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Als zwei arbeitslose Mechaniker Charlie Chaplins Leiche stahlen

Charlie Chaplin in der Rolle des Charlot
Charlie Chaplin in «Lichter der Grossstadt». Keystone

Wenige Monate nach dem Tod von Charlie Chaplin wurde sein Leichnam vom Friedhof in Corsier-sur-Vevey im Kanton Waadt gestohlen – dem Ort, an dem der grosse Schauspieler und Regisseur 25 Jahre lang gelebt hatte.

Es ist der 1. März 1978. Wir befinden uns in Corsier-sur-Vevey, wo der dichte Nebel gerade einem kalten Regen weicht. Zwei Gestalten schleichen über den Friedhof. Ihre Absichten sind nicht besonders ehrenhaft.

Am nächsten Tag findet der Friedhofsgärtner anstelle eines der Gräber ein tiefes, leeres Loch vor. Reifenspuren deuten darauf hin, dass der dort beigesetzte Sarg abtransportiert wurde. Der Mann schlägt sofort Alarm und löst damit eine abenteuerliche Untersuchung aus, die weltweit für Aufsehen sorgen sollte. Bei der gestohlenen Leiche handelt es sich nämlich um jene von Charlie Chaplin.

Ein offenes Grab auf einem Friedhof
Der Tatort. Keystone / Str

Die Schweiz, die Wahlheimat von Charlie Chaplin

Der grosse britische Filmemacher lebte 25 Jahre lang bis zu seinem Tod am 25. Dezember 1977 im Dorf am Genfersee. Er wählte die Schweiz nicht aus einer Laune heraus, sondern wurde vom McCarthyismus dorthin getrieben: In den USA war er ins Visier des FBI geraten, das ihm «antiamerikanische Aktivitäten» vorwarf, insbesondere wegen der kriegs- und kapitalismuskritischen Inhalte vieler seiner Filme.

Als er sich 1952 zur Premiere von «Rampenlicht» in England aufhielt, entzog ihm die US-Regierung die Wiedereinreisebewilligung. Da er nicht nach Hollywood zurückkehren konnte, reiste Chaplin in die Schweiz. Was eigentlich nur ein mehrwöchiger Aufenthalt sein sollte, wurde zu einem dauerhaften Umzug.

In Corsier-sur-Vevey erwarb er das Anwesen Manoir de Ban, das auch «Little White House» genannt wurde. Obwohl sich Chaplin am Lärm des nahe gelegenen Schiessstands störte, wurde der Ort für ihn zur Heimat. Er beschrieb die Einheimischen gemäss einem Artikel der NZZExterner Link als «charmant, gastfreundlich und echt».

Familienfoto
Charlie Chaplin und seine Frau Oona hatten acht Kinder. Das Familienfoto stammt aus dem Jahr 1961. AFP

Die Erpressung von Monsieur Rochat

Kehren wir zu den beiden verdächtigen Gestalten zurück. Es handelt sich um den 24-jährigen Roman Wardas und den 38-jährigen Gantscho Ganev, zwei arbeitslose Mechaniker auf der Suche nach dem schnellen Geld.

Wardas, ein Pole, ist der Kopf des Duos. Inspiriert von ähnlichen Geschichten, die er in einer italienischen Zeitung gelesen hatte, überredet er seinen bulgarischen Freund, ihm bei dem grotesken Vorhaben zu helfen: die Leiche von Charlie Chaplin zu stehlen, um anschliessend von der Familie Lösegeld zu erpressen. Später wird Wardas erzählen, er habe die Entführung des Verstorbenen als «praktikable finanzielle Entscheidung» gesehen, um ihren Traum zu verwirklichen, dem Elend zu entkommen und eine eigene Werkstatt zu eröffnen.

Charlie Chaplin in Uniform, der sich über einen Globus beugt.
Charlie Chaplin in der Rolle des Adenoid Hynkel in einer der berühmtesten Szenen aus «Der grosse Diktator». Keystone

In den Tagen unmittelbar nach dem Verschwinden des Sargs tappen Medien, Polizei und Öffentlichkeit im Dunkeln. Interpol wird für eine internationale Fahndung eingeschaltet, und es werden die unterschiedlichsten Theorien über die Motive der Tat aufgestellt: eine Rückführung nach England durch britische Bewunderer; die Rache von Nazis, die sich über Chaplins Adolf-Hitler-Satire in Der grosse Diktator geärgert hatten; ein Scherz von denkbar schlechtem Geschmack; oder die geplante kryonische Einfrierung des Leichnams.

Sämtliche Spekulationen werden widerlegt, als auf dem Anwesen Chaplins das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein gewisser «Monsieur Rochat», der behauptet, hinter dem grotesken Diebstahls zu stehen, und ein Lösegeld von 600’000 Dollar fordert.

Es handelt sich um Wardas, dem es gelungen war, die Telefonnummer des Anwesens zu erhalten, indem er sich als Journalist ausgab.

Er und sein Komplize haben jedoch nicht mit Oona O’Neill, der Ehefrau von Charlie Chaplin, gerechnet, die sich als harter Brocken erweist. Sie bezeichnet die Angelegenheit als «lächerlich» und sagt: «Eine Leiche ist eine Leiche. Mein Mann ist im Himmel und in meinem Herzen.» Sie hat nicht die Absicht, auch nur einen Cent zu bezahlen.

In Absprache mit der Polizei beschliesst sie jedoch, das Spiel mitzuspielen, um Zeit zu gewinnen, und leitet über den Familienanwalt Jean-Félix Paschoud Scheinverhandlungen ein, um den Preis zu drücken.

Erschwert wird die Situation zusätzlich durch eine Reihe von Schwindlern, die sich melden und fälschlicherweise behaupten, im Besitz des Sargs zu sein. Die Familie verlangt von «Rochat» einen handfesten Beweis. Wardas und Ganev schicken daraufhin ein Foto des Sargs in einem Maisfeld und liefern der Polizei damit einen ersten Hinweis. Später stellt sich heraus, dass das Bild in Noville aufgenommen wurde, rund zwanzig Kilometer von Corsier-sur-Vevey entfernt. Dort hatten die beiden erneut hart gearbeitet, um den über 130 Kilogramm schweren Sarg samt Inhalt zu verstecken.

Die Scheinverhandlungen ziehen sich über rund zehn Wochen hin. Gegen Ende dieser Zeit verliert Wardas allmählich die Geduld. Er verschärft den Ton und droht schliesslich sogar den Kindern von Oona und Charlie mit dem Tod, falls er das Geld nicht erhält.

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Der Fehltritt

Die Polizei bleibt nicht untätig. Das Telefon im Hause Chaplin wird überwacht, damit die Ermittelnden die Gespräche mithören und die Anrufe zurückverfolgen können. Die beiden Grabräuber sind jedoch vorsichtig und benutzen stets Telefonkabinen in der Region Lausanne, wobei sie nie denselben Apparat zweimal verwenden.

Diese Situation zieht sich hin, bis die Erpresser einen Fehltritt begehen: Sie legen ein genaues Datum und eine Uhrzeit für den entscheidenden Telefonkontakt fest, bei dem sie dachten, das Treffen für die Geldübergabe zu vereinbaren.

Die Waadtländer Kantonspolizei startet daraufhin die nach eigenen Angaben «grösste Aktion» ihrer Geschichte und überwacht gleichzeitig rund 200 Telefonkabinen in Lausanne und Umgebung.

Am 16. Mai 1978 um 9:30 Uhr hebt Wardas ein letztes Mal den Hörer als Monsieur Rochat ab. Beamte in Zivil nehmen ihn an der Avenue de la Dôle fest, noch bevor er seinen 27. Erpresseranruf beenden kann. Sein Komplize wird kurz darauf verhaftet.

Die Geschichte hält noch eine letzte tragikomische Wendung bereit. Wardas und Ganev können sich nicht mehr an den genauen Ort erinnern, an dem sie die Leiche vergraben haben. Chaplin würde sich vielleicht heute noch dort in einem unscheinbaren Maisfeld in Noville befinden, wären da nicht die Griffe des Sargs gewesen, die die Polizei mit Metalldetektoren aufspüren konnte.

Sarg neben einem Loch im Boden
Der Sarg wurde von der Polizei in Noville erneut gefunden. Photopress-Archiv / Str

«Alles ist vergeben»

Der Guardian berichtetExterner Link, dass Paschoud während des Prozesses im Zeugenstand darum bat, Monsieur Rochat vorgestellt zu werden. Wardas stand nervös auf, und der Anwalt, mit dem er unter seinem Pseudonym so viel verhandelt hatte, richtete ein freundliches «Bonjour» an ihn.

Während der Anhörungen gab der junge Grabräuber zu, er habe «Todesangst» bekommen, als er sah, welches weltweite Medienecho der Diebstahl ausgelöst hatte. Er enthüllte zudem, dass die ursprüngliche Idee darin bestand, den Sarg tiefer im Grab selbst zu vergraben – ein Plan, der jedoch an der vom Regen völlig durchnässten und schweren Erde scheiterte.

Zwei Personen betreten ein Gebäude und haben ihre Gesichter verdeckt
Mit Handschellen gefesselt betreten Ganev (links) und Wardas am 11. Dezember 1978 das Gerichtsgebäude. Keystone / Str

Er wurde wegen versuchter Erpressung und Störung der Totenruhe zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, während Ganev nur eine begrenzte Verantwortung zugeschrieben wurde und er eine bedingte Strafe von 18 Monaten verbüssen musste.

Die beiden schrieben später einen Entschuldigungsbrief an die Witwe. Diese zeigte sich verständnisvoll und antwortete, dass «alles vergeben» sei.

Was danach aus Wardas und Ganev wurde, ist nicht bekannt; sie kehrten nach dieser ungewöhnlichen Episode wieder in die Anonymität zurück. Im Jahr 2014 wurde die Geschichte im Film La rançon de la gloire verfilmt. Dieser romantisiert den Fall, indem er Elemente der Realität mit Fiktion vermischt.  

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Bekannt ist hingegen, dass Charlie Chaplin wieder in Corsier-sur-Vevey ruht – an der Seite seiner 1991 verstorbenen Ehefrau Oona und geschützt durch eine dicke Betonplatte.

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Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Zeno Zoccatelli

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Übertragung aus dem Italienischen: Claire Micallef

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