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Gianna Olinda Cadonau über Figuren am Rand der Gesellschaft

Keystone-SDA

Die Bündner Autorin Gianna Olinda Cadonau veröffentlicht nach Gedichten und einem Roman nun Geschichten. Im Band "Am Kantenhain" fügen sich Auftragstexte und bisher Unveröffentlichtes zu einem zarten Gewebe aus Schmerz und Trost.

(Keystone-SDA) An der Kante ist es gefährlich. Die Kante ist scharf, ist ein Rand, der Dies- und Jenseits voneinander scheidet. Wer «randständig» ist, kann leicht kippen, stolpern, stürzen. «Sich die Kante geben» bedeutet im Slang der Strasse, sich exzessiv zu betrinken, zuzudröhnen.

Die Figuren in Gianna Olinda Cadonaus Erzählband «Am Kantenhain» tun dies nicht, sind aber oft mitbetroffen. Sie werden geschlagen, missbraucht, verlassen und ausgegrenzt. Sie sind anders, in ganz verschiedener Hinsicht. Aber manche von ihnen finden dargebotene Hände oder helfen sich selbst, finden Fluchtwege, Auswege. Das ist die gute Botschaft dieses schmalen, doch heftigen Buches.

Sprache am Rand

Die Autorin, 1983 in Indien geboren und als adoptiertes Kind im Engadin aufgewachsen, ist selbst eine «Andere». So kreisen einige ihrer Geschichten um Hautfarbe, ein Stigma vor allem in alpinen Dorfgemeinschaften, wo «alle anderen weiss sind». Wenn etwa im Text «Steh auf» die kleine Dina – die eigentlich Devi heisst – «im Laden oder in der Post Romanisch spricht, glauben ihr die Leute die Sprache nicht, so dass sie denkt, es gebe vielleicht noch eine andere Sprache. Eine nur für sie».

Gianna Olinda Cadonau schreibt zwar auch Deutsch, ein in seiner Schlichtheit eindringliches Schweizer Standarddeutsch. Sie kämpft aber vor allem für das Romanische, die bedrohte, an den Rand, die Kante gedrängte Sprache. Bei der Lia Rumantscha, dem Dachverband der romanischen Sprachvereine, ist Cadonau für die Kulturförderung verantwortlich.

Die Bündner Kultur ist ihre geistige Heimat, davon spricht ihr ganzes Werk. So zitiert sie in der Geschichte «Steh auf» verteilt auf die Zwischentitel den Dichter Giachen Caspar Muoth (1844-1906): «Stai si! Defenda Romontsch, tiu vegl lungatg!» – «Steh auf! Verteidige, Rätoromane, deine alte Sprache!» «Deine Alte», so nennen die Kinder im Dorf Dinas Grossmutter.

Beziehungsnetze

Gianna Olinda Cadonau lebt heute in Chur, wo der «Kantenhain» für ein alternatives Siedlungsprojekt auf der letzten grossen Landreserve der Stadt steht, dem Ruggenbrecher. Die Titel gebende Geschichte im Buch, «Am Kantenhain», wurde 2024 erstmals publiziert, im Katalog zur Ausstellung «Mehr für alle! Baukultur, Klima, Biodiversität – und der Ruggenbrecher in Chur». Es geht in diesem Text um imaginierte Bewohnerinnen und Bewohner der projektierten Ökosiedlung. Mit feinen Fäden webt die Autorin ein Beziehungsnetz zwischen den Menschen am Kantenhain, bis niemand mehr allein am Rand steht. Wie ein Buch im Buch wirkt das, als ob auch die oft losen Fäden aus den anderen Geschichten zu einem grösseren Ganzen verknüpft würden. So steht zwischen Utopie und Wirklichkeit am Schluss die Hoffnung.

Die Figuren im Buch «Am Kantenhain»

DIE FLÜCHTENDE: NINA IN «NINAS LIEDER»: Eine junge Frau mit Hund, deren graue Augen heller sind als ihre braune Haut. Sie lernt einen jungen Mann kennen, gibt wenig preis, singt ihm romanische Volkslieder vor. Der junge Mann lernt nicht zu fragen und gewinnt so Ninas Vertrauen.

DER AUTIST: TIM IN «DIE REGEL»: Tim zählt auf dem Heimweg Gullys, Parkuhren und Briefkästen, dabei darf er sich nie verzählen. «Das ist die Regel. So passiert nichts.» Einmal macht er doch einen Fehler, gerät in Panik, vergisst daheim seine Pflichten. Da zieht Vater den Gürtel aus der Hose und befiehlt Tim, die seine auszuziehen.

DIE SPRACHLOSE: ANJU IN «WÖRTER UND BLICKE»: Anju hat’s nicht mit den Wörtern, sie besucht «eine Schule für Analphabeten», wie ihre Schwester sagt. Diese bekommt von den Eltern Geld für gute Zeugnisse, Anju nur schräge Blicke. Sie flieht ins Dickicht des Waldes, wo sie einen Zuhörer findet und Zugang zu einer Sprache, die sie fast vergessen hat.

DIE VERNACHLÄSSIGTE: DINA IN «STEH AUF»: Dina hat eine depressive Mutter, die rund ums Haus Müll stapelt. Deshalb sorgt «die Alte», Mutters Mutter, fürs Nötigste. Sie schenkt Dina einen Welpen, welcher auch den Jungen aus dem Unterland entzückt, der bei den Nachbarn zu Besuch ist. Trotz Verbot besucht er Dina und will ihr Freund sein.

DIE VERLASSENE: ERZÄHLERIN IN «JAHRHUNDERTEREIGNIS»: Sie ist die Jüngste, die älteren Brüder sind Zwillinge. Einer ist verschwunden, der andere bald darauf weggezogen. Sie ist geblieben und sieht das Wasser des Flusses steigen. Es dringt in den Keller und zerstört die Hinterlassenschaften der Brüder. Sie aber findet im Dauerregen eine Gefährtin.

DIE VERGEWALTIGTE: VIOLA IN «DIE LEEREN STUNDEN» : Nur in den Stunden seiner Abwesenheit gehört Violas Leben ihr selbst. Sie muss sich diese Stunden verdienen, indem sie tut, was ihr Mann will, und wie er es will. Es ist ein eingespieltes Ritual, hundertfach durchgespielt. Viola verlässt im Geist ihren Körper und lässt es geschehen.

DIE HEIMKEHRERIN: ANNA IN «NUR DIESEN ORT» : Anna hatte eine Fehlgeburt, den Fötus hat sie die Toilette hinuntergespült. Danach kehrt sie zurück an den einzigen Ort, den sie wirklich kennt. Der Vater lebt noch dort, empfängt sie ohne Fragen. Sie zieht in ihr altes Zimmer, wo er ihr Schokolade und ein Kirschkernkissen aufs Bett gelegt hat.

DIE FREMDE: MIRANDA IN «SOMMERENDE»: Die Neue heisst Miranda. Sie ist anders, und die Mädchen, die sich den Jungs angeschlossen haben, helfen ihr nicht, als sie in die Enge getrieben wird. Was dann geschieht, bauschen die Medien später auf. Ein Unfall? Für die Mädchen und die Jungs, die dabei gewesen sind, nur das Ende des Sommers.

DIE KOMPLIZINNEN: «CIRILLA UND SELENA»: Selena schreibt, und um schreiben zu können, braucht sie Cirillas Namen wie eine Initialzündung. Das verbindet die beiden. Cirilla weiss nicht, was Selena schreibt, sie weiss nur, dass es der Freundin nicht gut geht. Selena vertraut ihr die Schreibhefte an und erst Jahre später werden beide frei davon.

DER PROPHET: GROSSVATER IN «MITTWINTER»: Nur Curdins Grossvater wusste, dass in den Steinbrocken unten in der Schlucht ein Wunder wartet. Doch ihm wurde das Maul verboten, wenn er Curdin vom schwarzen Engel erzählen wollte. Nun kommen mitten im Winter die Zugvögel zurück und heben den Schatz, der allen die Sprache verschlägt.

DIE NEUEN MENSCHEN: BEVÖLKERUNG «AM KANTENHAIN»: In dieser Kommune leben sie alle zusammen: Die Gärtnerin mit dem grauen Zopf und Bison, der mitgärtnern will; Hanna mit dem Kind im Bauch und ihr Mann Mathu, der noch nichts davon weiss; Braco, der sich Dinge ausleiht, weil er gehört hat, dass man hier alles teilt. So schwer und so einfach ist das.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung realisiert.

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