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Martina Hotz, Aleksandra Lakusheva und Selina Capol haben ein Startup für Videospiel-Designs geschaffen. Damit sind sie in einer Welt unterwegs, die noch stark von Männern dominiert wird. ldd

Ob in der Schweiz oder im Silicon Valley: Ein Startup zu gründen, ist noch immer meist Männersache. Frauen müssen ihre Fähigkeiten mehr unter Beweis stellen und haben es schwerer, das Vertrauen von Investoren zu gewinnen.

Dieser Inhalt wurde am 08. März 2021 - 10:13 publiziert

Auch Selina Capol, Martina Hotz und Aleksandra Iakusheva mussten erfahren, wie schwierig es für Frauen ist, ein Unternehmen aufzubauen. In ihrem Atelier in der Agglomeration von Zürich arbeiten die Drei an ihrem ersten Videospiel: "Letters – a written adventure". Das Game, welches Ende Jahr veröffentlicht werden soll, handelt von zwei Mädchen, die lernen, mit Worten zu spielen.  

Das Projekt entstand während ihres Studiums in Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste und hat bereits mehrere Preise gewonnen. Nach ihrem Abschluss 2018 beschlossen die Entwicklerinnen, ein eigenes Startup zu gründen, um das Spiel zu produzieren und zu vermarkten. Das Ziel der Jungunternehmerinnen ist es, bereits nächstes Jahr davon leben zu können. Die Hürden sind aber zahlreich, denn sowohl die Welt der Videospiele als auch die Welt der Startups sind noch immer Männerbastionen.  

Während der Investorensuche fühlten sich die drei Frauen oft nicht ernst genommen. "Einmal erhielten wir eine Absage, und unsere Arbeit, um die es ja eigentlich ging, war kein Thema für diese Leute. Stattdessen rieten sie uns, Organisationen anzufragen, welche Frauenteams unterstützen", erzählt Martina Hotz.  

Die Erfahrung der Gründerinnen von 5am-games ist bezeichnend: Frauen haben grosse Schwierigkeiten, in der Unternehmerwelt Fuss zu fassen. Weltweit sind bloss 14 Prozent der Gründungsmitglieder von Startups Frauen. Die Schweiz ist keine Ausnahme: Nur 20 Prozent sind Frauen, in den naturwissenschaftlich-technologischen Branchen sogar nur 10 Prozent. In anderen europäischen Ländern ist dieses Ungleichgewicht sogar noch auffälliger.  

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"Während des Booms der Startups in den späten 1990er-Jahren hoffte man, dass mehr Frauen den Schritt in die unternehmerische Selbständigkeit wagen würden", sagt Isabelle Collet, Informatikerin und Professorin für Erziehungswissenschaften. "Man dachte, dass die neuen, innovativen Strukturen soziale Modernität begünstigen würden."

Doch das Gegenteil trat ein. "In dieser ultrakompetitiven Welt werden Menschen, die als schwach wahrgenommen werden, eliminiert. Frauen werden ausgegrenzt, weil man davon ausgeht, dass sie die hohe Arbeitsbelastung nicht bewältigen können und nicht jederzeit verfügbar sind. Ausserdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Frauen inkompetent seien", so Collet.

"Ich fühlte mich isoliert"

Marylène Delbourg-Delphis ist eine der ersten Europäerinnen, die im Silicon Valley ein Technologieunternehmen gegründet hat. ldd

Marylène Delbourg-Delphis erlebte den Beginn des goldenen Zeitalters der Startups mit. 1987 gründete die Französin als eine der ersten europäischen Frauen überhaupt ein Technologieunternehmen im Silicon Valley, wo sie auch heute noch wohnt. "Zu dieser Zeit waren Unternehmerinnen selten. Gerade das Geschäft mit Datenbanken wurde von Männern dominiert. Ich fühlte mich sehr isoliert", sagt sie heute.  

Delbourg-Delphis, die einen Doktortitel in Philosophie hat und mehrere Bücher verfasst hat, war aber nie der Typ Mensch, der sich leicht einschüchtern lässt. Als die Zeit kam, ihre unternehmerische Laufbahn einzuschlagen, zögerte sie nicht. Aber sie musste hart arbeiten, um zu überzeugen. "Diskriminierung von Frauen ist weit verbreitet. Die Messlatte, etwa was Qualifikationen betrifft, ist viel höher als bei den Männern", sagt sie.      

Doch selbst hervorragende Kompetenzen reichen oft nicht aus. In einer Welt, in der das Geld regiert, ist Überzeugungskraft alles. Um erfolgreich ein Startup zu gründen, muss man Investoren überzeugen. Und Frauen haben hierbei oft ein Handicap. Laut Statistik gingen im Jahr 2019 nur gerade drei Prozent der investierten Dollar an Gründerinnen. Diese Zahlen aus dem "Funding to Female Founders"-BerichtExterner Link haben sich während den letzten zehn Jahren kaum verändert.  

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Isabelle Jan, Mitgründerin von PrivateDeal. ldd

Als Mitbegründerin der Hotel-Buchungsplattform PrivateDeal hatte auch Isabelle Jan im Jahr 2019 grosse Schwierigkeiten, Kapital zu beschaffen. "Bei meinen Präsentationen war ich oft die einzige Frau im Raum. Mehrmals wurde ich gefragt, ob ich Kinder habe", erzählt sie. Um ihre Chancen zu erhöhen, beschlossen Jan und ihr Partner, sich bei ihren Pitches abzuwechseln. "Wenn wir nicht ein gemischtes Gründerduo gewesen wären, hätten wir es vielleicht nicht geschafft", sagt die Unternehmerin.

Monica Tocchi stand vor ganz ähnlichen Problemen, als sie 2009 ihr Medizintechnikunternehmen Meditrial aufbaute. "Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis wir unseren ersten Kredit erhielten. Ein männlicher Partner ging schliesslich selbst zu den Bankern – erst dann hatten wir Erfolg", sagt Tocchi.

Hartnäckige Stereotypen

Warum ist es als Frau so schwierig, das Vertrauen von Investoren zu gewinnen? Carolina Müller-Möhl hat mögliche Erklärungen. Die Investorin und Philanthropin findet, dass Frauen dazu neigen, sich selbst gegenüber übermässig kritisch zu sein. "Sie haben brillante Ideen und präsentieren diese auch gut, aber äussern schon bei den ersten Gesprächen Zweifel und Sorgen. Bei Männern ist das viel weniger der Fall", sagt Müller-Möhl, die im Bilanz-Ranking der 300 reichsten Schweizerinnen und Schweizer auf Platz 162 rangiert.

Auch Geschlechterklischees seien nur schwer zu überwinden, ergänzt sie. "Investoren müssen ihre eigenen Vorurteile, die sie oft unbewusst haben, stärker berücksichtigen, wenn sie Entscheide treffen", sagt sie. Zum Beispiel würden Frauen, die ihre Ideen mit grossem Selbstbewusstsein verteidigen, oft als herrisch, überambitioniert oder gar egoistisch wahrgenommen.  

Carolina Müller-Möhl ist Investorin und rangiert auf Platz 162 im Bilanz-Ranking der 300 vermögendsten Schweizerinnen und Schweizer. Sabina Bobst / Lunax

Die Unternehmerin verweist auch darauf, dass die Tech- und IT-Branche die meisten Investoren anziehe. Gerade in diesen Gebieten seien Frauen stark unterrepräsentiert. Das sei mit ein Grund, weshalb es in der Schweiz nur wenige Gründerinnen gebe. "Die Mentalität muss sich ändern: Junge Frauen müssen das Selbstvertrauen erlangen, Wege in diese Branchen einzuschlagen. Und sie müssen dabei unterstützt werden", sagt sie. 

"Diskriminierung muss geächtet werden"

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Initiativen entstanden, welche Frauen den Weg zum Unternehmertum erleichtern sollen. Zum Beispiel hat die vom Zürcher Startup Campus ins Leben gerufene Plattform Female Founders eine interaktive KarteExterner Link kreiert, die Schweizer Neugründerinnen auflistet. "Mit diesen Vorbildern wollen wir andere Frauen inspirieren", erklärt Eliane Albrecht vom Female-Founders-Team.  

Solche Projekte seien gut und wichtig, sagt Isabelle Collet. "Aber sie reichen nicht aus." Viel wichtiger sei es, ein einladendes Umfeld zu gewährleisten, insbesondere bei Schulungen. "Diskriminierung, Sexismus und Mobbing müssen geächtet werden", betont die Erziehungswissenschaftlerin.  

Für Marylene Delbourg-Delphis ist die Gleichstellung eine Frage der Zeit. Die Silicon-Valley-Pionierin zeigt sich optimistisch: "Ich denke, dass wir die Gleichstellung innerhalb einer Generation erreichen werden."  

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