ist der Meinung, die Schweiz solle sich besser auf Hochgeschwindigkeitsverbindungen zu den grossen europäischen Städten konzentrieren. 

Diverse Umweltverbände kritisierten den Rückzieher des Schweizer Parlaments als «völlig unverständlich» in Zeiten der Klimakrise. Die NGO UmverkehRExterner Link will eine nationale VolksinitiativeExterner Link lancieren, um das Projekt neu zu lancieren.  

Grossenbacher bezeichnet die Episode um die gestrichene Nachtzugverbindung als «peinliches Kapitel» für die Schweiz: «Die Bundesbahnen behaupten, sich für umweltfreundlicheres Reisen einzusetzen, aber ihnen sind die Hände gebunden. Sie müssen genau das tun, was die Politik ihnen vorschreibt.»  

Verbesserung bestehender Strecken 

Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) betreiben derzeit mit Partnerbahnen eine Handvoll internationaler NachtverbindungenExterner Link. Sie nutzen insbesondere die EuroNight- und Nightjet-Dienste der ÖBB, welche die Schweiz mit Amsterdam, Berlin, Hamburg, Wien und Prag verbinden.  

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Die SBB verheimlichen aber nicht, dass ihr Fokus im internationalen Personenverkehr eher auf neuen Tagesverbindungen, denn auf Nachtzugverbindungen liegt. 

«In Bezug auf die Weiterentwicklung des Nachtverkehrs liegt der Schwerpunkt generell auf der Verbesserung der Qualität bestehender Strecken», so SBB-Mediensprecherin Sabrina Schellenberg gegenüber Swissinfo.  

Rund 600’000 Passagiere reisen jedes Jahr mit dem Nachtzug in die Schweiz oder in Gegenrichtung, wobei die Nachfrage das Angebot übersteigt, insbesondere an Feiertagen. «Wir empfehlen daher eine frühzeitige Buchung», sagt Schellenberg. 

Um der Nachfrage nach besseren Dienstleistungen gerecht zu werden, setzen SBB und ÖBB auf  Nightjet-Züge der neuen Generation, wie beispielsweise den Ende 2025 eingeführten Nachtzug zwischen Zürich und HamburgExterner Link, der auch so genannte Mini-Kabinen führt. In Zukunft sollen immer mehr dieser Garnituren verkehren. 

«Nachtzüge sind beliebt, aber aufgrund der hohen Kosten für Rollmaterial, Trassengebühren und Personal nicht rentabel», gibt Schellenberg zu bedenken. Die SBB verbessern ihrerseits das Nachtzug-Angebot im Inland – etwa auf der Strecke Bern–Zürich–Winterthur –, das auf Grund der kurzen Distanzen aber keine Schlaf- oder Liegewagen beinhaltet.  

Teure Infrastruktur 

Hohe Kosten bleiben laut Experten das zentrale Hindernis für die Inbetriebnahme neuer Nachtverbindungen. Schlafabteile brauchen mehr Raum als Sitzplätze, Rollmaterial ist in der Herstellung teuer und knapp. Zudem stehen die Nachtzüge tagsüber meist still. Hohe Trassengebühren und Personalkosten schmälern die Margen zusätzlich. 

Der Mangel an Rollmaterial ist in Europa besonders akut: Nach Jahrzehnten an fehlenden Investitionen gibt es nur noch wenige Hersteller, und neue Schlafwagen sind teuer. «Nur die ÖBB haben neues Rollmaterial gekauft», stellt der Mobilitätsexperte Vincent Kaufmann von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) fest.  

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Für die Umweltorganisation Greenpeace sind Nachtzüge nach wie vor «die beste Option für klimafreundliches Reisen über lange Strecken». Die Bahn habe im internationalen Fernverkehr mit vielen strukturellen Problemen zu kämpfen – von unterschiedlichen Zugsicherungssystemen bis zu unterschiedlichen Spurweiten.

Während die Luftfahrt von Steuern auf Kerosin befreit sei, müssten die Bahnen Energiesteuern, Mehrwertsteuern und hohe Trassengebühren bezahlen. Greenpeace zeigte in einer detaillierten VergleichsstudieExterner Link vom August 2025 auf, dass Bahnreisen auf mehr als der Hälfte der im Vorjahr analysierten Strecken teurer waren als Flüge. 

Anhaltender Enthusiasmus 

Kaufmann ist der Meinung, dass Europa eine eigene Eisenbahnbehörde braucht, um wichtige Fernstrecken zu betreiben – «ein modernes Äquivalent zum Trans-Europe-Express-Netz der 1970er und 80er Jahre».

Grossenbacher seinerseits schlägt vor, dass die Europäische Union 500 standardisierte Züge bestellen und diese zu günstigen Konditionen an Betreibergesellschaften vermieten sollte. Ein weiterer und schnellerer Ansatz wäre die Senkung der Trassengebühren. 

Die öffentliche Unterstützung für eine Wiederbelebung des Nachtzugverkehrs scheint gross zu sein. Eine UmfrageExterner Link aus dem Jahr 2023 in Deutschland, Polen, Frankreich, Spanien und den Niederlanden ergab, dass 69 Prozent der Reisenden Nachtzüge in Betracht ziehen würden und fast drei Viertel der Meinung waren, dass Bahnfahrten auf vergleichbaren Strecken günstiger sein sollten als Flüge.

In der Schweiz zeigte eine Studie aus dem Jahr 2019 ein starkes Interesse an grenzüberschreitenden Nachtzügen auf, wobei Deutschland (60 %), Italien (48 %), Österreich (41 %), Frankreich (37 %) und Spanien (21 %) zu den bevorzugten Zielen zählen. 

Der Enthusiasmus vieler Menschen für die Nachtzüge zeigt sich auch öffentlich:  Mehr als 60’000 Personen unterzeichneten eine PetitionExterner Link zur Rettung der Nachtzug-Strecken Paris–Berlin und Paris–Wien, und Aktivisten veranstalteten kürzlich in elf europäischen Städten «Pyjama-PartysExterner Link» zur Stärkung von Nachtzügen.  

Aber diese Begeisterung führt nicht automatisch zu einer stabilen Nachfrage. «Das Schwierige ist, die Menschen dazu zu bringen, konstant Tag Nachtzüge zu nehmen – also über die ganze Woche hinweg eine gleichbleibende Auslastung zu erreichen», sagt Thibaut Constant, Mitbegründer des neuen Nachtzugbetreibers NoxExterner Link, der bis 2035  in Europa100 Städte verbinden will.

Derzeit stammt die Stammkundschaft von Nachtzügen aus einer Nische der Gesellschaft: Umweltbewusste Reisende, Familien und Freundesgruppen. «Doch damit allein lassen sich Nachtzüge nicht täglich füllen», fügt er an.  

Editiert von gb/vdv, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von Deepl: Gerhard Lob

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