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Seit 150 Jahren im Dienst von Staat und Bürgern

Bilder aus der Vergangenheit: Der Fragebogen für die Volkszählung, der alle 10 Jahre an alle Familien geschickt wurde (hier 1960), existiert heute nicht mehr. RDB

Das Bundesamt für Statistik (BfS) feiert seinen 150. Geburtstag. Ganz am Anfang beschäftigte die Institution bei einem Jahresbudget von 20'000 Franken vier Mitarbeiter. Heute sind es 760 Personen und das Budget beträgt 160 Mio. Franken.

Dieser Inhalt wurde am 21. Oktober 2010 - 09:58 publiziert
swissinfo.ch

In den letzten 150 Jahren hat das BfS einen weiten Weg zurückgelegt. In seinen Anfängen musste es mit einer Ecke in der Parlamentsbibliothek in Bern vorlieb nehmen. Seit 1999 residiert das Bundesamt in einem Juwel aus Glas und Stahl nur einen Katzensprung vom Bahnhof Neuenburg entfernt.

Jedes Jahr veröffentlicht das BfS rund 400 Publikationen und verarbeitet Daten aus 21 verschiedenen Bereichen, die von der Demografie über Wirtschaft, Kriminalität bis zur Politik reichen.

Modernisierungsinstrument

Das 1860 gegründete Institut geht auf eine Initiative des freisinnigen Tessiner Bundesrats Stefano Franscini zurück. Für ihn sei das BfS ein wichtiges Instrument zur Modernisierung der Schweiz gewesen, wie Innenminister Didier Burkhalter an der Jubiläumsfeier am Dienstag in Neuenburg sagte.

"Stellen Sie sich die Aufgabe der Landesführer vor, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal über die Daten des gesamten Staatsgebietes verfügten", sagte der Bundesrat weiter.

Gerade in einem jungen Staat wie die Schweiz (der Bundesstaat wurde 1848 gegründet) herrschte noch ein starkes Zugehörigkeitsgefühl für die Kantone vor. Die Statistik sollte dazu beitragen, einen neuen Referenz-Raum zu definieren – in den Grenzen der jungen Schweizer Nation.

Die ersten Erhebungen hätten es ermöglicht, "eine neue nationale Identität in den Köpfen und Herzen zu verankern, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu schaffen", sagte Burkhalter.

Die Regierung hatte von der ersten Volkszähleng keine grossen Ergebnisse erwartet. Sie war hauptsächlich vorgesehen, um "eine gerechte Sitzverteilung im Nationalrat zu garantieren, um zu wissen, wie viele Soldaten man mobilisieren konnte und wie viele Waffen es in den Schweizer Haushalten gab", sagte BfS-Direktor Jürg Marti.

Neue Herausforderungen

Heute hat die Statistik nicht mehr viel gemein mit den Praktiken der frühen Pioniere, obwohl viele der grundlegenden Daten wie Demografie, Sterblichkeit, Geburten immer noch verwendet werden.

"Anfangs war die Statistik eine Art unkoordinierte Quersumme. Die heutigen Erhebungen sind sehr ausführlich angelegt und decken praktisch alle Bereiche des Lebens ab", so Marti weiter.

Die Statistik – "Zahlenspiegel des Lebens", wie sie Didier Burkhalter nannte, ist keine versteinerte Wissenschaft geworden. Die statistischen Werkzeuge werden immer besser, und das BfS kann und will sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, da das Informationsbedürfnis ständig grösser wird und die Fragen, die beantwortet werden sollen, immer komplexer.

Um diesen Herausforderungen gewachsen zu sein, will das BfS vermehrt auf offizielle Register zurückgreifen. Deshalb wird die Volkszählung 2010 nicht mehr mit dem traditionellen Fragebogen, der an alle Familien versandt wird, durchgeführt. Sie stützt sich vielmehr auf die Eintragungen der Einwohnergemeinden und Kantone und jene über Gebäude und Wohnungen.

"Heute haben wir die technischen Möglichkeiten, Register besser auszuwerten", sagte Jürg Marti gegenüber swissinfo.ch. "Eine meiner anderen Prioritäten ist es, die Indikatoren, welche die Lebensqualität und die Gesundheitsvorsorge beschreiben, zu verfeinern."

Qualität

Das Hauptgewicht liegt weiterhin auf der "Qualität", da nur so gewährleistet sei, dass die Schweizer Statistik weiterhin als Grundlage für politische Entscheide verwendet werden könne.

Dieser Aufwand sei nötig, denn die Öffentlichkeit habe "immer weniger Vertrauen in die öffentlichen Daten", erklärte der Präsident der Eidgenössischen Statistik-Kommission, Hans Wolfgang Brachinger.

"Basierend auf Erhebungen in England und Frankreich hat die Kommission Stieglitz (siehe Kasten rechts) die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass dort nur ein Drittel der Bevölkerung den offiziellen Zahlen glaubt."

Wenn dieses Vertrauen abnehme, warnt Brachinger, bekämen dies nicht nur die statistischen Ämter zu spüren, sondern es würde vor allem das Vertrauen in die demokratischen Institutionen verletzt.

Laut Didier Burkhalter ist die Schweiz – zumindest im Moment – nicht von dieser Entwicklung betroffen. "Ich habe eine Menge Sorgen, die unser Land betreffen. Ich glaube jedoch, dass die Ergebnisse in erster Linie das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat widerspiegeln. Und diese Beziehungen werden in den beiden vorher genannten Ländern durch einen Mangel an Vertrauen geprägt", erklärt der Innenminister gegenüber swissinfo.ch.

"In der Schweiz müssen wir aufpassen, um eine solche Entwicklung zu vermeiden. Die Behörden müssen weiterhin mit grösstmöglicher Transparenz arbeiten und mit dem Willen, die nötigen Erklärungen und Auskünfte zu erteilen. Und es muss sichergestellt sein, dass das Bundesamt für Statistik weiterhin völlig unabhängig arbeiten kann."

Dank diesem Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgern könne man den Herausforderungen gerecht werden und Reformen anpacken.

"Denn wenn dieses Verhältnis zerbricht, wird alles noch komplizierter, besonders in einem System der partizipativen Demokratie wie dem unseren."

Worte zur Statistik

Die Statistiken sind eine Form zur Realisierung von Wünschen, wie Träume. (Jean Baudrillard)

Statistiken sind wie Bikinis. Was sie zeigen, ist suggestiv, aber was sie verschweigen, ist wichtiger. (Aaron Levenstein)

Ich traue den meisten Statistiken nicht, denn ein Mann, dessen Kopf in einem vorgeheizten Backofen steckt und seine Füsse in einem Tiefkühlfach, hat statistisch gesehen, eine durchschnittliche Temperatur. (Charles Bukowski)

Die einzigen Statistiken, denen ich glaube, sind jene, die ich selber gefälscht habe. (Winston Churchill)

Menschen brauchen Statistiken in der Regel so, wie ein Betrunkener Strassenlampen: mehr als Stütze als zur Beleuchtung. (Mark Twain)

Fakten sind stur, aber Statistiken sind flexibler.
(Laurence Peter)

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Kommission Stieglitz

Im September 2009 wurde unter dem Vorsitz des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Joseph Stieglitz und nach dem Willen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ein Bericht präsentiert, der vorschlug, neue Instrumente zum Messen des Reichtums der Nationen zu entwickeln. Ziel war, das traditionelle Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu ersetzen.

Das BIP kann oft keine richtigen Antworten geben. So steigt es zum Beispiel nach Naturkatastrophen an, weil die Kosten des Wiederaufbaus eingerechnet werden, nicht aber jene der Katastrophe.

Die Kommission gab 12 Empfehlungen ab, darunter die Beurteilung des materiellen Wohlstands durch die Analyse der Einkommens- und Verkaufszahlen, an Stelle der Produktions-Zahlen, oder die Indikatoren zu Tätigkeiten, die sich nicht unmittelbar auf den Markt auswirken, wie die Kinderbetreuung oder die Hausarbeit.

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Internationale Zusammenarbeit

Seit einigen Jahren bemühen sich die staatlichen Statistikinstitute, ihre Daten zu harmonisieren.

Am 1. Januar 2007 trat eine Vereinbarung über die statistische Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und der EU in Kraft, welche die Erstellung harmonisierter Daten ermöglicht und diese insbesondere in Bezug auf Preise, Arbeitsmarkt, Lebensbedingungen und Transport vergleichbar macht.

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