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Die Öl- und Gaskrise macht saubere Energien zu einer sicherheitspolitischen Priorität

grosse Sonnenkollektoren und Windkraftanlage
Sonnenkollektoren und Windkraftanlagen im Osten Chinas. Solar- und Windenergie, Batterien und Elektrofahrzeuge sind mittlerweile günstiger und leichter erhältlich. Copyright 2024 The Associated Press. All Rights Reserved

Der Nahostkonflikt zeigt deutlich, wie die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen Staaten wie die Schweiz anfällig für Krisen und Versorgungsengpässe macht. Saubere Energie erscheint nicht nur als eine klimapolitische Notwendigkeit, sondern auch ein Gebot der nationalen Sicherheit.

Mehr als acht Wochen nach Beginn des Konflikts zwischen den USA und Israel sowie dem Iran verschärfen sich dessen Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte. Teherans Blockade der Strasse von Hormus hat laut der Internationalen Energieagentur (IEA)Externer Link die grösste Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarktes ausgelöst. Normalerweise erfolgt rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssigerdgas-Transports (LNG) durch diese Wasserstrasse, der Grossteil davon geht nach Asien. Angesichts der knapper werdenden Vorräte sind die Brennstoffpreise in die Höhe geschnellt.

Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) trifft der Schock die Volkswirtschaften ungleichmässig. Er warnt jedoch, dass in allen Richtungen höhere Preise und ein schwächeres Wachstum zu erwarten seien. Regierungen haben mit Notfallmassnahmen reagiert Externer Link– Preisdeckelung, Energieeinsparung und Nutzung strategischer Reserven – während sie gleichzeitig den Übergang zu kostengünstigeren und besser verfügbaren erneuerbaren Energien beschleunigen.

Warum das für die Schweiz wichtig ist

Auch die Schweiz ist gefährdet. Das Land deckt rund zwei Drittel seines Energiebedarfs durch Importe, darunter Erdölprodukte, Erdgas und Kernbrennstoff, der hauptsächlich für den Verkehr und zum Heizen verwendet wird. Diese Abhängigkeit führt laut Externer Linkder Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) zu jährlichen Ausgaben von etwa 7 Milliarden Franken (9 Milliarden US-Dollar). Die SES schätzt, dass die Schweiz im europäischen Vergleich hinsichtlich ihrer Energieunabhängigkeit im Mittelfeld liegt.

«Der Iran-Krieg zeigt deutlich, wie anfällig die globale Energieversorgung für geopolitische Ereignisse ist», sagt Léonore Hälg, Leiterin des Fachbereichs Erneuerbare Energien bei der SES. Der Ausbau erneuerbarer Energien im Inland und eine verstärkte Zusammenarbeit innerhalb Europas seien unerlässlich, um die Versorgung der Schweiz zu sichern und die Abhängigkeit des Landes von autoritären Staaten zu verringern.

Die Schweiz hat sich verpflichtet, fossile Energien schrittweise abzubauen und den Übergang zu erneuerbaren Energiequellen voranzutreiben.

An der letzten Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP30) forderten über 80 Länder – darunter die Schweiz – einen klaren Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

Gleichzeitig ist die Schweiz nach wie vor stark von Öl- und Gasimporten abhängig, besonders für den Verkehr und die Gebäudeheizung.

In dieser Serie wird die Energieabhängigkeit der Schweiz analysiert und ihr ambivalentes Verhältnis zu fossilen Energiequellen im internationalen Kontext beleuchtet.

Ein globales Problem

Eine Analyse des Thinktanks Ember Externer Linkzeigt, dass rund drei Viertel der Weltbevölkerung in Ländern leben, die fossile Brennstoffe importieren. 50 Nationen importieren mehr als die Hälfte ihrer Primärenergie. Grosse Volkswirtschaften wie Deutschland, Italien und Spanien decken über zwei Drittel ihres Energiebedarfs durch Importe, Japan und Südkorea sogar über 80%.

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Etwa 60% der Weltbevölkerung leben in Ländern, die Flüssigerdgas importieren, wobei Taiwan, Japan und Südkorea zu den am stärksten betroffenen Ländern gehören. Die Abhängigkeit von Erdöl bleibt jedoch weltweit die grösste Schwachstelle. Laut Schätzungen von Ember leben 79% der Weltbevölkerung in erdölimportierenden Ländern. Nettoimporteure gaben 2024 1,7 Billionen US-Dollar für fossile Brennstoffe aus. Jeder Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar erhöht die globalen Importkosten um rund 160 Milliarden US-Dollar.

«Öl ist die Achillesferse der Weltwirtschaft. Die aktuelle Krise hat die Ölabhängigkeit Asiens deutlich gemacht», sagt Ember-Direktor Daan Walter.

Kohle und Atomenergie erleben Revival

Kurzfristig könnte der Krieg die CO₂-Emissionen in die Höhe treiben. Mehrere Länder setzen angesichts der hohen Gaspreise wieder auf Kohle. Thailand hat Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen, während Japan und Südkorea die Beschränkungen für die Kohleverbrennung gelockert haben. In Europa hat Italien den Kohleausstieg verschoben und Deutschlands Kohlekraftwerke produzieren vorübergehend mehr Energie als die Gaskraftwerke des Landes.

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Analyst:innen betonen, dass die meisten Länder eher die Stilllegung von Kohlekraftwerken hinauszögern, als neue Kraftwerke zu bauen. Dieses Muster war auch nach Russlands Invasion in der Ukraine zu beobachten.

Die Krise hat auch die Debatte um die Kernenergie als Weg, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, neu entfacht. Taiwan erwägt die Wiederinbetriebnahme seines letzten Reaktors, während Japan die Diskussionen über die Wiederinbetriebnahme weiterer Kraftwerke fortsetzt. Mehrere europäische Länder, darunter die Schweiz, erwägen höhere Investitionen in die Kernenergie, obwohl der Aufbau neuer Kapazitäten Jahre dauern würde.

grosse Schiffe vor Anker
Tanker und Frachter vor Anker in der Strasse von Hormus, aufgenommen am 18. April 2026. Keystone / AP Photo

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete den Rückbau der Kernenergie in den letzten zwei Jahrzehnten als strategischen Fehler und warnte, dass die Abhängigkeit von «teuren und volatilen» Importen fossiler Brennstoffe Europa strukturell benachteilige. Brüssel hat seither Massnahmen vorgeschlagen, die auf Elektrifizierung, den koordinierten Aufbau von Öl- und Gasvorräten, gezielte staatliche Beihilfen und kurzfristige Entlastungen für Haushalte und Industrie setzen.

Asiens Ukraine-Moment

Dies ist die zweite globale Energiekrise innerhalb von vier Jahren. Russlands Invasion in der Ukraine hatte Europa dazu veranlasst, seine Abhängigkeit von russischen Pipelines zu verringern. Der Thinktank Ember argumentiert, dass der Iran-Krieg eine ähnliche Rolle für Asien spielen könnte.

«Dies ist Asiens Ukraine-Moment», sagt Ember-Direktor Daan Walter. Solar- und Windenergie, Batterien und Elektrofahrzeuge sind heute weitaus günstiger und breiter verfügbar als noch im Jahr 2022, was eine Abkehr von fossilen Brennstoffen erschwinglicher macht.

Es gibt Anzeichen für eine Dynamik hin zu grüner Energie. Neue Daten zeigen,Externer Link dass das gesamte Wachstum des weltweiten Strombedarfs im vergangenen Jahr durch erneuerbare Energien gedeckt wurde. Die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ging derweil erstmals seit 2020 zurück. Rekordinstallationen von Solar- und Windkraftanlagen in Verbindung mit sinkenden Batteriepreisen mindern die Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit und des Umfangs erneuerbarer Energien.

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Auch die hohen Kraftstoffpreise beeinflussen das Verbraucherverhalten. Die Financial Times berichtet von Externer Linksteigendem Interesse an Elektrofahrzeugen und Solaranlagen durch Privathaushalte, während Investor:innen verstärkt auf Aktien von Unternehmen aus dem Feld sauberen Energien setzen, insbesondere in China. Dahinter steht die Hoffnung, dass der Ölpreisschock die Nachfrage ankurbeln wird.

Dennoch bestehen Risiken. Nach Russlands Invasion in der Ukraine führten sprunghafte Anstiege der Energiepreise zu Inflation und zwangen die Zentralbanken zu Zinserhöhungen, was wiederum Investitionen in saubere Energien bremste. Ein ähnlicher Kreislauf könnte den Übergang erschweren.

Krise als Katalysator?

Wird der Iran-Krieg letztendlich die globale Energiewende beschleunigen? Die Meinungen dazu gehen auseinander.

Andreas Sieber, Leiter der globalen politischen Strategie bei der Klimaschutzorganisation 350.org,Externer Link argumentiert, dass der Wandel bereits im Gange sei. «Die neuesten Daten zeigen, dass sich der Übergang still und leise beschleunigt, selbst inmitten der Krise», sagte er zu Swissinfo.

Andere mahnen zur Vorsicht bei Prognosen. Doch sie sehen die aktuelle Krise als Chance. «Nachhaltige Fortschritte bei der Energiewende hängen von glaubwürdigen, langfristigen politischen Rahmenbedingungen ab und nicht von kurzfristigen Preisspitzen», so Massimo Filippini, Professor für öffentliche Wirtschaft und Energieökonomie an der ETH Zürich und der Università della Svizzera Italiana. Haushalte und Unternehmen warten in der Regel ab, bis sich die Märkte stabilisiert haben, bevor sie in Energieeffizienz, Elektrifizierung oder erneuerbare Energien investieren. Dauerhafte Fortschritte, argumentiert er, erfordern berechenbare, langfristige Signale wie eine globale CO2-Steuer, unterstützt durch ergänzende Massnahmen.

Der Nahostkonflikt prägt die Debatte dennoch neu. Viele Regierungen betrachten Elektrifizierung und heimische erneuerbare Energien mittlerweile als Prioritäten der nationalen Sicherheit und nicht mehr nur als Klimaschutzinstrumente. Die schwankenden Ölpreise drängen die politischen Entscheidungsträger dazu, dieses Argument stärker zu gewichten.

Die Energiewende wurde bisher hauptsächlich unter dem Blickwinkel der Klimaverantwortung betrachtet – eine wichtige, aber unvollständige Perspektive, sagt Filippini gegenüber Swissinfo. «Es geht ebenso um Sicherheit und Resilienz: Mehr heimische und erneuerbare Energien bedeuten eine sinkende Anfälligkeit für geopolitische Schocks, eine geringere Abhängigkeit von Preisschwankungen fossiler Brennstoffe, stärkere und widerstandsfähigere Volkswirtschaften und eine bessere Luftqualität.» Klare langfristige Signale, fügt er hinzu, könnten Haushalte und Unternehmen zu einem Verhaltenswandel bewegen.

Vance Culbert,Externer Link leitender Energieberater am Internationalen Institut für nachhaltige Entwicklung (IISD) in Genf, sieht ebenfalls eine Verschiebung der Prioritäten, trotz kurzfristiger Rückschläge wie der Rückkehr zur Kohle. Energiesicherheit und -souveränität rückten immer stärker in den Mittelpunkt politischer Entscheidungen, sagt er zu Swissinfo. Dies zwinge Regierungen dazu, kostengünstigere Alternativen – oft erneuerbare Energien – zu bevorzugen und teure Subventionen für importierte Brennstoffe zu überdenken.

«Es handelt sich um einen globalen Wandel in der Wahrnehmung», so Culbert. Dieser könnte letztendlich den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verstärken, selbst wenn der Weg holprig bleibe.

Editiert von Gabe Bullard/vdv, Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI-Tools: Petra Krimphove/jg

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Gastgeber/Gastgeberin Simon Bradley

Was ist die vielversprechendste Energiequelle der Zukunft?

Wir würden gerne Ihre Meinung zu Vor- und Nachteilen der erneuerbaren Energien hören.

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