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Das "weisse Gold", Schwergewicht der alpinen Wirtschaft

Eröffnungstag des Skigebiets in Airolo, Kanton Tessin, am 12. Dezember 2020. Das Tragen einer Maske ist vorgeschrieben. Keystone / Alessandro Crinari

Während die Nachbarländer ihre Skigebiete im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie mit restriktiven Massnahmen belegen, lässt die Schweiz ihre Pisten vorerst offen. Denn die Wirtschaft in den Alpenregionen ist sehr stark vom Skibetrieb und Wintertourismus abhängig.

Dieser Inhalt wurde am 17. Dezember 2020 - 09:58 publiziert

Die Schweizer Skigebiete haben in den letzten Wochen besondere Aufmerksamkeit in der ausländischen Presse erhalten. Während alle Nachbarländer beschlossen, ihren Bürgern das Skifahren in der Weihnachtszeit zu verbieten oder zumindest davon abzuratenExterner Link, gab die Schweizer Regierung den hiesigen Skistationen unter bestimmten Bedingungen vorerst grünes LichtExterner Link. Der Druck der Nachbarstaaten war zu wenig gross gegenüber dem Aufschrei der Branchenbeteiligten, der Vertreter der Alpenkantone und der meisten Parlamentarierinnen und Parlamentarier in der Schweiz.

In dieser noch nie dagewesenen Situation lohnt es sich, die Tätigkeit der Schweizer Skistationen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn die Kontroversen über den Betrieb im Coronawinter haben bereits begonnen: Mitte November in Zermatt und vor zehn Tagen in Verbier wurden Bilder von Skifahrenden, die unter Missachtung der AbstandsregelnExterner Link zusammengepfercht waren, in der Schweiz und der europäischen Presse heftig kritisiert.

Natürlich wäre ein Verzicht auf diesen Geldsegen wirtschaftlich sehr gefährlich. Die Bergregionen der Schweiz nehmen fast zwei Drittel der Landesfläche ein und sind wichtige Zentren für den Tourismus. Gemäss Zahlen des Bundesamts für StatistikExterner Link (BFS) wurden in den Jahren 2018 und 2019 54% aller Hotelübernachtungen im Wallis, in Graubünden und in der Region Bern verbracht. In den Bergregionen wird jeder fünfte Franken direkt oder indirekt durch den Tourismus erwirtschaftet, und jeder vierte Mensch ist in der Branche tätig.

Für diese Regionen, in denen sich die wichtigsten Skigebiete des Landes befinden, ist der Winter eine entscheidende Zeit: Zwischen Dezember und März werden die Hälfte der Hotelübernachtungen in Graubünden, namentlich in Davos, und mehr als 40% der Übernachtungen im Wallis – zum Beispiel in Zermatt – verzeichnet.

"Der Wintertourismus macht etwa ein Prozent des Schweizer BIP aus, aber mehr als zehn Prozent für Bergregionen wie das Wallis und Graubünden", sagt der Fachberater Laurent Vanat, Autor eines internationalen Berichts über Schnee- und BergtourismusExterner Link. Insgesamt generiere der Wintertourismus rund fünf Milliarden Franken pro Jahr, so der Spezialist gegenüber SWI swissinfo.ch.

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Bahnen und Lifte: Lunge der Skigebiete

Zwar deutet der Trend in den letzten Jahren leicht aber stetig abwärts. Dennoch bleiben die Seilbahnen, Skilifte und das Skifahren die Hauptantriebskräfte in einem Skigebiet. Sie generieren sowohl direkte als auch indirekte wirtschaftliche Nebeneffekte auf regionaler Ebene, so der Schweizer Tourismus-VerbandExterner Link. "Es sind auch die Infrastrukturen, die es uns ermöglichen, die grössten Mengen an Touristen zu empfangen", sagt Vanat.

Im Geschäftsjahr 2018-2019 (das den Sommer 2019 einschliesst) erzielte die Branche einen Gesamtumsatz von 1,5 Milliarden Franken, wovon drei Viertel im Winter erwirtschaftet wurden. Sie beschäftigte fast 17'000 Menschen, so der nationale Dachverband der SeilbahnbrancheExterner Link.

Die Schweizer Skigebiete verzeichneten in der letzten Saison knapp über 20 Mio. Skifahrertage (Erstfahrten pro Person und Tag im Winter) – eine Zahl, die aufgrund des pandemiebedingten vorzeitigen Saisonendes und der geringen Schneemenge um fast 20% unter der Vorsaison liegt. Der Fünfjahres-Durchschnitt liegt bei rund 23 Millionen. Zwei Drittel der Gäste kamen aus der Schweiz und fast 28% aus der Europäischen Union.

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Inländische Skifahrende machen in fast allen Ländern den Grossteil der Besuche aus. Nur zwei Länder auf der Welt bilden eine Ausnahme: Andorra und Österreich. Dort entfallen laut dem Bericht von Vanat 90% beziehungsweise zwei Drittel aller Besuche auf ausländische Gäste.

Wintertourismus auch für benachbarte Bergregionen zentral

Der Wintertourismus ist die primäre Einkommensquelle eines grossen Teils der Berggebiete in Frankreich und Österreich. Die Hälfte der Wirtschaft Savoyens ist direkt oder indirekt mit dem Wintersport verbunden, so "Domaines skiables de France"Externer Link.

Französische Skigebiete generieren jährlich mehr als 1 Milliarde Euro an Einnahmen und repräsentieren geschätzte 10 Mrd. Euro an Ausgaben, d.h. zwischen 5 und 10% der französischen Tourismuswirtschaft. Diese Skigebiete bieten jeden Winter 18'000 direkte und 120'000 indirekte Arbeitsplätze.

In Österreich generierten die SeilbahnenExterner Link in der Wintersaison 2018-2019 1,5 Milliarden Euro Gewinn. Die Branche schätzt, dass die Wintersportlerinnen und -sportler einen Gesamtumsatz von mehr als 11 Mrd. Euro und einen Beitrag zum österreichischen BIP von fast 6 Mrd. Euro einbringen. Fast 126'000 Arbeitsplätze wurden direkt oder indirekt durch diese Industrie geschaffen.

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Schweiz: wichtige Akteurin in globaler Skiindustrie

Winteraktivitäten bringen mehr als 33 Milliarden Euro auf europäischer Ebene und 69 Milliarden Euro weltweit ein, so Vanat. Die Alpen sind mit mehr als 40% der Skifahrerinnen und Skifahrer weltweit der mit Abstand grösste Skimarkt auf dem Planeten.

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Mit durchschnittlich 23 Millionen Skitagen rangiert die Schweiz weit hinter den USA, Frankreich und Österreich. Allerdings hat die Schweiz pro Kopf nach Österreich weltweit die zweithöchste Quote an Skifahrertagen.

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Insgesamt gibt es auf der Welt mehr als 2000 Skigebiete mit mindestens fünf Seilbahnen oder Liften. Mit jeweils mehr als 200 Resorts über die meisten verfügen die USA, Japan, Frankreich und Italien.

In absoluten Zahlen liegt Österreich auf Platz fünf (200 Resorts) und die Schweiz auf Platz sechs (knapp 90). Mit mehr als zwei Stationen pro 1000 Quadratkilometer weist die Schweiz jedoch nach Japan und Österreich die höchste Stationsdichte auf.

Weltweit gelten etwa 50 Skigebiete als gross – das heisst, sie zählen mehr als eine Million Skifahrertage pro Wintersaison. Davon befinden sich 80% in den Alpen. In Österreich gibt es die meisten dieser grossen Urlaubsorte, knapp vor Frankreich.

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Auf Platz vier rangiert die Schweiz, mit sechs grossen Skigebieten: Zermatt (Wallis), der beliebteste Schweizer Urlaubsort, gefolgt von Arosa Lenzerheide (Graubünden), Adelboden-Lenk (Kanton Bern), Davos-Klosters (Graubünden), Verbier (Wallis) und St. Moritz (Graubünden).

Obwohl der Wintersport in der Schweiz deutlich teurer ist als in den Nachbarländern (in der letzten Saison bezahlten Touristinnen und Touristen etwa ein Drittel mehr als in Österreich und Frankreich), befürchteten die Nachbarländer, die den Zugang zu ihren Skigebieten beschränken, in dieser Saison eine Verlagerung in die Schweiz.

Die französische und die italienische Regierung haben eine obligatorische Selbstquarantäne bei der Rückkehr eingeführt, um ihre Bürgerinnen und Bürger davon abzuhalten, während der Ferienzeit auf Schweizer Pisten Ski zu fahren.

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