
Afrika wird wichtiger – und alle wollen sich annähern

Am Ende des Jahrhunderts wird voraussichtlich jeder dritte Mensch in Afrika leben. Damit nimmt auch die Bedeutung der Afrikanischen Union zu. Die Schweiz hat ihre diplomatische Annäherung längst begonnen.
Afrika ist die Zukunft, heisst es. Vor allem, weil der afrikanische Kontinent aufgrund der demografischen Entwicklung künftig einen grossen Teil der Weltbevölkerung beheimaten wird. Gemäss Prognosen lebt ein Drittel der Menschen bis zum Jahr 2100 auf dem Kontinent.
Das hat den Kontinent zu einem begehrten diplomatischen, ökonomischen und geopolitischen Partner gemacht.
«Afrika […] wird in den kommenden Jahrzehnten entscheidend die globalen Entwicklungen mitprägen.» Das ist der erste Satz der neuen Afrika-StrategieExterner Link der Schweiz. Immer mehr Länder formulieren solche strategischen Papiere, ein Zeichen dafür, dass sie ihre diplomatischen Bemühungen intensivieren.
Allein im letzten Jahrzehnt sind denn auch mehr als 200 neue diplomatische Vertretungen auf dem Kontinent eröffnet worden – besonders viele von Ländern aus dem Globalen Süden, die ihre Beziehungen zu Afrika vertiefen wollen.
Ein Teil davon befindet sich in Addis Abeba, die Hauptstadt von Äthiopien ist auch Sitz der Afrikanischen Union (AU). Die AU, bei der alle afrikanischen Staaten Mitglied sind, ist die Vertretung des Kontinents auf multilateraler Ebene – mit dem Ziel der wirtschaftlichen und politischen Integration, ähnlich wie die EU in Europa, und einem Fokus auf Frieden und Sicherheit. Deshalb wird die AU auch wichtiger.

«Die Afrikanische Union hat sich als wichtigste Akteurin zur Förderung afrikanischer Interessen etabliert», sagt Dêlidji Eric Degila, Professor für internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf. Sie habe zwar zahlreiche Herausforderungen, die sie meistern müsse – wie auch die UNO oder die EU etwa – aber seit ihrer Gründung 2002 als Nachfolgerin der Organisation für Afrikanische Einheit sei sie nicht mehr wegzudenken, so Degila. «Im Jahr 2023 wurde die AU in die G20 aufgenommen, was ihre zunehmende Bedeutung signalisiert.»
Ähnlich sieht es Ueli Staeger, Assistenzprofessor für internationale Beziehungen an der Universität Amsterdam: «Die AU hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten diskursiv eingebracht, hat geballte diplomatische Macht und weiterhin grosses Potenzial – das von entsprechenden Ambitionen begleitet wird.»
Luft nach oben gibt es aber viel: Der Kontinent ist von zahlreichen Konflikten geplagt, welche die AU nicht einzudämmen vermag. Die regionale Integration geht nur schleppend voran. Und die Union hat mit ihrer schwerfälligen Bürokratie und strukturellen Defiziten zu kämpfen.

Ein wesentliches Problem ist die Finanzierung, sind sich beide Experten einig. «Nach meinen Berechnungen kam in manchen Jahren bis zu 70% des Budgets der AU von der Europäischen Union. Das ist absurd für eine Organisation, die der vollen Dekolonisierung Afrikas verpflichtet ist», so Staeger.
Viele Projekte der Union sind fast vollständig von ausländischen Geldern abhängig. Und der symbolträchtige AU-Sitz in Addis Abeba war eine Schenkung von China. «Wer finanziell von externen Partnern abhängig ist, dem fehlt die Eigenständigkeit. Es ist daher unerlässlich, dass die afrikanischen Staaten mehr finanzielle Ressourcen mobilisieren, um die Finanzierung ihrer kontinentalen Organisation selbst zu gewährleisten», sagt Degila.
Die Schweiz bemüht sich um die Afrikanische Union
Durch ihre verhältnismässig vielen Vertretungen ist die Schweiz bilateral mit den einzelnen Staaten gut vernetzt. Und sie bemüht sich schon länger um gute Beziehungen zur AU, ist auch bei mehreren Unterorganisationen akkreditiert. «Die Schweiz geht clever vor, indem sie mit verhältnismässig wenig Aufwand wichtige Impulse setzt – so unterstützt sie etwa den Oran-Prozess, der Fragen zur kontinentalen Sicherheit und zum Sicherheitsrat behandelt», sagt Staeger.
Die Bemühungen von Ländern wie der Schweiz haben auch handfeste Gründe: Entsprechend der demografischen Projektionen ist zu erwarten, dass Afrika auch ein zentraler wirtschaftlicher Akteur sein wird – so sollen im Jahr 2100 über 40% aller Arbeitskräfte afrikanisch sein. Hier sieht Degila ein grosses Potenzial insbesondere für Europa: «Die künftigen Arbeitskräfte werden in Afrika sein. Für Europa, das langfristig mit einem Bevölkerungsrückgang konfrontiert ist, ist das eine Chance.»
Voraussetzung wäre jedoch, dass Europa die transkontinentale Migration nicht bloss unter Sicherheitsaspekten betrachtet: «Rund 85% der afrikanischen Migration findet innerhalb des Kontinents statt, der Rest wandert zum allergrössten Teil auf legalen Wegen in die übrige Welt. Oft für ein Studium, was die Frage nach dem Brain Drain aufwirft.» Geregelte Migrationsrouten nach Europa – kombiniert mit Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen – seien auf lange Sicht zielführender. Dafür müsse man sich aber auch von den «politisch-medialen Schreckgespenster der angeblichen Massenmigration» nach Europa verabschieden.
Die Schweiz nähert sich – als globale Finanz-Playerin – auch den afrikanischen Finanzinstitutionen an. So arbeitet sie daraufhin, dass die Afreximbank (African Export-Import Bank) in Genf ein Europabüro eröffnet. Dieses multilaterale Finanzinstitut ist ein Ableger der Afrikanischen Entwicklungsbank und verfolgt das Ziel, den Anteil Afrikas am Welthandel zu erhöhen. Ein solches Büro würde Genf als internationalen Standort stärken und dem Schweizer Finanzmarkt direkte Kanäle nach Afrika eröffnen.
Weiter plant die Schweizer Regierung, als finanzielle Unterstützung sich an der Erhöhung des Garantiekapitals der Afrikanischen Entwicklungsbank beteiligen. In der entsprechenden MitteilungExterner Link wird betont, dass die Schweiz damit ein Zeichen der Solidarität gegenüber Afrika sende. Aber sie sichere sich – als einer der 28 nicht-afrikanischen Mitgliedstaaten – «auch ihren Einfluss in der Bank». Das ist konsequent, aus Perspektive der Schweizer diplomatischen Linie, bei wichtigen internationalen Finanzinstitutionen dabei zu sein.
Wie wird die Schweiz wahrgenommen?
Als Partnerin sei die Schweiz bei den afrikanischen Institutionen und Behörden beliebt, sind sich Degila und Staeger einig. Sie werde wahrgenommen als Land ohne koloniale Vergangenheit, mit einer transparenten Agenda und neutral.
Im Hinblick auf die Neutralität stellen sich jedoch Fragen. Die Meinung sei auf dem Kontinent weit verbreitet, dass die Schweiz ihre Neutralität aufgegeben habe, sagen beide Experten. Das habe teilweise mit der russischen Behauptung zu tun, das die Schweiz aufgrund der Übernahme der europäischen Sanktionen gegen Russland nicht mehr neutral sei.
In Afrika erziele das Narrativ via russische Propagandasender eine grosse Reichweite. «Noch mehr aber hat es mit dem Krieg in Gaza zu tun – das Schweigen der Schweizer in diesem Konflikt wird als heuchlerisch wahrgenommen», so Staeger. Das schade ihrer Glaubwürdigkeit, wie auch jene des gesamten Westens, dem Doppelmoral vorgeworfen werde.
Dazu kommt ein unterschiedliches Verständnis, was neutral zu sein bedeutet. «In Afrika wird Neutralität oft mit Blockfreiheit gleichgesetzt, es gibt also historisch begründet unterschiedliche Auffassungen», so Staeger. Während die Blockfreiheit auf eine Äquidistanz zu beiden Lagern gründet (hier einerseits Russland und andererseits «der Westen»), unterliegt der Schweizer Neutralität ein legalistisches Verständnis, bei dem der Respekt des internationalen Völkerrechts zentral ist. «Die Schweiz ist gut beraten, diesbezüglich weiterhin konsequent Aufklärungsarbeit zu leisten», sagt Staeger.

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So kann die Schweiz ihr Gewicht halten
Degila weist noch auf den Punkt der Glaubwürdigkeit hin: «Die Schweiz wird ‚pragmatischer‘ bei ihrem Umgang mit Partnerstaaten in Afrika.» Wie in allen Weltregionen erlebte der Kontinent eine Welle der Ent-Demokratisierung, Rückschritte bei Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit oder der Regierungsführung. «Es gab sogar eine Reihe von Putschs auf dem Kontinent. Schweizer Kritik war jedoch kaum zu vernehmen», so Degila.
Als Politikwissenschaftler verstehe er diesen realistischen Ansatz. Afrika habe mittlerweile mehr Auswahl bei seinen Partnern und könne sich bei zu viel Kritik auch abwenden. Aber als Bürger des westafrikanischen Benin stimme es ihn bedenklich, wenn die Schweiz – die meist als vorbildlich wahrgenommen wurde – sich nicht eindeutig positioniere.
Diplomatisches und politisches Kapital gründet stark auf Glaubwürdigkeit. Nehme diese ab, dann nehme auch die eigene Bedeutung ab, so Degila: «Die Schweiz muss einen Weg finden, ihren diplomatischen Pragmatismus mit ihren Werten besser zu vereinbaren.»
Editiert von Benjamin von Wyl
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