Meinung

Die neue Prekarität: Wie das Virus die Schweizer Kunstszene Empathie lehrt

Wie sollen Schweizer Kunstschaffende mit der Corona-Krise umgehen? Kunst online zu stellen alleine reicht nicht, meint Kurator Damian Christinger. Die Pandemie erschüttere das sichere Fundament, auf dem Schweizer Kunst wuchs und bedinge neue Ansätze des Nachdenkens über den global kulturellen Raum.

Damian Christinger

Für die meisten von uns in der Schweiz ist dies die erste unmittelbare, existentielle Krise unseres Lebens. Dies unterscheidet Zürich, Genf oder Locarno von Kampala oder Delhi, Caracas oder Hong Kong.

Während sich die Auseinandersetzungen mit dem Anthropozän, dem Klimawandel und dem Massentiersterben, die den künstlerischen Diskurs der letzten Jahre auch in diesem Land dominierten, immer auf die rasant näherkommende Zukunft bezogen, liegt die Auseinandersetzung mit der Pandemie in einer Gegenwart, die sich fortwährend verändert. 

Die angewendeten künstlerischen Strategien mögen dieselben bleiben: Blick von der Peripherie aufs vermeintliche Zentrum, Kritik der Macht und Ohnmacht, lokale Strategien zu globalen Fragen.

Der Boden auf dem diese Strategien (und mit ihnen ein wesentlicher Teil des Kulturschaffens) gedeihen konnten, bricht uns aber gerade weg. Damit ist nicht nur das fehlende Publikum, die Schliessung von nicht digitalen Räumen, sondern auch die Grundvoraussetzung unseres Tuns gemeint, die Illusion der Stabilität, eine prekäre Existenz im Austausch für Relevanz. Wir lernen gerade ein für uns völlig neues Gefühl kennen, eine tiefe Unsicherheit.

Natürlich gibt es keine Schweizer Kunstszene an sich, es gibt viele verschiedene. Mit eigenem Publikum, unterschiedlichen Orten der Produktion und des Ausstellens, mit anderem Anspruch an Internationalität oder der Pflege des Lokalen, Kleinen, noch nicht Gewürdigtem.

Und dennoch gibt es auch die oben erwähnten Gemeinsamkeiten und Charakteristiken, die durch die Pandemie gerade in Frage gestellt werden. Was wir gemeinsam aus dieser Krise neu erlernen können, ist die Unsicherheit fruchtbar zu machen, die Pandemie lehrt Empathie.

Damian Christinger (*1975, Zürich) studierte Globale Kunstgeschichte und Interkulturelle Studien. Er war Mitbegründer der Schweizer Galerie Christinger De Mayo und arbeitet heute als unabhängiger Kurator, Autor und Dozent an verschiedenen Institutionen. Er hat ausführlich über transkulturelle Themen und das Anthropozän geschrieben und zu so unterschiedlichen Themen wie den Kulturlandschaften Singapurs, der Rezeption des Amazonas in der westlichen Kunst, den Herausforderungen der Schweizer Museen und Paulo Freire publiziert. Martin Stollenwerk

Als Kulturschaffende haben wir einen kleinen Startvorteil, weil wir es uns gewöhnt sind zu improvisieren und mit wenig auszukommen. Wir dachten wir seien uns Unsicherheit gewöhnt, und stellen erstaunt fest, dass das nicht stimmt. Bis anhin gab es für die meisten einen passenden Fördertopf, oder zumindest die Möglichkeit innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie ein Stückchen des Kunstfeldes für sich zu reklamieren. 

Wie selbstverständlich lebten die meisten von uns im Prekariat, mussten wir unsere Arbeit durch Brotjobs quer finanzieren. Die meisten dieser Brotjobs sind nun gefährdet oder reichen nicht mehr aus, während das Einkommen durch die Kunst für eine gute Weile auf beinahe null schrumpfen wird. Dies stellt alle Kunstszenen vor grosse Herausforderungen. Der in den letzten Wochen feststellbare Aktionismus, vor allem auch digital, ist psychologisch nachvollziehbar, aber wenig zielführend.

Zustände, die für Kunstschaffende in Mexico, Nigeria oder Rumänien normal waren, sind bei uns plötzlich vorstellbar. Dort herrscht aber innerhalb der verschiedenen Szenen grosse Solidarität, die Projekte der nicht so Erfolgreichen werden von den Arrivierteren unterstützt, das wenige, das zur Verfügung steht wird unter einander geteilt. In der Schweiz hatte es bis anhin für alle fast genug. Fast genügend Geld und Mittel, um die Illusion einer künstlerischen Existenz für sich alleine aufrecht zu erhalten.

Wir AusstellungsmacherInnen und Schreibenden, KünstlerInnen und Vermittelnde präsentierten in der Schweiz häufig die Utopien der Anderen: Afrofuturismus, lateinamerikanischer Klassenkampf oder Projekte der rumänischen Solidarität, und haben vergessen und verlernt, Utopien für das Eigene zu entwickeln.

Dystopien als Analysemethoden sind interessant und wichtig, plötzlich brechen sie aber in die Gegenwart ein. Die Pandemie eröffnet dadurch auch die Notwendigkeit, das Neue und Andere für uns zu denken und nicht nur in weiten Fernen zu suchen, um es so auch von uns fern zu halten.

In einer Zeit in der das "Physical Distancing" zur Pflicht wird, sollte das soziale Zusammenrücken im Zentrum der kulturellen Produktion stehen: Solidarität wird auch zu einer künstlerischen Überlebensfrage.

Sozusagen eine zweite Chance, geboren aus der Not, der erneute Versuch die globale Realität in unser "freundliches, aber enges Tal" (um Gotthelfs schwarze Spinne zu zitieren) zu holen, um mit Hilfe eines gemeinsamen, empathischen Imaginierens neue Ansätze zu entwickeln, die für ein kulturelles Leben in der Schweiz - nach der Pandemie - entscheidend sein werden. Inmitten der virtuellen Geschäftigkeit stechen einige Beispiele hervor, die auch längerfristig als Modell Erfolg versprechen.

"Viral – das online Literaturfestival in Zeiten der Quarantäne", wurde gleich zu Beginn des Lockdowns von Melanie Katz, Kathrin Bach und Donald Blum gegründet, ganz eigentlich aus dem Nichts hervorgezaubert. Die Lesungen erfolgen live und können über Facebook mit verfolgt werden, ein Solidaritätstopf sorgt dafür, dass die Schreibenden nicht nur für das vielzitierte «Exposure» arbeiten, sondern tatsächlich auch ein wenig Geld verdienen. 

Die Summe mag dabei vernachlässigbar sein, als Zeichen des gemeinsamen Agierens in einer Zeit in der alle anderen «Content» gratis aufs Netz werfen um irgendwie sichtbar zu bleiben (als ob es auffallen würde wenn wir mal drei Monate nicht vorkommen), sticht diese Herangehensweise hervor und versucht den Ausfall der Literaturfestivals diesen Frühsommer zu kompensieren. Auffällig früh fanden die Lesungen nicht nur in deutschschweizer Wohnzimmern, sondern auch in Deutschland, Österreich, Bosnien oder Frankreich statt.

"Chapter 17" (2016) des Schweizer Künstlerkollektivs Louise Guerra, zu sehen an der Ausstellung Swiss Art Awards 2016 in der Messe Basel. Das Individuum steht nicht mehr im Zentrum des Geschehens. © Keystone / Georgios Kefalas

Die Pandemie bedingt neue Ansätze des Nachdenkens über den global kulturellen Raum. Die oben erwähnten lokalen Strategien zu globalen Fragen sind nicht nur virologisch essenziell, sondern auch ein Schlüssel dazu, wie wir als Kunst- und Kulturszenen mit der Pandemie und ihren Folgen umgehen können oder müssen.  

Eine gemeinsame Reflexion über das Kollektive und Individuelle, das Globale und Lokale aus einem Raum der Empathie (und Kunst ist wie die Pandemie eine eigentliche Empathie-Maschine) könnte einer der Schlüssel dazu sein, handelnd aus der Schockstarre der nationalistischen Interventionalismen hervorzugehen.

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