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Lady Macbeth im Mädcheninternat

Komplizierte junge Liebe. www.lostanddelirious.hpg.ig.com.br

"Lost and Delirious" - Verloren und herumphantasierend: Die Hauptdarstellerinnen im neuen Film der in Kanada lebenden Schweizerin Léa Pool sind beides.

Letztes Jahr hatte sie für ihr Adoleszenz-Porträt «Emporte-moi» den Schweizer Filmpreis als besten Film des Jahres erhalten. Dieses Glück wird der gebürtigen Westschweizerin Léa Pool mit ihrem neuen Film nicht vergönnt sein. «Lost and Delirious» ist zwar ebenfalls in Kanada entstanden, aber ohne Geld des Bundesamtes für Kultur.

Darum ist der Film kein Schweizer Film, und nicht nominierbar für den Filmpreis. Das ist schade. Denn auch ihr siebter Spielfilm ist eine subtil und sehr präzis inszenierte Pubertäts-Studie mit herausragenden Darstellerinnen – verpackt in eine kinotaugliche Geschichte. Neu ist nur, dass Pool in englisch mit englisch-sprachigen Schauspielerinnen drehte.

Lesbisches Liebesglück

Die schüchterne Mary, Mäuschen genannt, deren Mutter kürzlich gestorben ist, wird von ihrem Vater ins Internat abgeschoben. Sie teilt das Zimmer mit der attraktiven Tory, der Tochter reicher, konservativer Eltern, und der rebellischen Paulie, die bei Adoptiveltern aufgewachsen ist.

Wie meist bei Pool stehen also drei Personen im Mittelpunkt, deren Schicksal untrennbar miteinander verknüpft ist. Bald merkt Mary nämlich, dass ihre beiden Zimmergenossinnen nicht nur den Schlafraum, sondern auch das Bett teilen. Sie, die «noch nie etwas zwischen den Beinen gespürt hat», muss zuschauen, wie sich ihre beiden Nachbarinnen heftig lieben.

Immerhin hat sie als Komplizin jetzt erstmals gute Freundinnen. Dass das junge Liebesglück aber nicht ewig dauern kann, ahnt man bald. Nicht ein Mann zerstört jedoch die von der Kamera ausgiebig zelebrierte Idylle, sondern die hehre Moral. Es wird zwar geraucht und Alkohol konsumiert im Internat, und die Schulleitung gibt sich betont liberal.

Empört sind jedoch vielmehr die Mitschülerinnen, die zwar selber ausgiebig über Sex quasseln, aber für lesbische Liebe nur schiere Abscheu übrig haben. Von der Gemeinschaft ausgestossen werden aber nicht beide Mädels, sondern nur die unbändige Paulie. Tory hingegen lässt sich, politisch korrekt, vom erstbesten Jungen entjungfern.

Filmische Konvention

Paulie, die in Mary eine emotional Verbündete und in einem von ihr gesundgepflegten Raubvogel ein Vorbild hat, wird nun endgültig zur Rebellin, zur Rächerin, zur Lady Macbeth. Shakespeare zitierend und mit einem Theaterdegen bewaffnet zerstört sie, was ihr im Weg steht – auch sich selbst.

Léa Pool bringt die Themen erwachende Sexualität und lesbische Liebe ohne Peinlichkeiten auf die Leinwand. Ihre Schauspielerinnen, darunter der Jungstar Piper Perabo als Paulie, agieren auch in den heiklen Szenen glaubwürdig.

Für den kanadischen Altstar Jackie Burroughs als Internatsleiterin hat sie gar eine Paraderolle geschaffen.

Wo Pool in früheren Filmen wie «A corps perdu» oder «La demoiselle sauvage» zumindest einen Hang zum Avantgardistischen zeigte, setzt sie hier ganz auf filmische Konvention, die mit Off-Texten aus der Romanvorlage, Zeitlupen-Aufnahmen bei emotionalen Höhepunkten oder schwülstigem Sound in dramatisch wichtigen Momenten allerdings manchmal arg strapaziert wird.

Dafür ist ihr Filmdrama leicht zugänglich und wird es im Kino umso einfacher haben. Das lustvoll aufgeladene Highschool-Milieu dürfte auch ein jüngeres Publikum, das entsprechende Komödien schätzt, ins Kino locken. Und das Arthouse-Publikum hält sich an den guten Ruf der Kanada-Schweizerin als Autorenfilmerin.

So oder so ist «Lost and Delirious» einer der überzeugendsten Schweizer Filme des Jahres – wenn es denn ein Schweizer Film wäre.

swissinfo und Beat Glur (sda)

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