The Swiss voice in the world since 1935

Kein Ende der Eiszeit mit Russland bei G20-Aussenministern

Keystone-SDA

Sechs Wochen vor dem G20-Gipfel der grossen Industrie- und Schwellenländer in Miami bleibt Russland auf Konfrontationskurs. Laut Aussenminister Sergej Lawrow gibt es weder im Ukraine-Krieg noch bei anderen Krisen Anzeichen für Entspannung. "In der Praxis sind bislang keine wirklichen Fortschritte in den Beziehungen zu den USA zu erkennen", kritisierte er am Rande des G20-Aussenministertreffens in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia.

(Keystone-SDA) Die Beratungen galten als Art Generalprobe für den Gipfel der G20-Staats- und Regierungschefs am 14. und 15. Dezember in Miami, zu dem US-Präsident Donald Trump auch Wladimir Putin eingeladen hat. Ob der Kremlchef kommt, ist unklar. Auch Kanzler Friedrich Merz und Chinas Staatschef Xi Jinping werden erwartet. Russland ist zwar offiziell noch G20-Mitglied, Putin nahm aber zuletzt 2019 physisch an einem Gipfel teil. Der Gruppe gehören 19 Staaten sowie die EU und die Afrikanische Union an.

Lawrow machte mit Blick auf die USA klar, man solle sich «keine Illusionen hinsichtlich des Diesel-Deals machen», was eine Verbesserung der Beziehungen zu Washington betreffe. Anfang Oktober hatten Trump und Putin Diesellieferungen in die USA vereinbart. Washington setzte dafür Sanktionen gegen Moskau vorübergehend aus. Die Abmachung löste Kritik aus – von der EU, der Ukraine, der Bundesregierung und aus Teilen des US-Kongresses.

Wadephul prangert Moskau wegen Getreidelieferungen an

US-Aussenminister Marco Rubio dämpfte Hoffnungen auf einen schnellen Durchbruch bei den unterbrochenen Getreidelieferungen über das Schwarze Meer: Die USA prüften Vorschläge für eine Lösung. Diese würde den Krieg zwar nicht beenden, könne aber Folgen für die Ernährungssicherheit dämpfen.

Aussenminister Johann Wadephul (CDU) sagte nach den Beratungen, es gebe ein deutlich gestiegenes Interesse an einer Lösung für die Getreidelieferungen. Alle seien es leid, dass Moskaus geopolitische Machtspiele nicht nur Wachstum und Wohlstand weltweit gefährdeten, sondern auch eine Hungerkrise im Globalen Süden provozierten und dabei teils die Ärmsten der Armen treffen würden. Die Wochen bis zum G20-Gipfel seien entscheidend.

Aktuell versenken oder beschädigen Russland und die Ukraine Schiffe der Gegenseite. Das Schwarze Meer ist eine der wichtigsten Handelsrouten für Agrargüter weltweit. Beide Länder zählen zu den grössten Weizenexporteuren.

Lawrow spottet über «Familienfoto-Diplomatie»

Der russische Aussenminister kritisierte angesichts der wohl Mitte November in den Vereinten Arabischen Emiraten geplanten Beratungen der Ukraine, der USA und Russlands zu einer Fortsetzung der unterbrochenen Gespräche über eine mögliche Friedenslösung im Ukraine-Krieg die Europäer: «Sie versuchen, sich in den Friedensverhandlungsprozess in der Ukraine einzumischen.»

Zugleich warf Lawrow Wadephul spöttisch «Familienfoto-Diplomatie» vor. Rubio hatte das sonst oft übliche «Familienfoto» aller Teilnehmer abgesagt, nachdem es offenbar vor allem von europäischen Mitgliedsländern Kritik daran gegeben hatte. «Wenn es für sie vor allem darauf ankommt, wie sie auf einem Familienfoto aussehen und wer neben ihnen steht, dann sagt das schon alles», rügte Lawrow.

Gruppenbild mit Lawrow abgesagt

Wadephul hatte bereits kurz vor dem Start der Beratungen gesagt: «Es wird in jedem Fall kein Familienfoto geben, auf dem unsere europäischen Partner gemeinsam mit Herrn Lawrow sind.» Der Begriff erwecke das Gefühl von Eintracht, dass man zueinander gehören würde, sagte er später im ZDF. «Eine solche Familie sind wir nun mit Russland zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht.»

Abendempfang im Georgia Aquarium gemeinsam mit Lawrow

Doch beim von Rubio organisierten Empfang für die G20-Teilnehmer am Georgia Aquarium am Freitagabend zeigte sich, dass Lawrow wie bei früheren Treffen keineswegs völlig isoliert ist. Im mehr als 2000 Quadratmeter grossen Saal mit raumhohen Fenstern, durch die man Meerestiere wie Walhaie oder Belugawale beobachten kann, wird Lawrow beispielsweise von seinem brasilianischen Kollegen Mauro Vieira begrüsst. Auf einem Video ist auf X zu sehen, wie sich die beiden für einen Drink an einen Tisch setzen.

Eine andere Szene zeigt, wie Lawrow an einem Stehtisch einem gestikulierenden Rubio zuhört. Auch Wadephul und der Türke Hakan Fidan stehen dabei, wie auf einem Foto zu sehen ist. Schon im September hatte der deutsche Aussenminister Lawrow bei der UN-Generalversammlung in New York zum bilateralen Gespräch getroffen.

Wadephul sagte zu dem Aufeinandertreffen mit Lawrow bei dem Empfang, dieser sei zu einem schon länger andauernden Gespräch mit Rubio hinzugekommen. Dabei sei es weniger um das abgesagte «Familienfoto» als um die Regeln beim American Football gegangen. Lawrow habe «eine Zeit lang zugehört, aber wir haben nicht direkt miteinander gesprochen».

Mit Rubio zum American Football

Rubio hatte seine G20-Kolleginnen und -Kollegen zum Abschluss des Treffens zu einem Footballspiel der Universitätsmannschaft Florida Gators gegen die Georgia Bulldogs eingeladen. Hintergrund: Rubios Sohn Anthony spielt bei den Gators auf der Position des «Running Backs». Der «Running Back» wird als Offensivspieler neben oder hinter dem Quarterback aufgestellt, der wichtigsten Angriffsposition. Die Florida Gators aus Gainesville spielen in der Southeastern Conference, einer der prestigeträchtigsten College-Sport-Ligen der USA. Ob Lawrow der Einladung gefolgt war, blieb zunächst unbekannt.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

Swissinfo bei Google bevorzugen

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft