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Vor 100 Jahren erfolgte der erste Flug über die Alpen



Mikael Carlson fliegt mit dem gleichen Flugzeugtyp wie Geo Chavez.

Mikael Carlson fliegt mit dem gleichen Flugzeugtyp wie Geo Chavez.

(Keystone)

Das Walliser Dorf Ried-Brig hat am Wochenende die Leistungen eines wagemutigen jungen Mannes gewürdigt, der vor 100 Jahren mit seiner fliegenden Maschine Fluggeschichte schrieb.

Am 23. September 1910 hatte der damals 23 Jahre alte Peruaner Geo Chavez – geboren und aufgewachsen in Paris – als erster Mensch die Alpen überflogen, von Brig aus über den Simplon in Richtung Domodossola. Beim Landeanflug stürzte er jedoch ab und starb einige Tage später in einem Spital.

"Die Herausforderung ist es, diese Maschine in die Luft und danach sicher wieder auf den Boden zu bringen", erklärt Mikael Carlson über das Flugzeug Blériot XI. Der schwedische Berufspilot ist einer der wenigen Leute weltweit, die über ihre eigenen Erfahrungen im Fliegen mit dem Eindecker von Chavez berichten können.

Carlson, Besitzer einer 100 Jahre alten Blériot, ist in der europäischen Flugshow-Szene ein gefragter Mann. So gehörte er beim 100-Jahr-Jubiläum von Chavez' Flug im Walliser Dorf Ried-Brig zu den Attraktionen.

Ein Mailänder Komitee von Flugbegeisterten hatte das Bauerndorf auf der Nordseite des Simplonpasses vor hundert Jahren zum Ausgangspunkt eines Wettstreits zu einem Flug über die Alpen ausgewählt.

Wer als erster die Alpen von Ried-Brig aus überfliegen und in einer italienischen Stadt landen würde, erwartete ein Preisgeld von 100'000 Lire, in der damaligen Zeit eine lukrative Summe.

Die Leute im Dorf hätten nicht gewusst, wie ihnen geschah, erklärte Marc Zurwerra, ein einheimischer Student, gegenüber swissinfo.ch. "Sie waren von den vielen Besuchern überrascht, die hierher kamen, um die Männer in ihren fliegenden Maschinen zu sehen."

Besucher von nah und fern

Schaulustige aus der ganzen Schweiz und aus Italien reisten in das Walliser Dorf. "Niemand weiss genau, wie viele kamen. Aber es hiess, dass alle Züge belegt waren und die Leute auch mit Güterzug- und Viehwagons befördert wurden."

Der 19 Jahre alte Zurwerra hat sich mit der Geschichte von Chavez befasst und macht sich Gedanken darüber, wie das Dorf diesen kurzen, aber spektakulären Moment seiner Geschichte in Zukunft besser vermarkten könnte.

Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war für die Luftfahrt eine aufregende Zeit. Städte in ganz Europa versuchten, einander mit Flugwettstreiten gegenseitig auszustechen. Sie stachelten mutige und oft tollkühne Männer in zerbrechlichen Maschinen an, nach immer neuen Rekorden in Sachen Geschwindigkeit, Distanz, Dauer oder Höhe zu streben.

Als der Wettbewerb um einen Überflug über die Alpen angesetzt wurde, hatte Chavez erst sieben Monate Erfahrung mit dem Fliegen, hatte aber schon an mehr als 90 Wettflügen teilgenommen.

Nur ein paar Wochen zuvor hatte er in der Nähe von Paris einen neuen Höhenrekord geschafft, als er mit seiner Maschine auf 2665 Meter hochstieg. Das waren 550 Meter mehr als es für den Flug über die Alpen brauchen würde.

Das Dilemma mit dem Wind

"Die Blériot ist nicht besonders gut im Steigflug. Um von hier aus auf die Höhe des Simplonpasses zu kommen, braucht es ziemlich viel Zeit. Ich denke, man würde recht viel Wind brauchen, der gegen die Berge bläst, Nordwind also, zur Unterstützung des Steigflugs", sagt Carlson im Gespräch mit swissinfo.ch.

"Doch wenn man einmal oben ist, führt der Wind zu Turbulenzen. Und genau das muss damals passiert sein. Das ist das Dilemma. Man braucht zwar Wind für den Steigflug, doch derselbe Wind führt später zu Problemen."

Die Organisatoren vor hundert Jahren hatten fünf der besten Piloten der damaligen Zeit ausgewählt, an dem Wettstreit teilzunehmen, der am 17. September 1910 beginnen sollte.

Wegen schlechtem Wetter wurde der Start verschoben und bis zum 23. September. Am Tag, an dem der historische Flug schliesslich stattfand, hatten sich drei der mutigen Männer bereits zurückgezogen, ohne ihre Maschinen auch nur getestet zu haben.

Ein vierter Kontrahent, der Amerikaner Charles Weymann, hatte bei seinen Testflügen mit seinem Doppeldecker die nötige Flughöhe nie erreicht.

Ruhe, Gelassenheit und Cognac

So blieb nur noch Chavez. Ruhig, gelassen und gefasst, so heisst es, habe er den Flug sorgfältig geplant, die Route erkundet, indem er mit dem Auto über den Simplonpass gefahren sei. Daneben habe er ab und zu einen Cognac getrunken, in einem Café am Rande der Wiese, die für den Wettstreit als Flugfeld diente.

So berichtet es Joseph Steiner, der Besitzer des Cafés, das in den Jahrzehnten nach dem abenteuerlichen ersten Flug zum Hotel Chavez ausgebaut wurde. Jeden Abend erzählt Steiner seinen Gästen Geschichten über den "freundlichen, netten Jungen", die er von seiner Grossmutter gehört hatte.

Ausgestattet mit einem mit Asbest ausgekleideten Anzug, der ihn vor der Kälte schützen sollte, stieg Chavez in das Cockpit.
Kurz darauf rollte das Flugzeug mit seinem gerippeähnlichen Rumpf die abschüssige Wiese hinunter und hob ab. Einmal in der Luft, stieg die Maschine spiralförmig in die Höhe.

Es war ein kurzer und erfolgreicher Flug von etwa 45 Minuten – bis ganz kurz vor dem Ziel. Beim Anflug auf das Flugfeld im Süden der Alpen ausserhalb der Stadt Domodossola klappten beide Flügel nach oben, die Maschine stürzte vornüber ab und begrub Chavez unter sich.

Turbulentes Ende

Carlson glaubt, dass die Tragflächen von Chavez' Blériot nicht so gebaut waren, dass sie starke Windturbulenzen aushalten konnten. Auch andere Maschinen desselben Typs hätten zu der Zeit ähnliche Probleme gehabt.

"Die frühen Modelle hatten noch keine Querverstrebungen mit Klaviersaiten in den Flügeln. Die Flugzeugbauer wussten damals noch nicht wirklich, was sie taten", fügt Carlson hinzu. "Sie lernten aus ihren Fehlern. Nach diesem Absturz wurden alle Blériots mit den Querverstrebungen verstärkt."

Chavez starb vier Tage später in einem Spital an den Verletzungen, die er bei der Bruchlandung erlitten hatte. Doch er würde posthum zu einem Helden der Luftfahrt werden, an den man sich bis heute in vier Ländern erinnert: In seinem Heimatland Peru, seiner "Adoptivheimat" Frankreich sowie in der Schweiz und Italien, den beiden Ländern, in denen Chavez Geschichte schrieb.

Was Chavez vollbrachte und womit er mit seinem Leben bezahlte, dafür zollen ihm Piloten wie Carlson noch heute Respekt. "Ich würde gerne über den Simplon fliegen. Aber wenn ich es tun würde, dann nicht in meiner 100 Jahre alten Original-Blériot. Dafür ist sie mir zu wertvoll."

JORGE “GEO” CHAVEZ

Jorge “Geo” Chavez wurde am 13. Juni 1887 als Sohn peruanischer Eltern geboren. Dank dem Reichtum seiner Eltern konnte er die besten Schulen besuchen.

Chavez war auch ein ausgezeichneter Leichtathlet, vor allem als Langstreckenläufer.

Im August 1909 traf Chavez, der Ingenieur geworden war, bei einer Luftschau in Champagne den bekannten französischen Flieger Louis Paulhan.

Chavez begann, für Paulhan zu arbeiten, was ihm den Weg an eine Flugschule ebnete. Denn dazu musste er erst sein eigenes Flugzeug kaufen und bereit sein, an Flugwettbewerben mitzumachen.

Seinen Jungfernflug machte Chavez am 5. Februar 1910 in einem Voisin-Zweidecker. Zwischen Ende März und Mitte August dieses Jahres nahm er an insgesamt 94 Tagen an Flug-Wettbewerben teil.

Seine athletischen Fähigkeiten stellte der junge Chavez bei einer Veranstaltung im italienischen Verona unter Beweis, als er auf der Startbahn hinter einem Flugzeug herrannte, dessen Pilot Arthur Duray die Maschine verlassen hatte. Chavez gelang es, ins Cockpit zu klettern und das Flugzeug unter seine Kontrolle zu bringen.

Duray, der bei dem Zwischenfall verletzt worden war, gab die Fliegerei auf. Er freundete sich mit Chavez an und wurde dessen Manager und Berater.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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