Seit 30 Jahren international aktiv
Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi betreibt nicht nur das Kinderdorf in Trogen. Seit 30 Jahren ist sie auch in der Entwicklungs-Zusammenarbeit tätig und feiert demnächst dieses Jubiläum.
Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen ist in der Schweiz als Heimstätte für verwaiste Kriegskinder aus dem zweiten Weltkrieg bekannt. Heute kommen die Kinder und Jugendlichen, die in Trogen wohnen, alle aus der Schweiz.
Kaum bekannt ist indes, dass die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi (SKP) seit 30 Jahren in Entwicklungsprojekten im Ausland tätig ist. Die 1945 gegründete Stiftung hatte sich nämlich 1982 zu einem radikalen Kurswechsel entschieden.
Die Verantwortlichen erkannten bereits in den 70er-Jahren, dass die aufgenommenen Kinder aus aussereuropäischen Ländern immer seltener zurückkehrten. Nach einer Kindheit in der Schweiz war ihnen ihr Ursprungsland fremd und die Schweiz zur Heimat geworden – eine Rückkehr hätte eine Entwurzelung bedeutet.
Da Ostafrika Anfang der 80er-Jahre unter einer grossen Dürre litt, beschloss die Stiftung, den Kindern vor Ort zu helfen, statt einige wenige in die Schweiz zu bringen. Bald weitete sich das Engagement auf weitere Länder aus.
Eritrea auf dem Prüfstand
Auch heute ist die Stiftung in Äthiopien aktiv. Es ist eines von zwölf Ländern auf vier Kontinenten, wo die SKP Partnerorganisationen unterstützt. In Eritrea hingegen wird das weitere Engagement wegen der restriktiven Politik des Landes in Bezug auf Nichtregierungsorganisationen überprüft.
Da die Stiftung jeweils in drei benachbarten Ländern tätig ist, werde das Know-how in der Region erhalten. «Wir halten nach anderen Projekten in Äthiopien und Tansania Ausschau“, sagt Carmen Meyer, Projektverantwortliche für Ostafrika.
Im Zentrum der Schulprojekte steht die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften. Laut Meyer ist die Partizipation und Mitsprache notwendig, damit die Schulen funktionieren. “Dabei wird tradiertes Wissen in die Unterrichtsplanung einbezogen, die Lehrpläne werden den lokalen Bedürfnissen angepasst.“
Keine Parallelstruktur
Beatrice Schulter, Leiterin internationale Programme, ergänzt: «Gleichzeitig arbeiten wir mit staatlichen Stellen zusammen. Wir möchten ja keine Parallelstruktur zum staatlichen Bildungssystem aufbauen. Wir erarbeiten vielmehr alternative Schulformen, die dann von den Schulbehörden als Modelle übernommen werden können.“
In den Programmländern der Stiftung gehören gewaltfreie Erziehungsmethoden, die Sensibilisierung der Lehrkräfte für Kinderrechte und für die kulturelle Identität der Schulkinder ebenso ins Programm wie die Anpassung der Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien.
Viele Länder hätten den Wert der Bildung als Kapital für die Zukunft des Landes erkannt, stellt Schulter fest. Sie engagierten sich für bessere Einschulungsquoten im Rahmen der UNO-Millenniumsziele. Damit Kinder selbst in entlegenen Gebieten zur Schule gehen können, baut die Stiftung auch in Myanmar/Burma, Laos, Thailand oder in Honduras ländliche Schulen auf.
Roma-Kinder im Fokus
Die SKP ist jedoch auch in Europa aktiv geblieben. Der Zerfall ehemaliger staatlicher Strukturen, ethnische Konflikte und wirtschaftliche Krisen erschweren besonders in Südosteuropa vielen Kindern den Zugang zu einer guten Schulbildung.
«Roma-Kinder zum Beispiel sind oft ausgegrenzt. Wir unterstützen lokale Partnerorganisationen in Mazedonien, Moldawien und Serbien, um die Integration von Roma-Kindern zu fördern und die Sensibilisierung der Lehrpersonen und Behörden zu entwickeln“, erläutert Schulter. «In Moldawien fördern wir ausserdem die Integration von Kindern mit Behinderungen in den öffentlichen Schulen.“
Aus Rumänien zog sich die Stiftung jedoch zurück, nachdem das Land der EU beitrat. «Unsere Erfahrungen in Rumänien können wir gut im neuen Programmland Moldawien einsetzen, wo es ähnliche Probleme mit der Integration von Minderheiten wie den Roma gibt“, sagt Schulter
Sich selbst überflüssig machen
Die Leitlinie der SKP bestehe stets darin, nicht selbst Projekte umzusetzen, sondern mit lokalen Partnerorganisationen zusammen zu arbeiten, fasst Schulter zusammen. «Heute unterstützen wir ein Projekt während maximal zehn Jahren, danach sollte es ohne uns professionell weitergeführt werden können. Wir haben unser Ziel erreicht, wenn wir unsere Mitarbeit im Projekt überflüssig machen.
Kurze Schulwege und das Vorhandensein von geschlechtsgetrennten sanitären Anlagen sind oft nötig, damit auch Mädchen die Schule besuchen dürfen.
Mit Coaching und Schulklubs werden Mädchen angesprochen. Vorurteile und Ausgrenzung sowie Gewalt gegen Kinder werden thematisiert und in Kinderforen diskutiert.
Alle Programmländer haben die Kinderrechtskonvention ratifiziert. Auf dieser Grundlage kann die Stiftung darauf hinweisen, dass ein gutes Schulangebot für Mädchen, für Minderheiten und für Behinderte zu den Pflichten gegenüber den Kindern und Jugendlichen gehört.
In den 12 Ländern, in denen sich die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi (SKP) engagiert, ist der Zugang zur Schule keineswegs selbstverständlich – und wenn es Schulen gibt, dann sind die Bedingungen häufig prekär.
So fehlt es oft an grundlegender Infrastruktur wie Sanitäranlagen und Schulmaterial sowie an Lehrpersonen und kindergerechten Bildungskonzepten. Daher bildet die SKP vor Ort lokale Lehrkräfte aus, und zwar so, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen wie sehr grosse Klassen unterrichten können.
Im Zentrum steht die Mission der Stiftung: Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen, die auf den Kinderrechten und auf einem friedlichen Zusammenleben basiert.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch