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Russland-Feldzug von 1812 Beresina: Die Geister scheiden sich auch heute



Napoleons "Grande Armée" zog sich Ende November 1812 über den Beresina-Fluss zurück.

Napoleons "Grande Armée" zog sich Ende November 1812 über den Beresina-Fluss zurück.

(akg images)

Der Russland-Feldzug von 1812 endete mit dem Debakel von Beresina. In dieser Schlacht spielten die Schweizer eine wichtige Rolle. Das Ereignis jährt sich zum 200. Mal und hat zur Identitäts-Findung der Schweiz beigetragen. Das Thema bleibt umstritten.

Eigentlich hätte es ein leichter, dreiwöchiger Feldzug werden sollen: Im Juni 1812 führte Napoleon seine "Grande Armée" von mehr als einer halben Million Männern nach Russland. Aber Ende Jahr traten weniger als 5 Prozent des einst gewaltigen Heeres den Rückweg an.

Von den rund 9000 Schweizern, die aufgrund eines Vertrags zwischen der Schweiz und Frankreich am Feldzug teilnahmen, kehrten nur 400 heim, welche über die Ereignisse berichten konnten.

Es war ein Feldzug mit wenigen offenen Schlachten; viele Soldaten starben an Kälte, Hunger und Krankheit und bei russischen Guerilla-Attacken.

Aber die dreitägige Schlacht an der Beresina im heutigen Weissrussland, bei welcher 1300 Schweizer Soldaten mithalfen, die Russen zurückzuhalten, bis die zurückweichende französische Armee den Fluss überqueren konnte, hat sich ins kollektive Bewusstsein der Schweiz eingebrannt. Nur 300 Soldaten überlebten.

In seiner Rede zum Nationalfeiertag dieses Jahres vor der euroskeptischen Schweizerischen Volkspartei SVP, der er selber angehört, benutzte Verteidigungsminister Ueli Maurer den 200. Jahrestag, um vor den Absichten der Europäischen Union zu warnen, "uns ihre Rechtshoheit aufzuzwingen".

Die Schweizer Truppen seien in den Krieg Napoleons gezerrt worden, weil die "politische Elite" der Schweiz 1790 von den neuen Ideen der französischen Revolution "hypnotisiert" gewesen sei, sagte Maurer. "Sie glaubten an eine neue, goldene Zeit. Ihr Heimatland empfanden sie als zu klein, zu unbedeutend und zu altmodisch."

Maurers Rede habe ihn wütend gemacht, sagt der Freiburger Historiker Alain-Jacques Tornare, der ein Buch über Beresina und den Feldzug von 1812  geschrieben hat. "In Wirklichkeit hatten die Schweizer ihre Sache sehr gut gemacht. Napoleon war nicht in der Lage, der Schweiz alles aufzuzwingen, was er gewollt hätte. Man kann nicht behaupten, dass die Schweiz im gleichen Ausmass wie alle andern Länder in der Nähe Frankreichs lediglich ein französischer Satelliten-Staat gewesen ist."

Eine neue Identität

Dass Beresina für politische Zwecke benutzt wird, ist kein neues Phänomen. Sämtliche Historiker, mit denen swissinfo.ch sprach, erwähnten die Rolle der Schlacht bei der Identitätsfindung in der Zeit des politischen Umbruchs.

Die französische Invasion in der Schweiz von 1798 hatte die alte Eidgenossenschaft auf den Kopf gestellt. Bis zu dieser Zeit hatten 13 Deutschschweizer Kantone die Gebietshoheit über weite Landstriche.

Nach gescheiterten Zentralisierungs-Versuchen brachte ein von Napoleon aufgedrängter Vermittlungsakt eine Schweiz mit 19 Kantonen hervor, in der die Stände unter den bisherigen Machthabern die gleichen Rechte hatten.

"Beresina hat gezeigt, dass die Schweizer in der Lage waren, als gleichwertige Landsleute gemeinsam zu kämpfen; dass die Deutschschweizer den Französischsprachigen nicht überlegen und die Tessiner (Italienischsprachige) ernst zu nehmen und gleichwertige Kämpfer waren", sagt Tormare.

Dieser Meinung ist auch der Tessiner Historiker Damiano Robbiani, einer der Ko-Autoren des Buchs Milizie Bleniesi, das mit Blick auf den 200. Jahrestag publiziert worden ist.

Die Geschichte von Beresina ist in drei Dörfern des Bleniotals im Kanton Tessin auf besondere Art am Leben erhalten worden. Bleniesen, die an der Schlacht teilgenommen hatten, hatten einen Schwur abgelegt: Sollten sie unversehrt ins Tessin zurückkehren können, werde dort jedes Jahr eine Militärparade zu Ehren der Madonna und Johannes dem Täufer durchgeführt.

Seither marschieren die Männer in diesen Dörfern alljährlich in traditionellen Uniformen mit Trommelklängen durch die Strassen.

Jürg Stüssi-Lauterburg, Chef der Eidgenössischen Militärbibliothek, ist überzeugt, dass die französische Invasion den Reformprozess in der Schweiz eher verzögerte als beschleunigte, wie viele Historiker argumentieren. Die vereinigende Wirkung Beresinas sieht er aber auch.

"Beresina war die erste Gelegenheit für die neue Konfiguration von 19 Kantonen, zu zeigen, was sie gemeinsam zu tun in der Lage waren. Es war genau das, was sie benötigten: einen modernen Akt des Heroismus als Beweis dafür, dass die Schweiz fähig war, ihre Unabhängigkeit auch aus militärischer Optik wiederherzustellen."  

"Es gibt verschiedene Interpretationen der Schweizer Geschichte, aber über die Bedeutung von Beresina ist man sich einig. Die Handlungen der Schweiz von 1812 waren heldenhaft. Aber Beresina bedeutete das Ende der Macht Napoleons. Der sich abzeichnende Niedergang Napoleons gefiel den Konservativen. Die Bonapartisten klammerten sich an die Tatsache, dass die Leute für Napoleon kämpften. In den wichtigsten politischen Lagern gab es verschiedene mögliche Interpretationen für die gleichen Ereignisse."

Die Geschichte ausschlachten

Unterschiedliche Interpretationen gab es auch zu unterschiedlichen Zeiten. Das Beresina-Lied, das die Hoffnung eines Soldaten während der Schlacht auf eine bessere Zukunft ausdrückt, wurde Ende 19. anfangs 20. Jahrhundert populär, zu einer Zeit, als die Schweiz eine nationale Kulturpolitik förderte mit Anlässen wie die Landesausstellung und dem Aufbau des Landesmuseums.

Während beiden Weltkriegen, vor allem nach Hitlers Invasion in Russland von 1941,  beriefen sich die Schweizer auf Beresina. "Der Zweite Weltkrieg bot eine klare Parallele: Hitler in die Schranken zu weisen", sagt Stüssi. "Dieses Gefühl verlieh dem alten Mythos, der auf 1812 zurück geht, neues Leben."

Individuelle Auswirkungen

Aber die Bedeutung von Beresina zeigte sich nicht nur auf politischer Ebene. "Es war eine allgemeine Tragödie. Niemand hat erfahren, was genau mit den vielen Soldaten geschehen war. Die Familien konnten nicht richtig um ihre Angehörigen trauern", sagt Tornare.

Nicht, dass die Behörden zu dieser Zeit ohne Mitgefühl waren, aber im Chaos des Rückzugs war es unmöglich, den Überblick über die Geschehnisse zu wahren – kommt hinzu, dass Verwundete und Armeeberichte in die Hände des Feindes fielen.

Die menschliche Tragödie hatte auch praktische Konsequenzen, hat Tornare festgestellt. "In den Archiven in Freiburg habe ich gesehen, dass die Leute bis in die 1840er-Jahre nach Angehörigen fragten, weil es um Erbschaften ging. Solange die Leute nicht als verschollen galten, waren sie offiziell nicht für tot erklärt."

Kein Wunder also, dass der Name Beresina im französischen Wortschatz als Synonym für totales Desaster gebraucht wird.

Napoleon und die Schweiz

Französische Truppen besetzten 1798 die Schweiz. Unterstützung fanden sie bei einigen Radikalen in der Schweiz, die sich der alten Herrschaft entledigen wollten.

Aber Versuche, das Land zu restrukturieren, führten zu Konflikten zwischen den Föderalisten und den Zentralisten.

1803 erliess Napoleon eine Mediationsakte, welche die Kantonsordnung wieder herstellte und den früheren Ländereien Kantonsstatus verlieh.

Unter dem neuen System waren die Eidgenossen gezwungen, Frankreich Truppen zur Verfügung zu stellen.

Das war sehr unpopulär. Die Zahl der zur Verfügung gestellten Soldaten wurde kontinuierlich von 18'000 auf 12'000 reduziert.

Zwischen 1805 und 1815 dienten insgesamt rund 30'000 Mann – aus einer Bevölkerung von damals 1,5 Millionen - in der französischen Armee.

Normalerweise hatten sie Verträge über vier Jahre, die oft verlängert wurden – nicht zuletzt, weil die Soldaten meistens weit weg von zuhause waren, als diese ausliefen.

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Schweizer Söldner-Tradition

Die Schweiz war seit dem Mittelalter bekannt für ihre Söldner-Tradition.

Zwischen 1400 und 1848 wurden gemäss Schätzungen rund zwei Millionen Schweizer Söldner von ausländischen Kräften angestellt.

Ursprünglich neigten die Söldner dazu, von privaten Arbeitgebern für einzelne Feldzüge angestellt zu werden.

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurden Söldnereinheiten in ständige Armeen eingegliedert, die ebenfalls zu dieser Zeit gebildet wurden.

Der Söldnerdienst war streng

geregelt und Sache der Kantone. Unter häufig erneuerten Abkommen mit Frankreich dienten Schweizer Söldner dem Französischen König bis zur Französischen Revolution.

Ähnliche Verträge oder Kapitulations-Abkommen wurden auch mit andern Staaten unterzeichnet.

Der katholische Kanton Luzern zum Beispiel schickte Söldner nach Spanien. Protestantische Kantone hatten Abkommen mit der Republik der Niederlande.

Unter Napoleon änderte sich die Natur des Schweizer Militärdienstes grundsätzlich. Es handelte sich nicht mehr um das Ergebnis einer Verhandlung zweier Parteien, sondern wurde für die Schweiz zur Pflicht.

Nach dem Zusammenbruch des Regimes Napoleons wurde die alte Tradition teilweise wieder aufgenommen.

In einem Abkommen von 1816 stellte die Schweiz dem französischen König erneut Truppen zur Verfügung.

Trotzdem kam die Tradition mehr und mehr unter Beschuss: 1848 wurde die Unterzeichnung neuer Kapitulations-Verträge verboten. 1859 wurde jede Form ausländischen Militärdienstes ohne Erlaubnis der Zentralregierung verboten.

Der einzige verbliebene Schweizer Söldnerdienst ist die Schweizer Garde des Papstes, die 1506 gegründet wurde.

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(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch


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