Unsere Leseempfehlung der Woche
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Wenn ich daran denke, wo Sie diese Zeilen lesen – Frankreich, Amerika oder Asien: Bei Ihnen hat die Natur wohl noch mehr Platz als in der Schweiz. Hier sind intakte Flusslandschaften zur Seltenheit geworden.
Flüsse und Bäche werden verschmutzt, begradigt und für die Stromerzeugung gestaut.
Wir starten hier in den Indian Summer – und entführen Sie noch einmal zu einem kleinen Fleck Schweiz, wo die Natur noch gross sein darf.
Aus Bern grüsst herzlich Ihr
Die Sense in den Kantonen Freiburg und Bern gilt als naturnächster Fluss der Alpen. Auf einem Spaziergang entdecken wir eine der seltenen Gewässerperlen der Schweiz.
von Luigi Jorio
Das klare Wasser der Sense fliesst frei. Der Wildfluss mit seinem unberechenbaren Charakter formt verschiedene Lebensräume und Landschaften, breite Kiesbänke und tiefe Sandsteinschluchten. Die Sense beherbergt eine aussergewöhnliche Biodiversität.
Für Herbert Känzig ist die Sense nicht nur ein Wasserfluss. Er kennt sie seit seiner Kindheit. An Wochenenden und Schulferien ging er dort spielen und baden. «Es ist ein besonderer Ort. Die Sense hat sich in all den Jahren kaum verändert», sagt der 75-Jährige.
Känzig ist ehrenamtlich beim WWF SchweizExterner Link tätig. 2007 ging er in den Ruhestand, seither ist er für die kantonale Sektion Freiburg verantwortlich. «Vielleicht hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so oft in meinem Leben in einem Flugzeug sass», sagt er und erzählt von seiner früheren Arbeit in einer Fotopapier-Produktionsfirma, die ihn um die Welt führte.
Kalte und warme Sense
Wir treffen Herbert Känzig bei SangernbodenExterner Link in den Berner Voralpen. Wir befinden uns an der «Kalten Sense», dem rechten der beiden Quellflüsse, die gemeinsam einen Fluss bilden. An diesem Sommertag bedeckt das Wasser nur einen Teil des grossen Flussbettes aus Steinen und Kies.
Der Fluss wird nicht von Gletschern gespeist. Der Kalte-Sense-Fluss entspringt direkt aus dem Gantrisch-SeeExterner Link im Kanton Bern, auf 1580 Metern über Meer. «Der See liegt oft im Schatten, und seine Temperatur ist relativ niedrig. Deshalb sprechen wir von der Kalten Sense», erklärt Känzig.
Dem SchwarzseeExterner Link, einer beliebten Touristendestination im Kanton Freiburg auf 1046 Metern über Meer, entspringt die «Warme Sense».
Der Unterschied zwischen den beiden Flussarmen liegt nicht nur in der Temperatur. Während sich die «Kalte Sense» noch in ihrem ursprünglichen Zustand befindet und auf nationaler Ebene geschützt ist, zeigt die «Warme Sense» Spuren menschlicher Intervention: eine Reihe von Kunststeinstufen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts gebaut wurden. «Sie galten einst als nützlich, um den Flusslauf zu verlangsamen. Aber der effektivste Weg, die Geschwindigkeit des Wassers zu reduzieren, ist das Platzieren von Steinblöcken im Fluss. Oder dem Gewässer einfach Platz zu lassen, sich auszubreiten», sagt Känzig.
Diese Dämme sind nicht nur obsolet, sondern insbesondere für kleinere Fische. «Vor hundert Jahren gab es noch Lachse, die den Fluss hinauf zum Schwarzsee schwammen», erinnert sich Känzig wehmütig. Laut WWF sollten die Dämme entfernt werden. Känzig sagt, es würde genügen, in der Mitte eine Spalte zu machen oder die Dämme nicht mehr instandzuhalten, so dass die Kraft des Flusses den Rest erledigt.
Der natürlichste Fluss der Nordalpen
Ab der Verbindung der beiden Flusszweige beim ZollhausExterner Link, fliesst die Sense geschützt durch eine dichte Vegetation. Ein prachtvolles Auengebiet bietet zahlreichen geschützten Vogelarten, Reptilien und Wasserpflanzen einen idealen Lebensraum.
Von einer Brücke aus beobachten wir den letzten Flussabschnitt, der von der Strasse aus leicht zugänglich ist. Dann fliesst der Fluss in ein enges Tal, das von steilen Mauern umgeben ist. Das sind die Schluchten der Sense, 15 Kilometer unberührte Natur. «Es ist der wertvollste Teil des Flusses», betont Känzig.
«Die SenseExterner Link ist ein in der Schweiz einzigartiger Fluss», erklärt uns Lene Petersen, Leiterin des GewässerschutzprogrammsExterner Link von WWF Schweiz. «Über weite Strecken gibt es keine Böschungen oder Hindernisse. Bei Hochwasser kann der Fluss selbst Platz finden, indem er sich ausbreitet und von Zeit zu Zeit sein Bett wechselt. Es entstehen Flächen, auf denen sich eine neue Vegetation entwickeln kann.»
Ein weiterer wesentlicher Aspekt für den WWF ist das Fehlen von Wasserkraftwerken. In der Schweiz werden rund 55% des Stroms mit Wasserkraft erzeugt. «Es gibt praktisch keinen Fluss in der Schweiz, der nicht für die Produktion von Wasserkraft genutzt wird. Wir haben den Sättigungspunkt erreicht», sagt Petersen.
Im Gegensatz zum Bundesamt für EnergieExterner Link, das es für möglich hält, die Wasserkraftproduktion mit kleinen Kraftwerken zu erhöhen, hält der WWF kleine Kraftwerke für doppelt nachteilig. «Finanziell sind sie nicht profitabel. Und vor allem greifen sie künstlich in den Stromverlauf des Flusses ein, was seine Ökologie beeinträchtigt», sagt Petersen.
Das Fehlen von Wasserentnahmen für die Energieerzeugung und Bewässerung, die morphologische Vielfalt, die natürliche Dynamik und die Qualität des Wassers machen die Sense zum «wilden Fluss par excellence der Schweiz», so der WWF, der sie zu den GewässerperlenExterner Link des Landes zählt.
In einer internationalen StudieExterner Link von WWF Deutschland erhielt die Sense die höchste Punktzahl. «Es ist der natürlichste Fluss der nördlichen Alpen», sind sich die Experten einig.
Wir treffen wieder auf die Sense 15 km flussabwärts, am Ausgang der Schluchten. Herbert Känzig möchte uns ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Sense und der Bemühungen um deren Erhaltung erzählen.
Von Granaten zu Liegestühlen
Wir befinden uns in der Nähe des Dorfes SchwarzenburgExterner Link, in einem ehemaligen Schiessstand der Schweizer Armee. Wo sich jetzt ein Mann auf einem Liegestuhl sonnt, feuerte früher das Militär Granaten und Munition ab. Die Armee muss das Gebiet nun komplett säubern. Anschliessend müssen die kantonalen Behörden das Gebiet renaturieren.
Der grosse Platz in der Schwemmzone, auf dem einst Militärfahrzeuge standen, ist heute ein Parkplatz. Für Umweltschützer liegt er zu nah am Fluss. Der Vorschlag, ihn zu schliessen, hat jedoch die Bevölkerung aufbegehren lassen.
«Es gab eine Petition, die von 15’000 Menschen unterzeichnet wurde. Nach jahrelangen Verhandlungen konnten wir einen Kompromiss finden», erklärt Känzig. Nach Abschluss der Sanierung wird ein kleinerer Parkplatz weiterhin zugänglich sein, allerdings nur wenige Sonntage im Jahr.
Es sei ein grosses Dilemma für den WWF, sagt Känzig. Der Fluss ist einerseits ein Erholungsgebiet, in dem man sich im Kontakt mit der Natur regenerieren kann und der deshalb zugänglich sein muss. Andererseits muss die Sense aber auch geschützt werden. «Wir müssen das richtige Gleichgewicht finden.»
Erhaltung der letzten Flusslandschaften
Wir verlassen den ehemaligen Truppenübungsplatz und fahren weiter zu dem Flussabschnitt, den Känzig für den «unschönsten» hält. Im Gebiet von ThörishausExterner Link gibt es entlang der Sense Häuser, Industrien und landwirtschaftliche Flächen. Vor allem fliesst der Fluss zwischen vor hundert Jahren errichteten Steindämmen.
An dieser Stelle ist die Sense etwa zwanzig Meter breit. Gemäss Gesetz sollten es mindestens hundert Meter sein, wie Känzig betont. «Die Verlegung der Häuser ist offensichtlich unmöglich. Aber es könnte dem Fluss ausserhalb der bebauten Gebiete mehr Raum gegeben werden.» Zusammen mit den kantonalen Behörden sucht WWF den Dialog mit den Bauern und bietet eine finanzielle Kompensation für die geopferten Parzellen an.
Der WWF erkennt an, dass «die Schweiz beim Gewässerschutz Fortschritte gemacht hat». In den kommenden Jahrzehnten wird erwartet, dass viele Flüsse durch RevitalisierungsmassnahmenExterner Link aufgewertet werden. Dennoch müsse mehr getan werden, um die letzten Flusslandschaften zu erhalten, betont Lene Petersen. «In der Schweiz gibt es kaum Abfälle, die in Flüssen schwimmen. Aber es gibt unsichtbare Verschmutzungen, die bekämpft werden müssen. Ich denke an Pestizide, Düngemittel, Medikamentenrückstände oder Mikrokunststoffe.»
Von den Schweizer Voralpen bis in den Norden Europas
Die letzte Etappe der Erkundung führt uns nach LaupenExterner Link, etwa 15 km von Bern entfernt, wo die Sense in die Saane mündet, der Fluss, der die französischsprachigen und deutschsprachigen Gebiete der Schweiz teilt.
Im letzten Abschnitt kann das Wasser 25 Grad erreichen. Eine ideale Temperatur für Badegäste, aber nicht für Forellen. «Ihr Überleben ist in Gefahr», sagt Känzig und betont die Bedeutung des Schutzes dieses wichtigen Ökosystems. Das Ziel sei es, «sicherzustellen, dass die verschlechterten Bereiche der Sense verbessert werden und dass intakte Bereiche intakt bleiben.»
Hier endet der Lauf der Sense. Das Wasser der Sense hingegen steht erst am Anfang seines Weges. Von der Saane aus gelangt das Wasser in die Aare und dann in den Rhein. Nach der Durchquerung halb Europas mündet dieser Fluss in der Nordsee.
Und noch zur Erinnerung: Am 20. Oktober wählen die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ihr neues Parlament. Ihre Stimme ist schon hart umkämpft.
Dabei geht es um die 200 Volksvertreterinnen und -vertreter im Nationalrat und die 46 Mitglieder des Ständerats (Genau genommen sind es deren 45: Der Kanton Appenzell Innerrhoden wählte seinen Standesvertreter bereits an der Landsgemeinde vom 28. April 2019).
Favoriten sind die Grünen, die Sozialdemokraten und die Grünliberalen – sie waren die Gewinner der letzten kantonalen Wahlen. Die Schweizerische Volkspartei dagegen, landesweit die stärkste Partei, musste auf Kantonsebene stark Federn lassen.
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