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Mathilde Crevoisier Crelier: «Die Schweiz überschätzt ihre Macht auf dem internationalen Schachbrett»

Mathilde Crevoisier Crelier: "Die Schweiz überschätzt ihre Macht auf dem großen internationalen Schachbrett".
«Meiner Meinung nach ist es wesentlich, die politische Partizipation der Fünften Schweiz zu stärken, insbesondere weil die Stimmenthaltung zunimmt», sagt Mathilde Crevoisier Crelier. Swissinfo / Katy Romy

Die sozialdemokratische Ständerätin Mathilde Crevoisier Crelier plädiert für eine weltoffene Schweiz. Im Rahmen unserer Interviewreihe «Die Fünfte Schweiz im Bundeshaus» spricht sie über ihr politisches Engagement für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer.

Mathilde Crevoisier Crelier wurde im Dezember 2022 gewählt und wechselte direkt von der jurassischen Lokalpolitik in den Ständerat. Die Sozialdemokratin trat die Nachfolge von Elisabeth Baume-Schneider an, als diese in den Bundesrat gewählt wurde.

Die 45-jährige Jurassierin ist ausgebildete Übersetzerin und engagiert sich stark für Bildungs-, Gleichstellungs- und Umweltfragen. Ihr Einsatz für die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer spiegelt ihre Vision einer Welt wider, die über nationale Grenzen hinausgeht.

Im Gegensatz zu Frankreich oder Italien, die ihren im Ausland lebenden Bürgerinnen und Bürgern Wahlkreise einräumen, haben die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer keine direkte Vertretung unter der Bundeskuppel.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Interessen nicht berücksichtigt werden. Mehr als 60 Mitglieder von National- und Ständerat (von 246) sind in der parlamentarischen Freundschaftsgruppe «Auslandschweizer» versammelt.

In jeder Sessionswoche lassen wir einen von ihnen in unserem neuen Format «Die Fünfte Schweiz im Bundeshaus» zu Wort kommen.

Swissinfo: Was war in dieser Session Ihre Priorität?

Mathilde Crevoisier Crelier: Die Priorität dieser Session war das Entlastungspaket des Bundes für 2027-2029. Dieses sieht mehrere Kürzungen vor, die direkt die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer betreffen. Eine der bezeichnendsten Massnahmen war die Streichung der Gelder für das Auslandmandat der SRG.

Der Ständerat lehnte diesen Vorschlag am Mittwoch ab, der zu Kürzungen bei TV5 Monde, 3sat und Swissinfo geführt hätte — einem wichtigen Informationsangebot für die rund 800’000 im Ausland lebenden Schweizerinnen und Schweizer.

Andere Kürzungen, die die Auslandschweizer-Organisation betreffen, die wichtige Dienstleistungen für die Fünfte Schweiz erbringt, wurden jedoch angenommen.

Gleichzeitig haben wir über die Volksinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP) debattiert, die die Zahl der in der Schweiz wohnhaften Personen auf zehn Millionen beschränken will.

Wir haben dem Volk ziemlich deutlich empfohlen, diesen Text ohne Gegenvorschlag abzulehnen. Das ist ein wichtiges Signal, denn diese Initiative hätte Folgen für das Freizügigkeitsabkommen und würde die Mobilität der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer erschweren.

Wie sehen Sie die Schweiz derzeit in der Welt?

Ich denke, dass die Schweiz ihre Macht auf dem grossen internationalen Schachbrett überschätzt. Das hat sich bei ihren Beziehungen zur Europäischen Union gezeigt, mit dem Scheitern der Verhandlungen über das Rahmenabkommen im Jahr 2021. Zu Beginn der Diskussionen über die Bilateralen III sind wir uns des Risikos einer Isolation bewusst geworden, wenn sich die Schweiz zu arrogant zeigt.

Die Tradition des «Rosinenpickens» – also die Vorteile wie die Personenfreizügigkeit zu nutzen, ohne im Gegenzug genügend anzubieten – erscheint mir problematisch. Ich setze daher grosse Hoffnungen in die Bilateralen III, über die wir nächstes Jahr befinden werden.

Warum engagieren Sie sich für die Wählerschaft der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer?

Es ist eine wichtige Gemeinschaft, nicht nur aufgrund ihrer Grösse, sondern auch weil die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer Botschafterinnen und Botschafter unseres Landes sind.

Meiner Meinung nach ist es wesentlich, ihre politische Partizipation zu stärken, insbesondere weil die Stimmenthaltung zunimmt. Diesen Bürgerinnen und Bürgern zu ermöglichen, von überall auf der Welt abzustimmen, erinnert daran, wie wichtig unsere Bürgerrechte sind, auch wenn wir sie in der Schweiz manchmal als selbstverständlich betrachten.

Lesen Sie unseren Artikel über die Entwicklung der elektronischen Stimmabgabe:

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Wie sind Sie mit der Auslandschweizergemeinschaft verbunden?

Ich bin viel gereist, insbesondere im Nahen Osten, wo ich als Forscherin in der Archäologie gearbeitet habe, und ich habe als Kind ein Jahr lang in den USA gelebt. Aber wenn ich im Ausland bin, versuche ich mich der Welt zu öffnen, anstatt Schweizerinnen und Schweizer zu treffen.

Welche Erfolge haben Sie bei der Verteidigung der Interessen der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer erzielt?

Es ist ein Erfolg, der noch bevorsteht, aber ich hoffe auf die Ablehnung der SVP-Initiative, die eine Senkung der Radio- und Fernsehgebühren von 335 auf 200 Franken fordert.

Eine solche Senkung würde sowohl in der Schweiz als auch im Ausland enorme Probleme schaffen. Ich werde mich in dieser Kampagne engagieren, denn Information ist der Nährboden für Verbindungen und Kontakte.

Gab es auch Niederlagen?

Es gibt keine besondere Niederlage, aber die finanziellen Einschränkungen richten grossen Schaden an. Sie hindern die Schweiz daran, so zu strahlen, wie sie es sollte, und erwecken den Eindruck, dass ein Land, das zu vielem fähig ist, sich selbst die Flügel stutzt, seine Verbindungen zum Ausland und zu seiner Bevölkerung im Ausland schwächt.

Sind Sie der Meinung, dass die Interessen der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer unter der Bundeshauskuppel ausreichend vertreten sind?

Sie sind gut organisiert: Als Parlamentarierinnen und Parlamentarier erhalten wir regelmässig Informationen über sie, insbesondere über die Schweizer Revue.

Aber angesichts der zahlreichen Interessengruppen unter der Bundeshauskuppel hat die Verteidigung der Interessen der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer für die Mehrheit des Parlaments keine Priorität.

Wenn Sie auswandern müssten, wohin würden Sie gehen?

Ich mag den Tapetenwechsel. Ich würde daher nicht unbedingt ein Land suchen, das der Schweiz ähnelt. Der Nahe Osten hat mich zutiefst geprägt, und diese Regionen ziehen mich nach wie vor an. Wenn ich auswandern müsste, würde ich wahrscheinlich dorthin zurückkehren.

Editiert von Pauline Turuban; Übertragung aus dem Französischen mit der Hilfe von KI: Claire Micallef

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