Auf dem verbotenen Friedhof der Frachtschiffe
Fracht- und Containerschiffe sind zu unverzichtbaren Gliedern des Welthandels geworden. Ihre Zahl wird auf über 100'000 geschätzt. Aber was geschieht mit ihnen, wenn ihre Lebensdauer abgelaufen ist? Eine Recherche des Westschweizer Fernsehens RTS wirft Licht auf die Verschrottungsindustrie, die auch Aufträge von einer Schweizer Firma erhält.
Frachtschiffe, Containerschiffe, Massengutfrachter und Tanker haben eine begrenzte Lebensdauer. Sie werden in der Regel nach 20 oder 30 Jahren verschrottet.
Aber diese gigantischen Schiffe werden meistens nicht in europäischen oder westlichen Werften abgewrackt. Sie enden mehrheitlich an den Stränden von Bangladesch, Pakistan oder Indien.
Ein Team der Sendung «Mise au Point» von RTS begab sich nach Alang im Nordwesten Indiens, einem der wichtigsten Abwrackplätze der Welt.
Jedes dritte Schiff beendet dort sein Leben und wird zerlegt und rezykliert von Tausenden indischen Arbeitern. Zu den begehrtesten Rohstoffen gehört: der Stahl.
Sehen Sie hier die Recherche von «Mise au Point» (Franz.):
Ein Schweizer Unternehmen beteiligt
Zu den Unternehmen, die am meisten Schiffe nach Alang schicken, gehört eine Schweizer Gesellschaft mit Sitz in Genf. MSC ist in der Kreuzfahrtbranche bestens bekannt und gehört auch zu den weltweiten Marktführern im Seetransport.
Auf ihrer Website gibt sie an, 900 Schiffe zu besitzen. Ihr Jahresgewinn ist unbekannt, da MSC nicht an der Börse kotiert ist. Die Fachpresse schätzt, dass ihr Umsatz 80 Milliarden Franken pro Jahr übersteigt.
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Laut den Recherchen der NGO «Shipbreaking Platform» wurden in den letzten zwei Jahren mehr als dreissig Frachtschiffe, die MSC gehörten, nach Alang geschickt.
«MSC verdient viel mehr Geld, wenn sie Schiffe dorthin schicken. Müssten sie die Schiffe ordnungsgemäss rezyklieren, würden sie immer noch viel Geld verdienen. Aber die Werften in Asien zahlen im Allgemeinen mehr pro Tonne Stahl», sagt Nicolas Mulinaris, Leiter dieser NGO, welche die Praktiken dieser Industrie anprangert.
Nach europäischem Recht müssen Frachtschiffe in von der EU zugelassenen Werften abgewrackt werden. Aber diese Regelung hat Schlupflöcher. Die meisten Reedereien schicken ihre Schiffe nach dem Verkauf an Zwischenhändler nach Südostasien.
Auf Anfrage wollte MSC nicht vor der Kamera antworten, aber das Unternehmen antwortete schriftlich: «Die Schiffsrecycling-Politik von MSC entspricht den internationalen Standards in diesem Bereich. MSC arbeitet weiterhin mit verschiedenen Interessengruppen zusammen, einschliesslich nationaler Behörden, um ein verantwortungsvolles Schiffsrecycling zu fördern, indem es sich auf von MSC zugelassene Recyclinganlagen stützt.»
Schwierige Arbeitsbedingungen
«Mise au Point» hat sich mit Arbeitern der Werften von Alang unterhalten. Alle schildern extrem schwierige Bedingungen mit Temperaturen, die häufig über 40 Grad Celsius steigen.
«Ich arbeite in drückender Hitze, aber ich habe keine Wahl. Manchmal bleibe ich zehn oder elf Stunden auf der Werft. Solange ich lebe und die Kraft dazu habe, werde ich weiterarbeiten», berichtet Samir, der mit dem Zerlegen von Frachtschiffen etwa 150 Franken im Monat verdient.
Der Hafen von Alang gibt die Zahl der Verletzten nicht bekannt, aber die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass es sich hierbei um einen der gefährlichsten Berufe der Welt handelt.
«Ich habe mein Bein unter einem Metallstück verloren. Ein Teil ist gebrochen, und das war’s», erzählt ein Arbeiter, den RTS in einer Hütte des Slums angetroffen hat, wo die meisten Arbeiter leben.
Trotz wiederholter Anfragen von «Mise au Point» haben weder MSC noch der Hafen von Alang zugestimmt, die Türen einer Werft zu öffnen.
Im kleinen Nachbarspital, wo täglich Dutzende verletzte Arbeiter eingeliefert werden, äusserte ein Arzt sein Unverständnis: «Warum zerlegt ihr sie nicht bei Euch? Das ist unsinnig. Die Unternehmen profitieren von billigen Arbeitskräften. Das Beste wäre, wenn die Schiffe in Europa abgewrackt würden, nach euren Standards.»
Verschmutzung und geschädigte Umwelt
Die Frachtschiffe enthalten oft Erdölrückstände und Schwermetalle: Kupfer, Kobalt, Blei, Nickel, Zink, Quecksilber. Diese gefährlichen Stoffe sollen in Alang umweltschonend behandelt werden. Aber die Fischer der Region erzählen eine andere Geschichte.
«Jahr für Jahr gibt es weniger und weniger Fische. Das liegt an den Reedereien, die ihre Abfälle und Chemikalien ins Wasser entsorgen. In ein paar Jahren wird es nichts mehr geben», sorgt sich Baldev, ein ortsansässiger Fischer.
MSC bestreitet diese Vorwürfe und betont, dass mittlerweile fast hundert Werften in Alang der Hongkong-Konvention entsprechen würden, einem internationalen Vertrag, der die Bedingungen für die Verschrottung von Schiffen regelt.
«MSC verfügt über eine Liste genehmigter Schiffsrecycling-Anlagen in Alang, die auf verschiedenen Kriterien wie der Einhaltung der Menschenrechte, der Leistung und den Umweltaspekten basiert», teilt das Unternehmen per E-Mail mit.
Die Werften von Alang beschäftigen etwa 20’000 Arbeiter in der gesamten Region. Die gesamte lokale Wirtschaft hängt von dieser Industrie ab.
Laut mehreren Beobachterinnen und Beobachtern sollen sich die Bedingungen in den letzten Jahren verbessert haben, aber es bleiben noch Anstrengungen zu unternehmen.
Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub
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