The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Japaner lassen sich von Schweizer nicht bekehren

In Japan Missionar werden: Ein Kindheitstraum von Max Enderle. swissinfo.ch

Der St. Galler Missionar Max Enderle lebt seit 57 Jahren in Japan, in der Präfektur Iwate, einer der vom Tsunami vom 11. März am meisten betroffenen Regionen. Er hatte die Schweiz einst in der Hoffnung verlassen, die Japaner zu bekehren – was ihm misslungen ist.

«Ich glaube, viele Leute sterben, ohne getauft worden zu sein», sagt Max Enderle. Der 85-jährige Schweizer Missionar lebt seit 1954 für die SMB Missionsgesellschaft Bethlehem in Japan.

Zu seiner Gemeinde – rund 130 Gläubige – gehören zwei Kirchen: eine in Kamaishi, einer vom Tsunami vom vergangenen 11. März schwer betroffenen Stadt, und eine in Tono, einer Stadt, die 40 Kilometer im Innern des Landes liegt. Dort lebt der Schweizer Missionar, seit er in Japan ist. Er war auch dort, als die Erde wie noch nie zu beben anfing.

Im kleinen Esszimmer seiner bescheidenen Wohnung erinnert sich und erzählt der St. Galler: Am Tag nach dem Erdbeben begab er sich, so gut es ging, nach Kamaishi, um zu sehen, was dort los war.

Seine auf einer Anhöhe gelegene Kirche erlitt nur kleinere Schäden: Das Erdgeschoss wurde kurz überschwemmt, man musste den Boden ersetzen, das war alles. Kein Vergleich mit den Schrecken, welche Tausende von anderen Bewohnern der Stadt erlebten.

Nothilfe organisieren

Missionar Enderle lancierte zusammen mit seinem japanischen Nachbar und Freund, einem katholischen Bauern, sofort Nothilfeaktionen für die Katastrophenopfer an der Küste. «Wir haben Suppe gekocht, Reis, Fleischgerichte. Mein Freund erhielt eine Bewilligung zur Benutzung der Strasse, zum Bezug von Benzin und zum Verteilen der Nothilfe.»

Die Kirche und die Kurie in Kamaishi sind zur Beherbergung von zwei Priestern eingerichtet. Aber heute nimmt sie 30 Nothelfer auf. Keines der rund 70 Gemeindemitglieder der Mission in Kamaishi wurde von den Fluten mitgerissen. Sie erlitten hauptsächlich materielle Schäden.

Max Enderle erklärt, dass man in Japan «sein Herz nicht nach aussen kehrt, sogar wenn man enorm leidet». Dabei erwähnt er diese Tausenden Menschen, die heute in provisorischen Wohnungen leben. «Diese sind kaum besser als Hütten. Die Leute haben lediglich einen kleinen Raum für sich, sie leiden an Einsamkeit, und die Suizidraten sind sehr hoch.»

Welche spirituelle Hilfe kann ein katholischer Priester zur Linderung des Leides dieser Leute anbieten? «Nichts Bedeutendes, das ist sehr schwierig», antwortet Max Enderle. Er erwähnt die Grosszügigkeit gewisser Gemeindemitglieder, seines Nachbarn, der regelmässig Aktivitäten für die Leute organisiert. «Er hört ihnen zu, er macht Massagen mit ihnen. Im März, als die Katastrophenopfer alle zusammen in Turnhallen lebten, organisierte er einen Bus, um mit ihnen regelmässig in öffentliche Badehäuser zu fahren.»

Mittellose Glaubensbrüder

In Sachen moralischer Unterstützung sind die Glaubensbrüder, gleich welcher Religionszugehörigkeit, ziemlich mittellos. Im Zen-Tempel von Shouanji hat Oberpriester Shikin Ogurosawa seit der Katastrophe im März hundert Begräbniszeremonien geleitet. Es sei aber schwierig, den Schmerz der Trauernden zu lindern, sagt er. «Ich versuche sie mit dem Meer zu versöhnen, das üblicherweise die Nährmutter dieser Küstengebiete ist, jetzt aber von vielen Menschen gehasst wird.»

Im Verlauf der Jahre wurde die SMB Missionsgesellschaft Bethlehem immer kleiner. «In den 60er-Jahren waren wir in der Präfektur Iwate 30 Missionare, heute sind wir, mich inbegriffen, nur noch drei», sagt Max Enderle. Als er 1954 von London aus nach einer fünfwöchigen Schiffsreise in Yokohama eintraf, war es sein Ziel, «die Japaner zu bekehren, das Evangelium zu verbreiten, sie zu überzeugen, dass Gott uns liebt». Aber die Welle der gelungenen Bekehrungen sei nicht so gross gewesen, was er nicht bedaure. «Das ist ihre eigene Angelegenheit», so der Schweizer Missionar.

Ein Kindheitstraum

Missionar werden, nach Japan gehen, das war für Max Enderle ein Kindheitstraum, «seit der Primarschule und meiner Erstkommunion». Wieso das Land der aufgehenden Sonne? «Weil im Nachkriegsjapan alles möglich war. Bei meiner Weihe waren wir zwölf Personen in meiner Immensee-Klasse, die von Japan träumten.» Fast 60 Jahre danach sagt Enderle, er habe in dem Land viel gelernt und insbesondere die Liebenswürdigkeit der Japanerinnen und Japaner schätzen gelernt.

Die Zukunft ist für den Adoptiv-Japaner ungewiss. «Mit 85 Jahren ist es vielleicht Zeit, mich zurückzuziehen», sagt er mit einem leicht traurigen Unterton in seiner Stimme. Ein Knieproblem hindert ihn daran, sich wie früher zu bewegen, als er sämtliche japanischen Berggipfel erkletterte.

«Mein Leben hier beenden? Das wäre eine Bürde für die Leute von Tono. Ich werde eher in die Schweiz zurückkehren, wo mich ein Altersruhesitz in Immensee erwartet. Einige alte Missionare aus Japan sind auch schon dort.»

Da wird es Gelegenheit geben, sich an das Gott gewidmete Leben am anderen Ende der Welt zu erinnern, aber auch an jene Frauen und Männer, die anders denken, aber nicht minder tapfer, wertvoll und liebenswürdig sind.

Der Tsunami vom 11. März 2011 hat an der Nordküste Japans   mehr als 20’000 Tote und Vermisste gefordert.

Die Präfektur von Iwate, nördlich jener von Fukushima gelegen, ist stark verwüstet worden.

Ungefähr 1250 von 40’000 Einwohnern haben in Kamaishi ihr Leben verloren.

Sechs Monate später ist das Stadtzentrum immer noch ein Ruinenfeld. Die Fischrei konnte noch nicht wieder aufgenommen werden, weil die Hafenanlagen vom Erdbeben zerstört wurden.

Viele Einwohner beklagen sich über die Langsamkeit der Regierung. Sie wissen nicht, ob, wann und wo sie ihre Häuser wieder aufbauen können.

(Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud)

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft