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Schweizer Kunsteis erobert die Welt

Die Idee zur Gründung von Glice kam Viktor Meier dank einer Doku. Keystone / Franca Pedrazzetti

Das Luzerner Unternehmen Glice exportiert seine synthetischen Kunsteisbahnen in die ganze Welt. Gründer und Geschäftsführer Viktor Meier kann auf zwei erstklassige Verkaufsargumente setzen, wie er uns im Gespräch verrät.

Dieser Inhalt wurde am 24. Dezember 2020 - 09:00 publiziert

Trotz seines phänomenalen Erfolgs hat Viktor Meier die für Start-up-Manager typische Gelassenheit beibehalten. Wegen der Pandemie führen wir unser Interview per Videoschaltung. Die Gesprächsatmosphäre ist locker, man ist gleich per Du, und zwischendurch wird auch mal kräftig gelacht.

Viktor Meier steht an der Spitze eines Unternehmens, das mehr als 40 Mitarbeitende beschäftigt und einen Jahresumsatz von rund 10 Millionen Schweizer Franken erzielt. Acht Jahre nach seiner Gründung ist GliceExterner Link weltweit führend in der Entwicklung und Herstellung von Kunststoffeisbahnen. Mehr als 2000 Eisbahnen wurden in über 80 Ländern verkauft.

Viktor Meier im Jahr 2019 bei der Installation der grössten Eisbahn der Welt in Mexiko-Stadt. Glice

Das 2012 gegründete Schweizer Unternehmen hatte seinen grössten Moment des Ruhms im Dezember 2019 Jahr mit der Einweihung der grössten Eisbahn der Welt in Mexiko-Stadt. Auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern, was ungefähr der Grösse eines Fussballfeldes entspricht, ersetzte sie die alte Natureisbahn, die jeden Winter im Zentrum der mexikanischen Hauptstadt aufgebaut wurde.

«Dieses Event hat ein internationales Medienecho ausgelöst, mit Berichten in der New York Times und auf grossen nordamerikanischen Fernsehsendern. Jetzt sind wir nicht mehr das kleine Luzerner Unternehmen, sondern haben globale Glaubwürdigkeit und Bekanntheit erlangt», sagt Viktor Meier in fast perfektem Französisch. Der sprachbegabte Luzerner hat am Graduate Institute of International Studies in Genf studiert.

Die Öko-Schlittschuhbahn

Wie Mexiko-Stadt haben sich auch andere Städte auf der ganzen Welt entschieden, auf synthetisches Eis umzustellen, um ihren Einwohnern die Möglichkeit zu bieten, mit gutem ökologischen Gewissen Schlittschuh zu laufen oder Eishockey zu spielen.

Es wird geschätzt, dass eine konventionelle Eisbahn olympischer Grösse (60 x 30 Meter) die gleiche Menge an Wasser und Strom benötigt wie 1800 Schweizer Haushalte für ihren normalen Verbrauch. Die Eisbahnen von Glice sind zu fast 100 Prozent nachhaltig: Sie verbrauchen nur die so genannte graue Energie, das heisst die Energie, die für die Herstellung, den Transport und die Entsorgung der Kunststoffplatten benötigt wird.

«Im Vergleich zu einer Natureisbahn sind unsere Bahnen bereits nach zweieinhalb Monaten Nutzung klimaneutral», sagt Viktor Meier. Um die Ökobilanz zu perfektionieren, hat sich das Luzerner Unternehmen entschlossen, für jedes gefertigte Paneel einen Baum zu pflanzen. So lassen sich die CO2-Emissionen vollständig kompensieren.

Von Macau bis Kanada

Es ist daher kein Zufall, dass die Eisbahnen von Glice in tropischen Destinationen wie Macau, Tansania, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kolumbien oder Peru gut ankommen. Aber auch in Regionen mit einer langen Eissporttradition sind sie sehr beliebt. «Unsere besten Umsätze erzielen wir in Ländern wie den USA, Kanada, Schweden, Tschechien oder Deutschland», sagt Viktor Meier.

Durch die Coronavirus-Pandemie ist die Nachfrage nach grossen Glice-Eislaufpisten etwas zurückgegangen, da kollektive Spielstätten momentan weniger gefragt sind. Andererseits haben sich neue Möglichkeiten eröffnet. «Viele Eishockeyspieler, vor allem in Nordamerika, haben in ihrem Garten eine kleine Kunsteisfläche installiert, um auch während der Einschränkungen des öffentlichen Lebens weiter trainieren zu können», sagt der Luzerner Unternehmer mit einem Schmunzeln.

Allerdings ist es nicht ganz einfach, Schlittschuhläufer und Eishockeyspieler in der nördlichen Hemisphäre davon zu überzeugen, die einzigartigen Empfindungen auf Natureis für eine synthetische Oberfläche auszutauschen. «Es ist so, als würde man Eskimos Eis verkaufen», meint Viktor Meier.

Niedrigere Betriebskosten

Neben dem Klimaschutz gibt es noch ein weiteres wichtiges Argument, mit dem die 80 Glice-Franchisenehmer auf der ganzen Welt bei lokalen Behörden oder privaten Investoren (Zoos, Spielbanken, Hotels, Unternehmen etc.) punkten können: das finanzielle Argument.

Obwohl die anfänglichen Investitionen nicht unerheblich sind - eine Eisbahn von olympischen Ausmassen kostet rund 450’000 Franken - fallen danach praktisch keine Betriebskosten mehr an. «Unsere Kunststoffplatten lassen sich so einfach auf- und abbauen wie ein Ikea-Möbelstück. Sie haben eine Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren und sind praktisch wartungsfrei», sagt Meier.

Die gesamte Forschung und Entwicklung für dieses Produkt findet in der Schweiz statt, aber die Fertigung wurde nach Deutschland ausgelagert. Dort gibt es eine auf die Verdichtung von Kunststoffen spezialisierte Industrie. In Fall von Glice geht es um eine Mischung aus Polymeren, Silikon und anderen Stoffen. Die genaue Zusammensetzung der Kunststoffplatten hat sich im Laufe der Zeit verändert - und wird natürlich geheim gehalten.

«Ein Schlittschuhläufer muss im Vergleich zu Natureis einen Geschwindigkeitsverlust von 1 bis 2 Prozent hinnehmen. Anfänglich ist das Gleitgefühl etwas merkwürdig, doch das Gehirn gewöhnt sich nach 10 bis 15 Minuten an die neuartige Gleitfläche. Viele professionelle Eishockeyvereine nutzen unsere Unterlage mittlerweile in ihren spezialisierten Trainingszentren», sagt Viktor Meier.

Der HC Davos, einer der besten Eishockeyvereine der Schweiz, trainiert auf den Kunststoffplatten von Glice (Video auf Englisch):

Nicht nur Schlittschuhlaufen

Das Gleiten auf synthetischem Eis von Glice funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie bei Natureis: Durch die Reibung der Schlittschuhkufe mit der Oberfläche entsteht Wärme, die wiederum den Kunststoff für den Bruchteil einer Sekunde zum Schmelzen bringt, was einen mit Aquaplaning vergleichbaren Effekt bewirkt.

Der Einsatz von Glice-Kunsteis ist mittlerweile nicht nur auf den Eissport beschränkt, sondern findet sich auch in anderen Anwendungsbereichen. «Ein Schweizer Ingenieurbüro hat zum Beispiel vor kurzem mit unseren Platten Teile einer Stahlbrücke verschoben, die in einem Naturschutzgebiet abgebaut worden war», sagt Viktor Meier.

Der japanische Autohersteller Toyota testet derzeit die Paneele von Glice, um Materialien in seinen Produktionsanlagen schnell hin und her zu bewegen. Das sind nur einige Anwendungsbeispiele von den vielen Ideen, die in den Köpfen der Ingenieure des «kleinen» Luzerner Unternehmens generiert werden.

(Übertragung aus dem Französischen: Gerhard Lob)

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