Mit der Uhr den Schlaf und den Blutdruck messen: Macht das wirklich gesünder?
Von der Überwachung der Schlafgewohnheiten bis hin zum Ganzkörperscan – immer mehr gesunde Menschen erfassen privat ihre körperlichen Daten, um möglichst gesund zu bleiben. Wie viel bringen diese Gesundheits-Trackings wirklich?
Im November letzten Jahres schockierte die Influencerin Kim Kardashian ihre Fans, als sie bekannt gab, dass bei ihr während einer Ganzkörperuntersuchung in einer Privatklinik ein Hirnaneurysma diagnostiziert worden war. Dabei handelt es sich um eine krankhafte Aufweitung eines BlutgefässesExterner Link, das, wenn es platzt, eine gefährliche Hirnblutung zur Folge haben kann.
Dass sie sich regelmässig Ganzkörperuntersuchungen unterzieht, davon hatte Kardashian, der auf Instagram über 354 Millionen Menschen folgen, im August 2023 erstmals berichtet. Einige Medien bezeichneten diese Praxis daraufhin als «neustes Statussymbol für Wellness».
Zwar gibt es keine offiziellen Daten dazu, wie viele Kliniken inzwischen solche Ganzkörperuntersuchungen für scheinbar gesunde Personen anbieten. Klar aber ist: Das Angebot wächst und hat sich von Nordamerika auf den Rest der Welt ausgebreitet. In der Schweiz, wo Privatkliniken, Krankenhäuser und luxuriöse Wellnesszentren seit Jahrzehnten präventive Gesundheitsbehandlungen anbieten, wurden in den letzten drei Jahren mindestens fünf verschiedene Start-ups gegründet, die Ganzkörper-Scans anbieten.
Diese Untersuchungen zählen zu einer Reihe neuer präventiver Gesundheitsmassnahmen, die an der Schnittstelle zwischen Wellness und Langlebigkeit stehen. Dazu gehören etwa Wearables – kleine Tracker, die an Alltagsgeräten wie Telefonen und Uhren angebracht werden und die alles, von Stress bis hin zum Alterungsprozess, messen. Die Geräte sind erschwinglich geworden und damit längst Teil des Alltags vieler Menschen. Wie viel sie aber tatsächlich für unsere Gesundheit bringen, bleibt offen: Daten dazu sind nach wie vor rar.
«In nur zwei Generationen hat sich unsere Lebenserwartung um 20 bis 30 Jahre verlängert», sagt Francis Meier, Mitbegründer des Schweizer Zentrums für Präventivmedizin beim Hôpital de la Tour in Genf. «Menschen zwischen 50 und 70 Jahren möchten gesund altern.»
Wichtig dabei sei, was für den Patienten gut ist – nicht für das Geschäft, so Meier. «Und diese beiden Dinge gehen nicht immer Hand in Hand. Ganzkörperscans, sagt er, seien ein Geschäft, das neu aufgebaut wurde, um Geld zu verdienen.
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Die Schweiz verfüge über starke Vorsorgeprogramme für Krankheiten wie Brust-, Lungen-, Prostata- und Hautkrebs, die gut auf Behandlungen ansprechen, sagt Meier. Deswegen biete seine Klinik keine Ganzkörperscans an.
Andere Anomalien, die bei Scans festgestellt werden, sind entweder seltene Krankheiten, für die es keine wirksame Behandlung gibt, oder Auffälligkeiten, die sich gar nicht zu Krankheiten entwickeln. In beiden Fällen könne eine Diagnose bei Patient:innen Ängste und unnötige Kosten verursachen.
Eine Milliardenindustrie
Der Markt für Gesundheits-Tracking boomt trotzdem. Kliniken, Startups und Tech-Giganten positionieren sich als Unternehmen für präventive Gesundheitsvorsorge. Ihr Verkaufsargument: Krankheiten durch umfassende Datenerfassung so früh wie möglich zu erkennen – auch wenn die Kund:innen gesund sind.
Prominente Investoren und führende Risikokapitalfirmen wie «a16z» investieren in Untersuchungszentren wie Function Health, das seit seiner Gründung in den Vereinigten Staaten im Jahr 2022 insgesamt 358 Millionen US-Dollar (285 Millionen Franken) an Finanzmitteln aufgebracht hat.
Sein schwedischer Konkurrent Neko Health, der ein Jahr später gegründet wurde, sammelte 325 Millionen Dollar an Startkapital. Im Jahr 2025 wurden die Unternehmen mit 2,5 Milliarden respektive 1,8 Milliarden Dollar bewertet.
Laut Grand View ResearchExterner Link wird sich der Markt für Wearables zwischen 2024 und 2029 mehr als verdoppeln – von 60,9 Milliarden Dollar auf 162,7 Milliarden.
Die Branche wird auch von Politiker:innen gefördert: Im Juli startete der amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. eine Kampagne, um alle Amerikaner:innen zu ermutigen, Wearables zu nutzen. Im September wurde die Apple Watch von der Food and Drug Administration (FDA) als medizinisches Gerät zur Erkennung von Bluthochdruck zugelassen.
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Wer sich für seine Gesundheitsdaten interessiert, kann mittlerweile zwischen einer Vielzahl von Geräten wählen, die sich in Bezug auf Marke, Preis, Verwendung und Funktion unterscheiden – angefangen bei Schrittzählern für wenige Franken bis hin zu Smartwatches, die bis zu 400 Franken kosten. Ganzkörperscans sind jedoch teurer. Denn für sie braucht es ein Magnetresonanztomographiegerät (MRT), das eine grosse Menge an Daten sammelt, um die Organe und Gewebe einer Person virtuell zu rekonstruieren.
Die Tests beim Schweizer Start-up Aeon beginnen bei 2490 Franken für einen Ganzkörperscan inklusive Blutuntersuchung und reichen bis zu 6990 Franken für einen zusätzlichen Knochendichtescan, eine Genanalyse, eine KI-Körperzusammensetzungsanalyse sowie einen Termin bei einem Experten oder einer Expertin für Langlebigkeit. Die Kosten werden von der Schweizer Krankenversicherung nicht übernommen.
Gesunde Menschen im Visier
Die Überzeugung, dass unser individuelles Verhalten unsere Gesundheit beeinflussen kann, ist laut Expert:innen einer der Hauptgründe für diesen Boom. «Nur 25% unserer Lebenserwartung lassen sich wirklich durch die Genetik erklären», sagt Filipe Barata, leitender Forscher am Center for Digital Health Interventions der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). «Daher gibt es diese Vorstellung, dass wir ein gesünderes Leben führen können, wenn wir auf unser Verhalten achten.»
Scanning- und Wearable-Unternehmen locken Kund:innen mit Slogans wie «Gesundheit ist schön» oder «Übernehmen Sie die Kontrolle über Ihre eigene Gesundheit». Sie sprechen von der Bedeutung des Wohlbefindens. Dabei richten sie sich an gesunde Menschen – und betonen gleichzeitig, dass ihre Dienstleistungen keine medizinischen Tests oder Vorsorgeuntersuchungen ersetzen.
Das Angebot richte sich an gesundheitsbewusste Erwachsene, die eine umfassendes Bild ihrer Gesundheit erstellen und ihr persönliches Risikoprofil besser verstehen möchten, sagt ein Vertreter des Schweizer Start-ups Aeon.
Als Prenuvo, das Unternehmen, bei dem Kardashian ihre Untersuchung machte, im Sommer 2024 in Bethesda, Maryland, eröffnet wurde, wandte es sich an lokale Wellness-Influencer:innen, wie beispielsweise die Maskenbildnerin Jeet Bahra.
Im Austausch für einen Beitrag auf ihren Kanälen in den sozialen Medien nahm die 39-Jährige ein kostenloses Untersuchungsangebot an, da sie keine Krankenversicherung hatte und sich Sorgen um Brustkrebs machte.
Mammographien sind in vielen Ländern, darunter auch den USA, vor dem 40. Lebensjahr weder obligatorisch, sie werden nicht systematisch durchgeführt und ihre Kosten nicht erstattet.
«Ich hatte mindestens ein Dutzend Freundinnen, denen es an einem Tag noch gut ging und die am nächsten Tag einen Knoten in ihrer Brust entdeckten, was zu einer Mastektomie führte», sagt Bahra, deren Ergebnisse unauffällig waren. Prenuvo hat auf Fragen zum Angebot nicht geantwortet.
Datenüberflutung
Sie werde sich «sicherlich» irgendwann einem Ganzkörperscan unterziehen, sagt Courtney McKay, eine 31-jährige angehende klinische Psychologin. Seit zehn Jahren nutzt sie Wearables, um gesund und aktiv zu bleiben. McKay hat ein Whoop-Sensorarmband, das sie von ihrem Freund bekommen hat. Sein eigenes Modell hat dieser vor Kurzem aufgerüstet. Die beiden vergleichen regelmässig ihre Statistiken. Allerdings hätten sie aufgehört, morgens als Erstes ihre Schlafstatistiken zu überprüfen, damit die Bewertungen nicht «ihren Tag bestimmen».
«Bevor ich mir meine Daten ansehe, versuche ich herauszufinden, wie ich mich fühle», sagt McKay. Viele Nutzer:innen berichten, dass sie sich gestresst fühlen, nachdem sie ihre Schlafdaten betrachten. Ein Syndrom, das seit 2017 unter dem Namen Orthosomnie bekannt ist und das ein «perfektionistisches Streben nach dem idealen Schlaf zur Optimierung der Tagesfunktion» bezeichnet.
Laut dem Cambridge Dictionary wird «Longevity» als «langes Leben» definiert. Der Begriff wird zunehmend verwendet, um sowohl die Lebensspanne (die insgesamt gelebten Jahre) als auch die Gesundheitsspanne zu bezeichnen – also die Jahre, die in guter Gesundheit ohne chronische Krankheiten oder Behinderungen verbracht werden.
Auch McKay beschäftigen ihre «Gesundheitsspanne»-Daten, die das Verhältnis ihres biologischen Alters zu ihrem chronologischen Alter messen. «Ich weiss nicht, ob es Angst ist», sagt sie. «Aber als ich zum Beispiel auf einem Junggesellinnenabschied war, dachte ich, dass das lange Aufbleiben meinen Alterungsprozess negativ beeinflussen würde. Das gefällt mir nicht.»
Die Alterungsgeschwindigkeit gehört zu den beliebtesten Gesundheitsdaten und kann mit verschiedenen Smart-Geräten gemessen werden. Obwohl sie nicht gerne Sport treibt, sagt McKay, dass ihre vernetzte Uhr sie motiviert, regelmässig zu trainieren.
Expert:innen warnen jedoch, dass es kaum Belege dafür gibt, dass die Erfassung persönlicher Gesundheitsdaten zu einem gesünderen Leben führt. Laut Spezialist:innen für Verhaltensänderungen führt das Bewusstsein für ungesunde Gewohnheiten in etwa der Hälfte der Fälle zu keiner Verhaltensänderung – und wenn doch, ist der Zusammenhang nur schwer nachweisbar.
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«Die Erforschung der Langlebigkeit ist eine schwierige Aufgabe, da es sehr schwer ist, die Kausalität wirklich zu untersuchen, und die meisten Ergebnisse korrelativ sind“, sagt Barata von der ETH Zürich.
Hinzu kommt, dass die meisten Nutzer:innen ihre Wearable-Ergebnisse nicht routinemässig mit medizinischen Fachkräften teilen, insbesondere, wenn sie nicht aktiv medizinischen Rat suchen – wie McKay und Bahra. Wenn sie dies tun, weisen diese Daten oft erhebliche Einschränkungen hinsichtlich ihrer Genauigkeit und Validität auf. Die meisten Wearables für Verbraucher:innen sind eher als Wellness-Tools denn als medizinische Geräte konzipiert.
«Ich finde es gut, solche Geräte zu haben, aber es ist nach wie vor sehr schwierig, eindeutige Empfehlungen auszusprechen», sagt Barata. «Die Daten liefern in der Regel nur allgemeine Beobachtungen wie ‚Sie würden von mehr Bewegung profitieren‘ und keine eindeutigen diagnostischen Aussagen.»
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Ganzkörperscans liefern zwar präzisere Daten als eine Uhr. Doch auch damit sollte man vorsichtig sein: «Ich würde Menschen unbedingt davon abraten, sich einer solchen Gesundheitsuntersuchung zu unterziehen», sagt Suzanne O’Sullivan, beratende Neurologin am University College London.
MRT-Scans kamen in den 1990er-Jahren in den regulären klinischen Einsatz, und erst seit einem Jahrzehnt sind wirklich klare Bilder verfügbar, so O’Sullivan. «Wir stehen noch ganz am Anfang, wenn es darum geht, zu wissen, wie das Innere gesunder Menschen aussieht, und lernen erst noch, welche Unterschiede es gibt und mit welchen Anomalien Menschen leben.»
Die Ergebnisse der Untersuchungen können nicht nur Ängste auslösen, sondern auch zu schädlichen oder unnötigen Behandlungen führen, sagt die Neurologin. «Je mehr Tests man durchführt, desto mehr Unregelmässigkeiten findet man, bis man schliesslich Gefahr läuft, eine Behandlung zu erhalten, die man definitiv nicht benötigt, da Ärzte immer eher auf Nummer sicher gehen und behandeln, als nicht zu behandeln.»
Editiert von Virginie Mangin/ds, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/jg
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