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Südafrika im Auge von David Goldblatt

Der jüdische Fotograf David Goldblatt ist in seiner südafrikanischen Heimat schon mehr als 50 Jahre als visueller Anthropologe mit seiner Kamera unterwegs.

Das Fotomuseum Winterthur zeigt sein Schaffen in einer Gesamtschau.

David Goldblatt dokumentiert und analysiert mit der Kamera die sozialen und politischen Strukturen von Südafrika. Er fokussiert auf die gesellschaftlichen Spannungen in seinem Land, seit die Apartheid im Jahre 1948 in Südafrika zu wuchern begann.

Bis in die Gegenwart zeigt er dem Betrachter die widersprüchliche Geologie des Lebens in Südafrika.

Das Fotomuseum Winterthur ordnet das Werk von Goldblatt in acht Kapitel. Der Betrachter wird in der Ausstellung hin- und her gerissen. Einmal sind die Bilderreihen steif und ernst, dann wieder ausgelassen und heiter, bisweilen auch dumpf, verkrampft und bodenlos, immer authentisch.

"In den Bildern von David Goldblatt sind der Geruch, der Geschmack, die Berührung und das soziale Gewicht der Dinge von Südafrika zu spüren", schrieb die Schriftstellerin Nadine Gordimer über ihren Landsmann.

Goldblatt wurde lange verkannt

Lange wurde Goldblatt als Fotograf in seiner Heimat kaum zur Kenntnis genommen. Er übernahm Auftragsarbeiten (professional work) für Magazine und Zeitschriften, die ebenfalls in der Winterthurer Ausstellung zu sehen sind.

Parallel dazu trieb er sein künstlerisches Schaffen (personal work) zielgerichtet und als Langzeitprojekt weiter. Er erkundete mit einem scharfen Blick den Wandel in der südafrikanischen Gesellschaft.

David Goldblatt bohrt mit seinen Bildern in den sozialen Verwerfungen der Apartheid. Mit jedem Klick zeigt er, wie die rassistische Ideologie der Apartheid die Städte - und noch intensiver die Landschaft - von Südafrika verformte.

Goldblatt führt den Besucher in dreckige Minen hinab, fotografiert im Goldstaub versunkene Menschen, Höllenbilder eines industriellen Infernos.

Die Lebensgeschichte von David Goldblatt ist verschlungen. Als Sohn litauischer Juden wurde er 1930 in Randfontein geboren. Obwohl seine innere Berufung als Fotograf früh feststand, arbeitete er im Kleidergeschäft seines Vaters mit und schloss daneben ein Wirtschaftsstudium ab.

Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1962 verkaufte er den Familienbetrieb. Seither widmet er sich professionell der Fotografie.

Ein Einzelkämpfer suchte und fand seinen Weg

Urs Stahel, der Direktor des Fotomuseums in Winterthur, beschreibt David Goldblatt: "Er ist ein Einzelkämpfer, der durch die Welt zieht. Er ist 76 Jahre alt, geht jeden Tag zwei Stunden ins Fitnesszentrum, macht Krafttraining. Südafrika ist für Goldblatt eine inhaltlich geprägte Obsession. Goldblatt ist aber kein militanter Kämpfer gegen die Apartheid, er ist ein visueller Aufklärer."

Weil Goldblatt kein Propagandist für niemanden ist und war, haben seine Bilder in der Tiefe der Zeit überlebt und an Bedeutung gewonnen.

Die Versöhnung mit seiner Heimat hat Goldblatt zum Chronisten von Südafrika mit der grössten Ausdauer gemacht. Bis heute legt er mit der Kamera Strukturen in seinem Land frei; früher schwarz-weiss, jetzt in Farbe.

Goldblatt dokumentiert den Weg einer Rückeroberung

In der Winterthurer Ausstellung durchschreitet der Betrachter die reale und die politische Geografie von Südafrika. Er kann visuell erleben, wie die Menschen Stadt und Land nach dem Niedergang der Apartheid (1994) neu erobern, ein Vorgang, der bis heute anhält, Widersprüche und Rückschläge erleidet.

Die Ausstellung des Fotomuseums Winterthur zeigt, wie die Apartheid einst Fabriken, Friedhöfe, Amtsgebäude, Häuser und Kirchen prägte. Aber die Geschichte hört dort nicht auf.

David Goldblatt fotografiert, wie die schwarze Bevölkerung am Kap mit starkem Willen zum Überleben und mit Widerstandskraft die Geschichte gewendet hat.

David Goldblatt liefert den visuellen Beweis, dass die Widersprüche in der südafrikanischen Gesellschaft und die tragischen Eingriffe in die Geschichte des Landes noch lange nachwirken.

Noch viel zu tun

Vieles bleibt noch zu tun. In der Ausstellung von David Goldblatt ist ein Bild aus dem Jahre 2002 zu sehen. Eine schwarze Essensverkäuferin wartet vor hellen Prunkbauten auf Bauarbeiter eines Geschäftszentrums von Johannesburg. Auf einem improvisierten Herd köchelt das Wasser auf kleinem Feuer.

"Von einem visuellen Künstler wie David Goldblatt, der sozial engagiert ist und uns mit seinen Bildern die Strukturen von Südafrika freilegt, können wir viel über die ganze Welt lernen", meint Museumsdirektor Stahel.

swissinfo, Erwin Dettling, Winterthur

Eine Geschichte im Halbdunkel

Die Schweiz und Südafrika verbindet eine Geschichte, die bis zum heutigen Tag im Halbdunkel liegt. Während der langen Jahre der Apartheid unterhielten private Unternehmen, Banken und die helvetische Politik intensive Beziehungen zu Südafrika.

Schweizer Banken spielten beim Goldhandel mit Südafrika eine bedeutende Rolle. Die Finanzverpflichtungen von Südafrika gegenüber den Schweizer Banken machten 1989 einen Viertel der langfristigen ausländischen Verbindlichkeiten aus. Heute sind es noch zwei Prozent.

Georg Kreis, der die Beziehungen der Schweiz mit dem Apartheid-Regime untersuchte, schrieb: "Die Südafrikapolitik wurde in der Schweiz immer von einer stabilen parlamentarischen Mehrheit gedeckt. Besonders deprimierend ist für mich, dass man auch nach dem Ende der Apartheid keine kritische Bilanz ziehen will."

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