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Mehr Verantwortung, weniger Waffen: Darüber stimmt die Schweiz ab

Pensionskassen mögen keine Waffengeschäfte, aber auch keine Verbote

Viele Schweizer Pensionskassen investieren bereits heute zurückhaltend in Rüstungsunternehmen wie Lockheed Martin: Fabrikationshalle des US-Unternehmens in Marietta, im Bundesstaat Georgia. Keystone/Erik S. Lesser

Wie nachhaltig legen Schweizer Pensionskassen unsere Vorsorgegelder an? Wir haben nachgefragt. Und wie siehts eigentlich im Ausland aus?

Dieser Inhalt wurde am 10. November 2020 - 08:54 publiziert

Wenn die Schweiz Ende November über das Waffenfinanzierungs-Verbot abstimmt, verfolgen auch die Pensionskassen den Urnengang mit grossem Interesse. Sie, die in der Schweiz mit einem Vermögen von rund einer Billion Franken zu den grössten Anlegern gehören, wären von einem Ja besonders betroffen – und damit auch Tausende Versicherte, deren Vermögen zu Teilen in der Beruflichen Vorsorge steckt, der sogenannten Zweiten Säule der schweizerischen Altersvorsorge.

Darum geht es bei der Initiative

Die Volksinitiative "Für ein Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten" will den Produzenten von Kriegsmaterial den Geldhahn zudrehen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB), die AHV, Stiftungen mit Sitz in der Schweiz und Pensionskassen sollen die betroffenen Unternehmen nicht mehr finanzieren - weder über Kredite oder Darlehen noch in Form einer Beteiligung.

Als Kriegsmaterialproduzenten gelten gemäss Initiativtext Unternehmen, die mindestens fünf Prozent ihres Umsatzes mit der Herstellung von Kriegsmaterial erzielen – dazu gehören neben Waffen, Munition und militärischer Ausrüstung auch Einzelteile, die nicht für zivile Zwecke verwendet werden. Ausgenommen sind Sport- und Jagdwaffen sowie die dazugehörige Munition.

Private, Banken und Versicherungen sind vom Verbot ausgenommen. Die Initiative sieht aber vor, dass sich der Bund auf nationaler und internationaler Ebene dafür einsetzt, dass auch für Banken und Versicherungen "entsprechende Bedingungen" gelten.

Mehr über die Volksinitiative erfahren Sie hier:

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Die Vorsorgeeinrichtungen sind schon heute zurückhaltend, wenn es um Investitionen ins Waffengeschäft geht. Das hat eine Umfrage von swissinfo.ch unter Schweizer Pensionskassen ergeben. Elf der grössten Vorsorgeeinrichtungen haben an der anonymen Befragung teilgenommen. Acht von ihnen haben angegeben, bereits heute kein Geld in Hersteller sogenannt kontroverser Waffen zu investieren. Die anderen drei haben dazu keine Angaben gemacht. Als kontrovers gelten etwa Streubomben, Antipersonenminen und Massenvernichtungswaffen. Ob auch alle Atomwaffen darunter fallen, ist umstritten. Die meisten Pensionskassen betrachten nur Nuklearwaffen ausserhalb des Atomwaffensperrvertrags als kontrovers.

Lesen Sie hier das Interview mit GSoA-Sekretär Thomas Bruchez , der sich für die Initiative einsetzt:

"Einfluss auf Verwaltungskosten wäre minim"

Trotz der insgesamt eher kritischen Haltung gegenüber der Rüstungsindustrie spricht sich keine der befragten Pensionskassen für die Volksinitiative aus. Die Mehrheit hält sich mit einer eigenen Meinung zurück, vier empfehlen ein Nein. Eine der Hauptsorgen bei einem Ja ist, dass die Diversifikationsmöglichkeiten eingeschränkt wären und damit das Anlagerisiko steigen würde.

Zudem würden sich die Verwaltungskosten verteuern, argumentieren mehrere Pensionskassen. Andere widersprechen: "Der Einfluss auf die Verwaltungskosten wäre minim", meint eine der Organisationen. Drei Pensionskassen schätzen die Mehrkosten konkret: Sie erwarten, dass die Verwaltungskosten um nur 0,01 Prozent steigen würden.

Lesen Sie hier das Interview mit Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach, die sich gegen die Initiative ausspricht:

Die Initiative liesse sich überhaupt nicht umsetzen, lautet ein weiteres Argument der Initiativgegner. Auch das ist bei den Pensionskassen umstritten: Vier pflichten bei; fünf dagegen halten eine Umsetzung für möglich. Eine Pensionskasse schreibt sogar, ihre Anlagepolitik erfülle bereits die Vorgaben der Initiative.

Waffen sind nur ein Aspekt von vielen

Die Frage, über die Ende November abgestimmt wird, ist letztlich nur eine von vielen auf dem weiten Feld des nachhaltigen oder ethischen Anlegens. Der Verzicht auf Investitionen ins Waffengeschäft ist Teil der sozialen Verantwortung, die ein Investor übernehmen kann. Das Soziale wiederum ist eine von drei Dimensionen des nachhaltigen Investierens – neben der Umwelt und der Geschäftsführung. Zusammenfassend spricht man von ESG (Environment, Social, Governance).

Alle elf Pensionskassen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, gaben an, sie würden in ihrem Anlageprozess ESG-Kriterien anwenden. Sie nutzen dabei die unterschiedlichsten Mittel. Verbreitet sind etwa das Ausschliessen bestimmter Branchen oder Firmen und das Ausüben der Stimmrechte. Mehr als die Hälfte der Vorsorgeeinrichtungen gaben zudem an, sie betrieben sogenanntes Impact Investing – sie achten also nicht nur darauf, mit ihren Investitionen keinen Schaden anzurichten, sondern damit Gutes zu tun.

Eine Handvoll grosser Pensionskassen hat darüber hinaus vor fünf Jahren den Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK) ins Leben gerufen. Dieser sucht den Dialog mit Unternehmen, die schwere Verstösse gegen ESG-Werte begehen, beispielsweise gegen Menschenrechte. Derzeit stehe man mit rund 160 Unternehmen überall auf der Welt in Kontakt, sagt SVVK-Geschäftsführerin Tamara Hardegger.

Zudem veröffentlicht der Verein eine Ausschlussliste mit Rüstungsunternehmen, die kontroverse Waffen herstellen. Darauf zu finden sind Firmen wie Lockheed Martin und Tata Power. Die Liste ist öffentlich und kann auch von kleineren Pensionskassen genutzt werden. Hardegger geht davon aus, dass es heute unter den Schweizer Pensionskassen praktisch Standard ist, Hersteller kontroverser Waffen auszuschliessen. "Schliesslich gibt es in der Schweiz ein Gesetz, das das Finanzieren solcher Waffen verbietet."

Das Gesetz sei aber sehr zurückhaltend formuliert - und das ganz bewusst. Wäre es strenger, könnten jene Investoren in Schwierigkeiten geraten, die zum Beispiel in passiv verwaltete Standard-Indexfonds investieren. "Deshalb ist es umso wichtiger, dass Schweizer Investoren selbst Lösungen finden, um ihre Verantwortung zu übernehmen", sagt Hardegger.

US-Vorsorgeeinrichtungen hinken nach

Nicht nur hierzulande, sondern in ganz Europa gehören gewisse Nachhaltigkeitsüberlegungen beim Anlegen für Pensionskassen zum Standard. Zu dem Schluss kommt eine Auswertung der Beratungsfirma Mercer von 927 Pensionskassen. 89 Prozent der Vorsorgeeinrichtungen berücksichtigen demnach Nachhaltigkeitsüberlegungen bei ihren Anlageentscheiden. Ein Jahr zuvor waren es erst 55 Prozent.

Ein umfassendes nachhaltiges Anlagekonzept haben allerdings nur 14 Prozent der von Mercer befragten Pensionskassen. Zum Vergleich: In der Schweiz werden gemäss der aktuellen Pensionskassenstudie von Swisscanto knapp ein Drittel der Vorsorgegelder nach ESG-Kriterien angelegt. Während die kleinen Pensionskassen bisher kaum nachhaltige Anlagekonzepte verwenden, ist das bei solchen mit verwalteten Vermögen von über 1 Milliarde Franken weit verbreitet.

Der Entwicklung hinterher hinken die Vorsorgeeinrichtungen in den USA. Im Jahr 2018 gaben in einer Umfrage des Anlageberaters NEPC nur rund 10 Prozent der nordamerikanischen Pensionskassen an, sie würden ESG-Überlegungen berücksichtigen. Mehr als ein Viertel gab damals zu Protokoll, das Thema sei für sie nicht von Interesse.

Nun hat sich in den letzten zwei Jahren in diesem Bereich derart viel getan, dass es natürlich nicht ganz fair ist, die US-Zahlen für das Jahr 2018 mit den aktuellen Daten aus Europa zu vergleichen. Ein Blick in die Mercer-Umfrage von 2018 zeigt aber, dass in Europa bereits damals 40 Prozent der Pensionskassen ESG-Fragen berücksichtigt haben.

Primär aus Risikoüberlegungen

Aus purem Altruismus und reiner Liebe zu Natur und Mitmenschen fand das Umdenken bei den Pensionskassen allerdings auch in Europa nicht statt. 85 Prozent gaben gegenüber Mercer an, sie würden wegen regulatorischer Vorschriften ESG-Kriterien berücksichtigen. 51 Prozent geht es zudem darum, finanzielle Risiken zu minimieren, und 40 Prozent befürchten einen Imageschaden, würden sie Nachhaltigkeitskriterien ausblenden.

Von den elf befragten Schweizer Kassen gaben immerhin fünf an, sie wendeten aus Überzeugung - also als Beitrag für eine bessere Welt - ESG-Kriterien an. Aber auch in der Schweiz, das zeigt unsere (nicht repräsentative) Umfrage ebenfalls, scheinen letztlich Risikoüberlegungen im Zentrum zu stehen.

Ein Beispiel soll verdeutlichen, weshalb es ein Risiko sein kann, ESG-Kriterien zu vernachlässigen: Ein Investor kauft Aktien einer Kohlemine, weil er schätzt, dass die Kohlereserven einen aktuellen Gegenwert X haben. Er vernachlässigt dabei, dass wegen der Klimadebatte immer weniger Kohle verbrannt wird und einige Staaten Kohle verbannen. Der Wert der Kohlereserve sinkt, und der Investor verliert Geld.

Das lässt sich auch auf Waffenhersteller ummünzen: Wenn beispielsweise immer mehr Anleger nachhaltig investieren, sinkt die Nachfrage nach Aktien von Rüstungsunternehmen und damit sinken die Kurse. Wohl auch deshalb haben vier Schweizer Pensionskassen geantwortet, sie hätten die Rüstungsbranche bereits heute von ihren Anlagen ausgeschlossen.

Mehr zum Finanzplatz Schweiz, der international zum Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit werden möchte, erfahren Sie hier:

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