Auch die Schweiz ist nicht vor Waldbränden sicher
Während in Frankreich riesige Waldbrände wüten, ist die Schweiz bisher weitgehend verschont geblieben. Doch Entwarnung gibt es keine: Auch hierzulande sind laut einem Experten Waldbrände mit verheerenden Folgen möglich.
(Keystone-SDA) Das Risiko unterscheidet sich allerdings grundlegend von jenem in unserem Nachbarland. «Flächenmässig sind Waldbrände in der Schweiz kleiner», sagt der Waldbrand-Experte Boris Pezzatti von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Das Mittelland sei durch sein zerstückeltes Waldareal kaum von grossflächigen Bränden bedroht. «In den Alpen und im Jura gibt es aber sehr wohl grössere zusammenhängende Waldflächen», so Pezzatti.
Wie verheerend Feuer in solchen Gebieten wüten können, zeigte sich 1973 im Tessin: Damals brannten übers Jahr verteilt rund 73 Quadratkilometer Wald – fast fünf Prozent des gesamten kantonalen Waldbestandes. Allein bei einem einzigen Grossbrand im Val Colla standen 1600 Hektar in Flammen.
Steile Hänge prägen Waldbrandgefahr
In der Schweiz sei die Waldbrandgefahr stark von der Topografie geprägt. An steilen Hängen entwickeln sich Brände extrem schnell. Hat ein Feuer erst einmal eine gewisse Stärke erreicht, ist es kaum mehr zu stoppen. Das Gefälle hat gegenüber flachen Regionen aber auch einen entscheidenden Vorteil: Feuer wandern nach oben – und damit weg von den Siedlungen, die in der Regel im Tal liegen.
Evakuierungen gibt es in der Schweiz wegen Waldbränden daher nur selten – wenngleich sie vorkommen, wie etwa 2023 in Bitsch VS. Insgesamt 205 Personen aus den Weilern Oberried und Ried-Mörel wurden damals zeitweise evakuiert, da starker Wind drohte, den Waldbrand in die Siedlungsgebiete zu lenken. Schlussendlich drehte der Wind aber und die Weiler blieben verschont.
«Die Gefahr kommt nach dem Feuer»
Auch wenn Waldbrände in der Schweiz flächenmässig kleiner ausfallen, und oft nicht direkt Siedlungsgebiete bedrohen, können ihre Folgen gravierend sein.
«Die Gefahr kommt oft erst nach dem Feuer», sagt der Experte Pezzatti. Denn viele Bergwälder erfüllen eine essenzielle Schutzfunktion. Brennen sie nieder, sind darunter liegende Dörfer schutzlos Naturelementen ausgesetzt.
Die Bedrohung zeigt sich oft Jahrelang. Wenn die abgestorbenen Wurzeln im Boden verrotten, verliert der Hang seine Stabilität. So wälzten sich nach dem Waldbrand in Visp (2011) erst im Jahr 2017 gewaltige Murgänge in Richtung Dorf. Vorsorglich dafür gebaute Auffangbecken konnten die Schlammassen glücklicherweise aufhalten.
Waldbrandgefahr steigt, trotzdem weniger Brände
Durch den Klimawandel nehmen Hitze und Trockenheit zu, die meteorologische Waldbrandgefahr steigt. Umso überraschender wirkt ein Trend: In traditionellen Waldbrand-Hotspots wie dem Tessin ist die Zahl der Waldbrände über die Jahrzehnte gesunken, wie Pezzatti erklärte. «Es gibt sogar junge Bergfeuerwehrleute, die noch keinen einzigen Waldbrand gelöscht haben.»
«Das heisst aber keineswegs, dass die Gefahr nicht da ist», stellt der Experte klar. Dass es seltener brenne, sei vielmehr das Resultat konsequenter Vorsorge.
Die effektivste Feuerbekämpfung findet lange vor dem ersten Funken statt. «Es gibt Brände, die man nur 20 bis 30 Jahre im Voraus löschen kann», so Pezzatti.
Der Schlüssel liegt laut dem Experten in der Raumplanung und Landschaftsnutzung: Offene Landwirtschaftsflächen zwischen Wald und Dörfern stoppen das Feuer, bevor es Siedlungen erreicht. Werden diese Flächen aufgegeben und verbuschen sie, rückt die Gefahr direkt an die Wohnhäuser heran, wie Beispiele aus dem Mittelmeergebiet zeigen.
Zudem hätten die Kantone in die Feuerbekämpfung investiert. So seien Löschwasserbecken für Helikopter gebaut und die Ausbildung der Einsatzkräfte verbessert worden. Die Kantone Wallis, Tessin und Graubünden befassen sich seit langem mit dem Thema. Der Hitzesommer 2003 habe das Bewusstsein aber auch nördlich der Alpen geschärft. «Dass die Vorbereitung wirkt, zeigt sich in diesem Jahr. Die Schweiz ist auf gutem Weg».