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Der diskrete Charme der Buchantiquare

Seltenes altes Buch auf einem Schemel
Thomas Kern/swissinfo.ch

Trotz der Schliessung vieler Buchantiquariate bleibt der Handel in der Schweiz lebendig. Händler in Genf, Basel und Zürich geben einen Einblick in dieses exklusive Geschäft, in dem noch ein Gentleman-Kodex herrscht.

Wer vor zwanzig Jahren mit offenen Augen durch die Strassen der Zürcher Innenstadt flanierte, bemerkte eine besondere Fülle von Buchantiquariaten, vor allem in der Altstadt.

Um die Jahrtausendwende gab es in der Stadt 36 Buchantiquariate, sagt Marcus Benz, der ehemalige Präsident der Vereinigung der Buchantiquare und Kuperstichhändler in der SchweizExterner Link (Vebuku/Slaces). “Heute gibt es nicht mehr als sechs aktive Händler”, sagt er.

Gleiches ist in Genf zu beobachten: Alexandre Illi, der Besitzer der Illibrarie, ist der einzige Überlebende. Das Geschäft ist in der Grand Rue angesiedelt, einer beliebten Geschäftsstrasse, an der vor nicht allzu langer Zeit noch bis zu sechs Raritäten–Buchhandlungen zu finden waren.

Ähnlich dem Schicksal vieler gewöhnlicher Buchläden wurden sie zu Boutiquen, Mobiltelefon-Geschäften oder Büroräumlichkeiten umfunktioniert: Ein Zeichen für den Wandel der Konsumgewohnheiten, aber auch für den Anstieg der Mietpreise in den Spitzenvierteln der Schweizer Städte.

Alexandre Illi
Alexandre Illi führt eines der wenigen Familienunternehmen in der Schweizer Buchantiquariats-Szene: Sein Vater eröffnete 1948 seine erste Buchhandlung, und die Illibrairie befindet sich seit 1993 an der Grand Rue in Genf. Eduardo Simantob/swissinfo.ch

Illi weist zudem darauf hin, dass sich das Ende des Schweizer Bankgeheimnisses auch auf die Kundschaft ausgewirkt habe. “Ich habe nach 2014 einen Rückgang der Besuche bemerkt, vor allem von jenen Leuten, die früher regelmässig zweimal im Jahr hier vorbeikamen – wenn sie Genf besuchten, um ihre Bankkonten zu überprüfen.”

Das Internet hat auch seinen Anteil daran, dass viele Händler aus dem Geschäft ausgestiegen sind. Und die überlebenden Buchantiquare nutzen das Internet nur sehr spärlich. “Es ist ein Geschäft mit realem Kundenkontakt”, sagt Timur Yüksel, Inhaber des Erasmushauses in Basel, der wohl exklusivsten Raritätenhandlung der Schweiz.

Yüksel sagt, dass sich die Zahl der Läden in Basel in den letzten Jahren nicht stark verändert habe, aber das Erasmushaus sei kein Ort, an dem Passantinnen und Passanten in den Regalen stöbern würden. Besuche sind nur nach Vereinbarung möglich; Yüksel druckt jedes Jahr einen Katalog, verschickt ihn an seine Kundschaft und wickelt seine Geschäfte persönlich ab.

Timur Yüksel
Timur Yüksel vom Erasmushaus in Basel. Der in Zürich geborene Sohn eines Türken und einer Schweizerin hat sich aus dem Nichts zu einem der exklusivsten Händler für seltene Bücher in der Schweiz entwickelt: “1990 suchte ich einen Job und kam hierher. 1993 trat der damalige Chef zurück, und man bat mich, seine Stelle zu übernehmen. Das tat ich bis 2007, als ich das Geschäft kaufte.” Thomas Kern/swissinfo.ch

Selbst für jene Antiquariate, die ihre Läden zur Strasse hin geöffnet haben, wie die Zürcher Händler Gertrud und Marcus Benz von der Buchhandlung EOS und Peter Bichsel von Fine Books, macht die Zeit an der Verkaufstheke nur einen Bruchteil der Arbeit aus.

Einen grossen Teil der Zeit nimmt der Erwerb von seltenen Büchern in Anspruch, und ihre Quellen sind alle dieselben: Auktionen, Privatsammlungen (meist wenn die Besitzerin, der Besitzer stirbt) sowie Kolleginnen und Kollegen.

Yüksel pflegt auch Verbindungen zu Anwälten vermögender Familien, die sich an ihn wenden, wenn verstorbene Sammler oder Sammlerinnen eine zu bewertende Bibliothek hinterlassen.

Eine sehr kleine Welt

SWI swissinfo.ch traf Markus Benz und Peter Bichsel in einem mit Büchern vollgestopften Hinterzimmer von Benz’ EOS-Laden, der sich direkt gegenüber einem anderen namhaften Antiquariat befindet, Biblion.

Benz und Bichsel, die Inhaber der beiden wichtigsten aktiven Antiquariate in der Zürcher Altstadt, wirken eher wie Kollegen als wie Konkurrenten. Alle Händler haben sich in unseren Gesprächen gegenseitig als solche bezeichnet. Die Welt der Bibliophilen ist sehr klein, man kennt sich untereinander, und die meisten ernsthaften Sammler haben ihre bevorzugten Händler.

“Ich verschicke Kataloge an die meisten wichtigen Sammler in der Welt, aber nicht jeder ist ein Kunde von mir”, sagt Yüksel. “Es gibt Sammler, die nicht bei mir kaufen. Sie kaufen bei einem anderen Kollegen, und ich weiss genau, bei wem. Wenn ich also ein Buch für diesen Kunden habe, schicke ich es an meinen Kollegen, und er verkauft es für mich.”

Frau und Herr Benz
Gertrud und Marcus Benz führen die Buchhandlung EOS in der Zürcher Altstadt. Obwohl der Handel mit seltenen Büchern eine Männerdomäne ist, war es Gertrud, die Marcus in dieses Geschäft drängte. Ihre Spezialgebiete waren die Medizin und die Naturwissenschaften, aber ihr Hauptumsatzträger sind seltene Kunstbücher. “Mein Weltbild wäre sicher viel eingeschränkter, wenn ich meinen ursprünglichen Beruf als Computertechniker behalten hätte”, sagt Marcus Benz. Thomas Kern/swissinfo.ch

Kein Platz mehr für Fachleute

Benz sagt, dass es Ende des letzten Jahrhunderts drei Hauptsegmente in der Branche gab: den Secondhand-Händler, den spezialisierten Händler (meist im Bereich Kunst oder Naturwissenschaften) und die Bibliophilen, die sich schöne und seltene Bücher leisten können.

Heute sind sie alle Generalisten. “Nur mit Antiquariaten oder Nischenprodukten kann man nicht mehr leben”, sagt Bichsel und spricht damit allen anderen aus der Seele. Einige Themen verkaufen sich zwar immer noch besser als andere – zum Beispiel Philosophie und Kunst –, aber die Verknappung des Markts zwang die Händler zu grösseren Änderungen.

Peter Bichsel
2003 eröffnete Peter Bichsel sein Geschäft Fine Books im Herzen der Zürcher Altstadt. “Seit der Studienzeit war mein Interessenspektrum eher breit als tief – und das war keine gute Voraussetzung für eine akademische Karriere. Deshalb bin ich dann als jemand ins Antiquariat gekommen, der einen akademischen Hintergrund hat, aber von vielem ein bisschen was versteht.” Thomas Kern/swissinfo.ch

Keiner der Befragten berichtet von einer positiven Auswirkung des Internets auf den Verkauf, sei es im Direktverkauf oder über Plattformen wie AbebooksExterner Link (gehört zu Amazon), oder bei der Anwerbung neuer Kundschaft.

Online-Käuferinnen und -Käufer suchen direkt nach einem Buch, das sie interessiert. Sie stöbern nicht in Regalen, um etwas aus dem Nichts zu finden, wie dies in einem Geschäft der Fall sein kann.

Yüksel zum Beispiel macht keine Online-Werbung und konzentriert sich auf den gehobenen Markt. “Vor zwei Tagen habe ich ein Buch für 400 Franken verkauft”, sagt er.

“Um ein Buch für 400 Franken zu verkaufen, brauche ich genauso viel Arbeit wie für ein Buch für 400’000 Franken. Warum sollte ich mir also die Mühe machen, ein preisgünstiges Buch ins Internet zu stellen? Würde ich das tun, stünde ich die ganze Zeit in meinem Packraum und würde Pakete für 400 Franken machen. Damit kann ich kein Geld verdienen.”

Yüksels Erasmushaus erreicht mit etwa 50 verkauften Büchern pro Jahr die Gewinnschwelle, und ein grosser Teil seines Bestands umfasst Bücher im sechsstelligen Bereich. Die meisten anderen Buchantiquare führen bescheidenere Ware – ein aussergewöhnlicher Verkauf liegt bei ihnen zwischen 40’000 und 100’000 Franken.

Die Sammler – fast nur Männer

Institutionen wie Universitätsbibliotheken waren wichtige Abnehmer, vor allem in den Vereinigten Staaten. Aber das ist heute nicht mehr der Fall, mit Ausnahme von Schulen wie Princeton, Yale oder Harvard.

Früher kamen Bibliothekare einmal im Jahr zu einer Einkaufstour nach Europa, aber die Digitalisierung der Bibliotheken hat einen grossen Teil der Budgets verschlungen, die in während der Zeit auch geschrumpft sind.

Ausserdem, sagt Yüksel, hätten sich die Themen verändert. Ein Grossteil der heutzutage von den Bibliothekaren gesuchten Literatur bezieht sich auf neuere und aktuellere Themen wie die Hip-Hop-Kultur und LGBTQ-Werke.

Der typische Privatkunde ist jedoch ein weisser Mann mittleren Alters. Frauen, so der subjektive Eindruck der Händlerinnen und Händler, sind eher Leserinnen als Sammlerinnen. Sie lassen sich vom Besitz eines Buchs als Objekt nicht beeindrucken.

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“Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege”, betont Bichsel, “aber ich stelle fest, dass Frauen heute den grössten Teil der jüngeren Kundschaft ausmachen.”

Geografisch gesehen stellen Schweizerinnen und Schweizer nur einen Bruchteil der Kundschaft dar – nicht zu verwechseln mit “Konsumentinnen und Konsumenten”, die kaufen und das Geschäft nicht wieder besuchen; Kunden und Kundinnen kaufen und kommen wieder.

Vor allem Kundschaft aus Amerika und Deutschland hält das Geschäft in der Schweiz am Laufen. Die asiatischen Käufer und Käuferinnen im Allgemeinen und die chinesischen im Besonderen verhalten sich noch nicht so auffällig wie auf dem Kunstmarkt.

Alexandre Illi sagt, er verkaufe an Sammler in der ganzen Welt, und japanische Käufer seien seine Hauptkunden in Asien. Aber der grösste Teil seiner Kundschaft kommt aus Frankreich und Belgien. Alle Händler sind sich einig, dass Paris an erster Stelle und dann London die wichtigsten internationalen Drehscheiben für das Geschäft sind.

Jedes Jahr finden in Paris, New York, London, Tokio und vielen anderen Städten Raritäten-Buchmessen statt. Sie sind immer eine Chance und ein Risiko. Man muss eine objektive Vorstellung von der Art der Besuchenden haben und dementsprechend die Bücher auswählen, die man mitbringt.

Die Schweizer Antiquare nehmen an vielen Messen teil, sind aber nicht besonders begeistert davon. In Zürich findet jedes Jahr im November eine Antiquariatsmesse statt, aber sowohl Bichsel als auch Benz merken an, dass diese in erster Linie dem geselligen Beisammensein von Liebhabern und weniger dem Verkauf diene.

Leidenschaft versus Geschäft

Buchantiquare bewegen sich auf einem kleinen Markt, der von einem unaufdringlichen Gentleman-Kodex beherrscht wird. Aber die Leidenschaft für Bücher muss mit einem kommerziellen Instinkt in Einklang gebracht werden. Andernfalls überlebt kein Buchantiquar lange in der Branche.

Illis kaufmännisches Gespür wird von seinen Kollegen hoch gelobt – er ist der einzige Schweizer Antiquar, mit dem Yüksel gelegentlich Geschäfte macht –, aber er stellt seine Leidenschaft für Bücher über alles andere.

“Ich habe 1989 angefangen, mit meinem Vater [dem Gründer des Hauses] zusammenzuarbeiten und habe nie etwas anderes gemacht, um Geld zu verdienen. Es ist meine Leidenschaft, denn man muss leidenschaftlich sein, sonst funktioniert das nicht”, sagt Illi.

Yüksel, der scheinbar leidenschaftsloseste Händler, sagt mit Nachdruck, dass es kein Buch gibt, das er nie verkaufen würde. “Aber natürlich, wenn es etwas gibt, das ich sehr mag, setze ich einfach einen horrenden Preis dafür an.”

(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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