Geschichtsstunde und doppelte Rhetorik bei der russischen Mission
Liebe Leserin, lieber Leser
Ich gebe zu: Letzten Donnerstag habe ich gezögert, als es darum ging, zur diplomatischen Mission Russlands zu gehen. Nicht, weil ich dem Regen trotzen musste, sondern weil mir die angekündigte Pressekonferenz «über die von der Ukraine begangenen Verletzungen des internationalen humanitären Rechts und der internationalen Menschenrechte» besonders zynisch erschien.
Kiew bebte unter den Bomben und Wladimir Putin drohte erneut mit dem Einsatz von Atomwaffen. War das wirklich der richtige Moment, um Rodion Miroschnik zuzuhören, einem mit EU-Sanktionen belegten Sonderbotschafter, der in Genf zu Gast war – einem der wenigen Orte in Europa, die er noch bereisen darf?
Die Antwort lautet selbstverständlich: Ja, das gehört zu meiner Arbeit als Journalist. Und so habe ich zusammen mit rund zehn weiteren Korrespondentinnen und Korrespondenten eine regelrechte Lektion in umgeschriebener Geschichte erlebt, die nicht mit der russischen Invasion der Ukraine 2022 beginnt, sondern mit dem «Staatsstreich» von 2014.
Gemeint ist die Maidan-Revolution, die zum Sturz des früheren prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch durch das ukrainische Volk führte. Der für die Untersuchungen der «Verbrechen des Kiewer Regimes» zuständige Diplomat präsentierte anschliessend eine Bilderschau mit teils unerträglichen Aufnahmen: verstümmelte Menschen, ausgebrannte Ambulanzen und zerstörte Infrastruktur, die seinen Angaben nach durch ukrainische Drohnenangriffe verursacht wurden.
Aus dieser endlosen Präsentation wurde vor allem deutlich, wie tief der Graben ist, der Moskau heute von den europäischen Hauptstädten trennt. Nach seiner Auffassung verteidigt sich Russland bloss gegen einen kriegstreibenden Westen, der es der Ukraine mit seiner Unterstützung ermögliche, russisches Territorium anzugreifen.
Rodion Miroschnik erklärte, er werde seine Dokumentation mit weiteren diplomatischen Missionen und UNO-Organisationen teilen. Letztere kritisieren allerdings seit Jahren, dass Russland ihnen den Zugang zu den von ihm kontrollierten Gebieten verweigert.
Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bedauerte kürzlich, die von Moskau festgehaltenen Kriegsgefangenen nicht mehr besuchen zu können, obwohl diese durch die Genfer Konventionen geschützt sind.
Russland reist also in eine Schweiz, die es als «unfreundlich» einstuft, aber als milder gesinnt als ihre europäischen Nachbarn, um dort Verletzungen eines Völkerrechts anzuprangern, das es selbst nicht einhält – und zwar bei Organisationen, mit denen es jede Zusammenarbeit verweigert.
Mit freundlichen Grüssen,
Dorian Burkhalter
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