Buntes Fest mit musikalischen Perlen
Mit einem Konzert des Trios Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette ist am Sonntag (22.07.) das 35. Montreux Jazzfestival zu Ende gegangen. Es verzeichnete mit 220'000 Personen erneut einen Besucherrekord.
Montreux steht längst nicht mehr für das Revolutionäre. Das Festival bietet eine kunterbunte Mischung ohne stilistische Linie. Die einzelnen Ingredienzen werden indes sorgfältig ausgewählt: Trotz einer gewissen Beliebigkeit steht Montreux nach wie vor für Qualität.
Höhepunkt mit Bob Dylan
Während 17 Tagen sorgten führende Vertreter verschiedener Stilrichtungen für beglückende Konzerterlebnisse. Am überzeugendsten waren die Altmeister. Mit einem eindrücklichen Auftritt von Bob Dylan, der subtile Versionen grossartiger Songs bot, erreichte das Festival bereits am ersten Wochenende einen Höhepunkt.
Dass Altes keineswegs langweilig sein muss, bewies auch Neil Young mit seinem kraftvollen, elektrisierenden Rock von unmittelbarer Wirkung. Ein Beispiel für ungebrochene Leidenschaft lieferte Patti Smith, die mit ihrem Trancegesang magische Momente erzeugte. Der Rockgitarrist Jeff Beck – der vor Popstar Sting in das zuweilen konzeptlose Programm gedrückt worden war – bestach mit technischer Brillanz und Ideenreichtum.
Dass andererseits grosse Namen allein noch keine Garanten sind für gelungene Konzerte, zeigten Van Morrison und Gary Moore, die sich mit der Präsentation eines flachen Abbildes ihrer selbst begnügten und ihr Material ohne Hingabe herunterspielten. Die Led Zeppelin-Herren Jimmy Page und Robert Plant enttäuschten ihrerseits mit einer halbstündigen, belanglosen Rock’n’Roll- Darbietung.
Jazz im Casino
Obwohl auch dieses Jahr die Rockstars sowie die brasilianischen Party-Nächte im Zentrum standen, wurde das Festival hin und wieder seinem Namen gerecht. Für die Jazzkonzerte wurde das Casino reaktiviert. In Club-Atmosphäre war dort neben Mainstream-Darbietungen der Saxophonist Joshua Redman angesagt, der zwar den Jazz nicht neu erfindet, das Erbe der Pioniere aber gekonnt auslotet.
Überraschende Momente gab es auch in der «Stravinsky Hall» bei der Hommage an Miles Davis. George Duke, Herbie Hancock, Chick Corea und Marcus Miller würdigten Miles mit Improvisationen.
Effektmaschine live
Doch auch Neuem bietet das Festival einen Rahmen. Dieses zeichnet sich allerdings weniger durch das Untergraben von Hörgewohnheiten denn durch den Einsatz von Elektronik aus. Zum Szenario gehören digitale Effekte, Sampling- und Scratching-Techniken.
Wie oft diese phantasievoll eingesetzt werden, ist eine Frage – ob sich digitale Musik grundsätzlich für Liveauftritte eignet, eine andere. Manche Vertreter der aktuellen Strömungen, unter ihnen Kruder & Dorfmeister, ersetzten das Fehlende mit aufwändigen Videoprojektionen.
Die meisten kombinierten jedoch die Elektronik mit von Menschen erzeugten Klängen. Roni Size etwa setzte neben Schlagzeug, Bass und Keyboard eine Sängerin ein. Das traditionelle Konzertritual scheint manchmal allerdings im Widerspruch zu stehen mit der Idee, die dieser Musik zugrunde liegt.
260 Gratiskonzerte
Zusätzlich zu den über 100 Konzerten neuen und alten Stils, für die fast 82 000 Tickets verkauft wurden, standen 260 Gratiskonzerte auf dem Programm, darunter viele unter freiem Himmel. Das Publikum liess sich vom regnerischen Wetter nicht abhalten.
Festivalstimmung kam an der Seepromenade zwar erst am letzten Wochenende so richtig auf, als sich die Region von der sonnigen Seite zeigte. Veranstalter Claude Nobs zog dennoch eine positive Bilanz. Seine Rechnung ist einmal mehr aufgegangen, der nächsten Ausgabe des Festivals steht nichts im Weg. Sofern im bunten Rummel auch weiterhin Perlen zu finden sind, ist dagegen wenig einzuwenden.
swissinfo und Agenturen
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