Atmosphärische Hitze-Dystopie im Kino
Das Drama "Don't Let The Sun" von Jacqueline Zünd versetzt in eine Zukunft, in der die Beziehungen der Figuren unter der Hitze leiden. Es ist der erste fiktionale Film der Schweizer Filmemacherin.
(Keystone-SDA) Am Locarno Film Festival war ihr Film vergangenen August im Wettbewerb «Cineasti del Presente» zu sehen. Es sei seit Jahren ihre persönliche Lieblingssektion, sagte Regisseurin Jacqueline Zünd damals in Locarno zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Sektion widmet sich jeweils Filmen, die mit einer erfrischenden, originellen und freien Filmsprache bedeutende Themen beleuchten.
Das tut «Don’t Let The Sun» durchaus. Der Film spielt in einer Zukunft, in der die Umwelt so zerstört ist, dass die Menschen Mühe haben mit sozialen Beziehungen, Nähe ist rar. Damit das Leben noch erträglich ist, wird es in der Nacht gelebt. Geht die Sonne auf, sind die Strassen leer. 49 Grad Celsius zeigt eine Anzeige in der Metropole an.
Es ist so heiss, dass nicht etwa ein Saunabesuch zum Freizeitprogramm gehört. Vielmehr verabredet man sich in einer Art Kühlraum, um dort zu verweilen, vielleicht mit einer Lektüre. Vom Personal gibt es beim Besuch eine Wolldecke.
Beziehung gegen Bezahlung
Zentral im Film ist die Figur Jonah. Der Endzwanziger verdient sein Geld damit, für andere eine Leere zu füllen, die aus der fehlenden Nähe entstanden ist. Dazu schlüpft er in eine gewünschte soziale Rolle, in jene des Sohnes oder des Freundes. Dann erhält er von der Mutter der neunjährigen Nika den Auftrag, als Vater in das Leben des Mädchens zu treten. Diese simulierte Vater-Tochter-Beziehung ist es schliesslich, die Jonah aus der Bahn wirft.
Zünd, die bisher vor allem im Dokumentarfilm zuhause war, hat mit ihrem ersten fiktionalen Film ein sehr atmosphärisches, sich langsam entfaltendes Werk geschaffen, das über Bilder Stimmung evoziert. Dialoge gibt es in «Don’t Let The Sun» wenige. Manche würden ihn als Moodfilm bezeichnen.
Sie habe schon immer mit dieser Filmsprache gearbeitet, erklärte die Filmemacherin. «In diesem Film ergab es jedoch auch inhaltlich Sinn – in der Hitze sprechen Menschen nun einmal weniger.» Gedreht wurde in Genua, Mailand und São Paulo.
Das Drama entwirft zwar eine dystopische Zukunft, jedoch keine, die fernab unserer Realität liegt. Die Temperaturen steigen ohnehin, und mit der Hitze nehmen körperliche Berührungen zwischen Menschen ab. Ausgehend von dieser Beobachtung treibt die Filmemacherin die Idee in ihrem Werk auf die Spitze und stellt die Frage, wie eine solche Zukunft aussehen könnte.
Bewusstmachen ohne Mahnfinger
Zünd will nicht mit dem Mahnfinger vor dem Klimawandel warnen. «Mir ging es nicht darum, ein düsteres Zukunftsbild zu zeichnen, sondern vielmehr darum, einfach nochmals bewusst zu machen, dass dieses Szenario durchaus realistisch ist.»
Die Frage, was die zunehmende Hitze mit uns Menschen macht, hat die Drehbuchautorin und Regisseurin zu einem weiteren Film gebracht: Noch in diesem Jahr soll ihr Dok «Heat» erscheinen, der sich genau mit dieser Frage auseinandersetzt. «Mein Drama und mein kommender Dok haben sich gegenseitig inspiriert», so Zünd.
Die wenigen Dialoge im Film sind auf Englisch, aber alle Figuren sprechen mit eigenem Akzent – Englisch ist nicht die Muttersprache des Schauspielensembles. Für Zünd eine bewusste Entscheidung: «Ich wollte eine Stadt zeigen, in der Menschen aus aller Welt leben.» So wirkt der Film, als spiele er in einer noch stärker globalisierten Zukunft. Gleichzeitig liegt über der Stadt eine spürbare Leere – vielleicht, weil viele schon an kühlere Orte gezogen sind.
Inspiration aus Japan
Jacqueline Zünd, die das Drehbuch zusammen mit dem Drehbuchautor Arne Kohlweyer schrieb, arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie zum Film wechselte. Gerade bei Dokumentarfilmen liegt diese Verbindung nahe.
Die Idee zu «Don’t Let The Sun» entstand während der Recherche für einen Dokfilm: In Japan stiess sie auf eine Agentur wie im Film, bei der man soziale Kontakte mieten kann. Um Fragen zu erforschen, wie sich zwischenmenschliche Beziehungen verändern und welche Einflüsse – etwa steigende Temperaturen – dabei eine Rolle spielen, schien ihr die fiktionale Form am geeignetsten.
Wie das wirkt, ist ab Freitag in den Deutschschweizer Kinos zu sehen.