Neue Filme und Comics widmen sich der Demenz
Gleich drei neue Filme von Schweizer Filmschaffenden, die sich mit dem Thema Demenz befassen, laufen im Oktober im Kino an. Ergänzt werden sie von einer Erzählung im Format einer Graphic Novel. Formal könnten sich die vier berührenden Werke kaum stärker unterscheiden.
(Keystone-SDA) Es ist etwas, das in fast ausnahmslos allen künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Thema Demenz deutlich wird: Sie betrifft jene Menschen, die der erkrankten Person in irgendeiner Weise nahestehen, mindestens genauso stark. Denn sie sind es, die die von der Krankheit verursachten Veränderungen überhaupt wahrnehmen können, da den Erkrankten die objektive Perspektive nach und nach abhanden kommt.
Eine der Besonderheiten des Dokumentarfilms «Wenn die Erinnerung verblasst» von Marianne Pletscher und Martina Rieder ist es zwar, dass dessen Protagonistin Birgitta Martensson als ehemalige Direktorin von «Alzheimer Schweiz» selbst Expertin für die Krankheit ist, an der sie seit elf Jahren leidet. Während der drei Jahre, in denen sie von den Filmerinnen begleitet wird, kann sie immer wieder luzide und pragmatische Beobachtungen («Alzheimer ist wirklich nicht lustig») über deren Fortlauf treffen. Doch der Film hätte auf keine Weise dieselbe Kraft, wenn er nicht auch die Perspektive von Christiane enthielte, die sich in der selben Zeit mit den Veränderungen im Wesen ihrer besten Freundin konfrontiert sieht, der sie versprochen hat, sie bis zum Ende ihres möglichst selbstbestimmten Weges zu begleiten.
Die Kraft der Fürsorge
Sogar fast gänzlich die Perspektive einer indirekt betroffenen Figur übernehmen zwei weitere Werke. Mit sanften Farbtönen und ausdrucksstarken Pinselstrichen erzählt Melanie Wigger in ihrem Comic «Vincent» von Robert und Vincent, die seit ihrer von Töffli, Jeansjacken und Rock ’n‘ Roll bestimmten Jugendzeit beste Freunde sind. Als Vincent krank wird, ist es Robert, dem es mit Geduld, Fürsorge und nicht zuletzt dank der gemeinsamen Erinnerungen gelingt, in Vincents stets mit warmen Farben gezeichneter Welt zu bleiben, während der Rest nach und nach ins Grau absinkt. Wigger nutzt dabei sämtliche Möglichkeiten des Comics, um nachfühlbar von Nähe und Distanz, wie auch von Vincents neuer Art der Zeitwahrnehmung zu erzählen, indem sie etwa ganze Tage oder Monate in einem einzigen grossen Bild gleichzeitig passieren lässt. Noch mehr als die Traurigkeit der Situation wird dabei sogar so etwas schwierig darstellbares wie Liebe sichtbar.
Auch Petra Volpe bleibt mit «Frank & Louis» ihren bereits mit «Die göttliche Ordnung» und «Heldin» demonstrierten Stärken treu. Von akribischen Recherchen gestützt, erzählt der Film anhand von zwei starken Figuren von den «Yellow Coats», einem Programm in US-Gefängnissen, in dem sich Häftlinge um ältere, an Demenz erkrankte Insassen kümmern. Mit nüchternem, unvoreingenommenem Blick umschifft Volpe dabei die meisten Klischees sowohl des Gefängnisfilms wie auch des Demenz-Melodramas. Und sie zeigt, dass es sich bei Mitgefühl und Fürsorge um Dinge handelt, die auch an den unwahrscheinlichsten aller Orte mögliche Richtlinien für das eigene Handeln darstellen können, und dass die Welt dadurch eine bessere wird.
Ort ohne Vergangenheit und Zukunft
Der Grund, weshalb gerade jetzt so viele Werke zum Thema Demenz entstehen, mag in der aktuellen demographischen Situation und dem fortschreitenden Alter der Nachkriegsgeneration liegen. Für die einzelnen Beiträge und die von ihnen geschilderten realen und fiktiven Schicksale spielt das zwar keine Rolle.
Es bietet aber die Möglichkeit eines direkten Vergleichs der gewählten Formen und lässt zugleich eine Gemeinsamkeit erkennen: Sowohl im Kino als auch in der Graphic Novel wohnt ein besonderes Potential inne, eine Krankheit zu erfassen, bei der den von ihr Betroffenen der Sinn für Raum und Zeit wie die Erinnerung abhanden kommt. Denn handelt es sich bei diesen drei Dingen, zuzüglich der Möglichkeit, Emotionen auch ohne Sprache direkt zu übermitteln und so Empathie zu schaffen, nicht auch um die Grundbausteine des Kinos? Zumindest könnte man argumentieren, dass die Wahrnehmung eines Films und die einer von Demenz betroffenen Person vom gleichen Ort her stattfinden, an dem weder Vergangenheit noch Zukunft existieren.
Es ist ein Ort, wie auch der Titel von Kaspar Kasics‘ filmisch-sozialem Experiment «Das unendliche Jetzt» weiss, der konstanten Gegenwart. Geleitet von Prinzipien des Improvisationstheaters, lässt Kasics vier an Demenz erkrankte Menschen und zwei professionelle Schauspieler frei Szenen und Dialoge erarbeiten, die gerade durch die Offenheit der Spielsituation tiefer zum Empfinden der Betroffenen vorzudringen vermögen, als ein nüchterner Zugang es möglich machen würde. Oft herausfordernd, aber immer berührend, ist es unter allen besprochenen Werken vielleicht dieser Film, der jener so tragischen wie schönen Wahrheit, die einer seiner Protagonisten einmal ausspricht, wohl am nächsten kommt: «Das Herz wird nicht dement.»*
*Dieser Text von Dominic Schmid, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.