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Von der Pilgerstadt ins pulsierende Jetzt

Neues Wahrzeichen aus Glas und Stahl: Der 78 Meter hohe Wasserturm. swissinfo.ch

Die Weltausstellung hat die spanische Provinzstadt Saragossa entscheidend verändert. Die Region will die Infrastruktur der Expo 08 auch künftig nutzen. Neue Wahrzeichen sind ein Wasserturm und eine Brücke von Zaha Hadid.

Ohne minutiöse Kontrolle gelangt in Saragossa kein Mensch auf das 25 km2-grosse Expo-Gelände. Die Spanier leiden immer noch unter den Erinnerungen an die Terroranschläge von Madrid und die Anschläge der Eta.

Rudolf Schaller, Expo-Komissär der Schweiz, hat Verständnis für die Kontrollen. «Der Bahnhof «Atocha» in Madrid ist das Mahnmal der Anschläge vom 11. März 2004. Wenn ich auf einen Flughafen komme, verweisen die Leute auf ein Parkhaus, das einmal von der Eta in Luft gesprengt wurde. Darum nehmen die Spanier ein erhöhtes Sicherheits-Dispositiv sehr gelassen hin. Sie wissen, dass das nützlich ist.»

«Es gibt nur zwei Ereignisse, die einer Stadt eine solche Erneuerung erlauben», freut sich Stadtpräsident Juan Antonio Belloch.

Belloch meint die Olympischen Spiele oder eben eine Weltausstellung. Insgesamt wurden mehr als neun Milliarden Euro in den Aufbau der Expo 08, in Renovationen und in die Verkehrsinfrastruktur investiert.

«In einer Stadt mit knapp 700’000 Einwohnern ergibt das ein in Europa unerreichtes Verhältnis zwischen Investitionen und Einwohnerzahlen», betont Belloch, der sich auch für die Zeit nach der Expo eine wirtschaftliche Blüte erhofft.

«Mit unserer Nähe zur französischen Grenze und je 300 Kilometern Entfernung bilden wir den Mittelpunkt des Dreiecks Madrid-Barcelona-Valencia.»

Bisher war Saragossa vor allem ein Publikumsmagnet für Kulturtouristen (Kathedrale, Fresken von Goya) und dank einer katholischen Legende eine der grössten Marien-Pilgerstätten der Welt.

Verwirrende Dichte

Im Dezember 2004 erhielt Saragossa den Zuschlag für eine Weltausstellung. In lediglich dreieinhalb Jahren hat sich die Stadt in einem Mass erneuert, für das anderswo Jahrzehnte gebraucht werden.

Das römische, arabische und christliche Kulturerbe wurde restauriert, neue Stadtteile sind entstanden. Der Flughafen wurde ausgebaut. Die Dichte der Autobahnen und Schnellstrassen verwirrt sogar die Einheimischen. Dank Hochgeschwindigkeitszug dauert die Fahrt nach Madrid oder Barcelona weniger als anderthalb Stunden.

Saragossa boomt. Hotelzimmer kosten dreimal soviel wie zu normalen Zeiten. Fünfzehn neue Hotels haben erst kurz vor der Expo eröffnet. Im Juli und August sind sämtliche Zimmer ausgebucht.

Spektakuläre Brückenskulptur

Das Expo-Gelände liegt auf einer bisher nicht erschlossenen Halbinsel, zwei Kilometer westlich von der Stadt, auf der andern Seite des Ebro-Flusses. Nicht weniger als fünf neue Brücken über den Ebro verbinden die Stadt mit der Expo. Vom Bahnhof führt eine Seilbahn zum Eingang.

Der spektakulärste Übergang trägt die Handschrift der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid. (Vergleiche Fotogalerie in der rechten Spalte.)

Der 270 Meter lange und bis zu 30 Meter breite «Puente Pabellón» ist die erste gedeckte Brücke Spaniens. Trotz einem Gewicht von 7000 Tonnen ruht die Konstruktion auf einem einzigen Brückenpfeiler.

Das Innere ist eine Ausstellungshalle und steht damit für die Vorgabe, die Neubauten nach Ende der Expo 08 einer anderen Nutzung zuzuführen. Geplant ist ein Mix aus Technologiezentrum und kommerzieller Nutzung.

Kritik trotz Solarstrom

Im spanischen Pavillon etwa – einem wassergekühlten Glas-Gebäude mit einer an Bambuswälder erinnernden Fassade aus Keramiksäulen – wird die Universität Saragossa künftig Architekten ausbilden.

Der Nachhaltigkeit verpflichtet sind die Energieversorgung mit Solarstrom und die Anlage zur Wasser-Wiederaufbereitung. Dennoch kritisierten spanische Umweltschützer in einem offenen Brief die Expo-Manager. Der Ebro, Spaniens zweitlängster Fluss, sei «regelrecht vergewaltigt worden».

Um den Fluss für Ausflugsboote schiffbar zu machen, wurde ein Stauwehr gebaut. Bäume seien in grosser Zahl abgeholzt worden, schreiben die Kritiker und folgern: «Das alles widerspricht jedem ökologischen Sachverstand und auch den Empfehlungen der EU.»

Weltmeister der Improvisation

In den ersten zwei Wochen verweigerte der Fluss der Expo die Zusammenarbeit. Der im Sommer vielfach fast ausgetrocknete Ebro führte Hochwasser. Die von einer Schweizer Firma gebauten Solar-Ausflusgboote verkehren erst seit Anfang Juli.

Hochwasser erschwerte auch die rechtzeitige Fertigstellung des Geländes für die Eröffnung am 14. Juni. Im letzten Moment wurde dennoch fast alles fertig. «Ein Wunder, aber wir sind Weltmeister in der Improvisation», so ein Expo-Manager.

swissinfo, Andreas Keiser, Saragossa

Die Weltausstellung findet vom 14. Juni bis zum 14. September in der nordspanischen Stadt Saragossa statt.

Da Thema lautet «Wasser und Nachhaltigkeit».

Mehr als 120 Länder sind vertreten.

Das Ausstellungsgelände liegt in einer Schlinge des Flusses Ebro und umfasst 250’000 Quadratmeter.

Die Gesamtinvestitionskosten belaufen sich auf rund 9 Milliarden Euro.

Die Verantwortlichen rechnen mit 6 Millionen Besuchern.

Nach Ablauf der Ausstellung soll das Areal in einen Business-Park umfunktioniert werden.

Spanien ist einer der 10 wichtigsten Handelspartner der Schweiz.

Schweizer Exporte: 7 Mrd. Franken.

Schweizer Importe: 4 Mrd. Franken.

Die Schweiz gehört zu den 10 wichtigsten Direktinvestoren in Spanien.

In Spanien leben rund 23’000 Schweizerinnen und Schweizer.

In der Schweiz leben rund 70’000 Spanierinnen und Spanier.

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