The Swiss voice in the world since 1935

Eine Lautsprecherdurchsage besiegelte das Ende der Swissair

Keystone-SDA

"Aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, Ihre Flüge durchzuführen": Diese Lautsprecherdurchsage am Flughafen Zürich vom 2. Oktober 2001 hat in der Schweiz ein nationales Trauma ausgelöst. Die Swissair war am Boden.

(Keystone-SDA) Seit Stunden hatten mehrere tausend Passagiere an diesem Dienstag schon am Flughafen Kloten ausgeharrt. Auf der ganzen Welt waren es insgesamt rund 20’000 Reisende, die auf ihre Flüge warteten, das Gepäck bei vielen schon eingecheckt. Doch auf der Anzeigetafel stand bei allen Swissair-Verbindungen während Stunden nur «verspätet».

Um 15.45 Uhr informierte die Swissair schliesslich die Medien – damals noch per Fax. Sie werde den Flugbetrieb per sofort einstellen. Sie hatte keinen Treibstoff mehr kaufen können, so dass die 260 Maschinen am Boden bleiben mussten. Um 16.17 Uhr verkündete eine Flughafen-Mitarbeiterin schliesslich über Lautsprecher das Grounding des einstigen Nationalstolzes. Damit hatte trotz der bekannten Probleme des Unternehmens niemand gerechnet.

Die verhängnisvolle «Hunter-Strategie»

Der Anfang vom Ende war das Nein der Stimmberechtigten zum Europäischen Wirtschaftsraum EWR im Jahr 1992. Dies blockierte ein bilaterales Luftverkehrsabkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union (EU). Die Swissair hatte damit keinen freien Zugang mehr zum europäischen Markt und musste sich neu orientieren.

Der damalige Konzernchef Philippe Bruggisser setzte sich zum Ziel, möglichst viele kleine Fluggesellschaften zu übernehmen, um die Swissair zu einer kritischen Grösse zu führen und das Problem des fehlenden Marktzugangs zu umgehen. Diese aggressive Kaufstrategie wurde ab 1997 offiziell «Hunter-Strategie» genannt.

Doch die Jagd brachte der Swissair kein Glück. Denn die aufgekauften Fluggesellschaften, darunter die belgische Sabena oder die italienische Volare, waren nicht nur klein, sondern rentierten auch nicht. Die «Hunter-Strategie» stürzte kläglich ab.

Bruggisser musste den Hut nehmen. Anfang 2001 übernahm für kurze Zeit Crossair-Besitzer Moritz Suter das Ruder. Nach dem Rücktritt des gesamten Verwaltungsrates mit seinem Präsidenten Eric Honegger folgte Mario Corti, der damalige Nestlé-Finanzchef.

«Super-Mario»

Er wurde vor allem von der Swissair-Hausbank UBS unter der Führung von Marcel Ospel unter Druck gesetzt. Corti sollte später Ospel für das Grounding verantwortlich machen. «Super-Mario», wie er damals in den Medien genannt wurde, versuchte zwar noch mit Hilfe des Bundes und dem Aufbau einer Auffanggesellschaft unter dem Dach der Crossair, die Airline in der Luft zu halten.

Am 29. September lehnte es der Bundesrat jedoch ab, eine finanzielle Garantie zu gewähren. Am 1. Oktober übernahm schliesslich die Crossair unter der Führung von André Dosé das Fluggeschäft der Swissair. Die Betreibergesellschaften SAirGroup, die SAirLines und Flightlease wurden in Nachlassstundung geschickt.

Erst 2025 aus Handelsregister gelöscht

Diese Rettung kam aber zu spät. Am 2. Oktober kam das Grounding, das den Bundesrat und die Banken zum Umdenken bewegen sollte. Bereits am nächsten Tag wurde per Notkredit wieder ein reduzierter Betrieb aufgenommen. Am 1. April 2002 landete jedoch der letzte Swissair-Linienflug von São Paulo her kommend um 7.15 Uhr in Zürich. Damit war der Name Swissair nach 71 Jahren Geschichte.

Bis die grösste Wirtschaftspleite der Schweizer Geschichte aufgearbeitet war, dauerte es Jahre. Juristisch blieb nichts hängen: Alle 19 angeklagten ehemaligen Manager und Verwaltungsräte wurden freigesprochen. Die finanzielle Aufarbeitung war erst im vergangenen Dezember abgeschlossen, also 24 Jahre nach dem Grounding – mit der Löschung der Konzernholding SAirGroup aus dem Handelsregister.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft