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Lieferschwierigkeiten Die Schweiz hat zu wenig Impfstoffe

A medical assistant gives a flu vaccination at the Arzthaus in Zurich, Switzerland, on January 30, 2015.

Impfungen sind für Pharmaunternehmen möglicherweise weniger gewinnbringend als Medikamente.

(Keystone)

Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt und kämpft dennoch aktuell mit einem Mangel an 16 wichtigen Impfstoffen. Das geht so weit, dass Ärzte ihren Patienten Alternativen vorschlagen müssen. Was verursacht diese Lücke und was wird dagegen unternommen?

Hauptsächlich von Lieferengpässen betroffen sind die "Kombi-Impfungen", die mit einer einzigen Impfspritze gegen mehrere Krankheiten schützen – beispielsweise Diphtherie, Tetanus, Polio, Keuchhusten und eine bestimmte Form von Meningitis.

Wegen den Lieferengpässen der Pharmaproduzenten müssen Ärzte auf Reserven in lokalen Kliniken und Spitälern oder auf die Vorräte der Grosshändler zurückgreifen.

Aber nicht nur Schweizer Gesundheitsversorger leiden unter nicht verfügbaren Impfstoffen. "Das ist kein Schweizer Problem, sondern ein internationales. Ich kann mich in meinen 30 Jahren Berufserfahrung als Impfspezialist an keine einzige solche Situation erinnern", sagt Daniel Desgrandchamps, ein Spezialist für Kinder- und Infektionskrankheiten, gegenüber swissinfo.ch.

Gemäss Weltgesundheits-Organisationexterner Link berichteten 77% der europäischen Länder im Jahr 2015 von einem Mangel an mindestens einem Impfstoff seit Beginn des Jahres.

Wachsende Nachfrage

Die Produzenten von Impfstoffen mühen sich ab, mit der wachsenden Nachfrage Schritt zu halten, die teils den grossflächigen Impfprogrammen in afrikanischen und asiatischen Ländern geschuldet ist. Die Produktion wird auch zentralisierter, ein paar wenige Pharmaunternehmen – wie die Schweizer Firmen Novartis und Roche, oder Pfizer und Sanofi – kontrollieren einen grossen Teil des Marktes.

Und dann ist da noch die Frage des Profits. Gemäss einem Bericht des französischsprachigen Schweizer Fernsehens RTS könnten Impfstoffe, die nur zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben eines Menschen verwendet werden (Geburt, Verletzung, Auslandsreise etc.), den Pharmafirmen weniger gewinnbringende Aussichten bieten als Medikamente, die auf regelmässiger Basis eingenommen werden müssen. Die Test- und Zulassungsverfahren für neue Impfstoffe sind zudem sehr kostspielig und zeitaufwendig für die Firmen.

Desgrandchamps ergänzt, dass die kleine Grösse der Schweiz eine zusätzliche Rolle spielen könnte. "Wir haben einen sehr kleinen Markt für Pharmafirmen, so dass Produzenten eher zurückhaltend sein könnten, hier ein Test- und Zulassungsverfahren für Impfstoffe bei den Behörden zu beantragen."

Kombinationen, Alternativen und Verspätungen

Im Juli gaben das Bundesamt für Gesundheit und die eidgenössische Kommission für Impffragen Empfehlungen an Ärzte heraus, wie sie die Impfdosen verteilen und anwenden sollen. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie empfahl Alternativen zu bestimmten Impfungen.

Da vor allem die Kombi-Impfungen Mangelware sind, ist die naheliegende Lösung, mehrere Einzelimpfungen zu verwenden. Aber solche werden kaum noch hergestellt, weil sie wegen der bequemeren Mehrfachimpfungen unbeliebt wurden.

Dieses Phänomen hat das Problem des Impfstoffmangels verschärft. Die Schweiz empfiehlt beispielsweise bei Personen, die mit Verletzungen ins Spital gebracht werden, eine Tetanus-Impfung. Die Standarddosis enthält auch einen Schutz gegen Diphterie, quasi als "Anhängsel" an Tetanus, um die Immunität in der allgemeinen Bevölkerung zu verbessern. Was sollen Ärzte also tun, wenn die Diphterie-Tetanus-Kombi zur Neige geht?

"Man muss zu einer anderen Kombination greifen, die zusätzlich einen Impfstoff gegen Polio oder Keuchhusten enthält. Am Ende gibt man einer Person eine Polio- oder Keuchhustenimpfung, die das gar nicht braucht. Es ist nicht gefährlich, aber ärgerlich, denn man will den Patienten ja nur das geben, was sie brauchen", sagt Desgrandchamps.

Ärzte müssen auch entscheiden, ob eine Impfung unerlässlich ist. Eine Polio-Impfung wird beispielsweise empfohlen für Erwachsene bei Reisen in bestimmte Länder. Doch weil die passenden Impfstoffe fehlen, müssen Ärzte aufgrund der Ansteckungsgefahr im Einzelfall entscheiden, ob sie die Person nicht impfen oder ein Serum für Kinder verwenden sollen – das bei Erwachsenen ernstere Nebenwirkungen haben kann. In einigen Fällen werden alternative Reiseimpfungen auch nicht von der Grundversicherung der Krankenkasse gedeckt und kosten mehr.

Eine letzte Möglichkeit besteht darin, eine Impfung für bestimmte Personen zu verschieben, zu Gunsten von Patienten, die sie dringlicher benötigen. "Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt eine Impfung gegen Keuchhusten bei Personen zwischen 25 und 29 Jahren sowie schwangeren Frauen im zweiten oder dritten Trimester. Aber wir sparen zurzeit die übrig gebliebenen Impfdosen für schwangere Frauen, so dass sie die Antikörper an die Babys weitergeben können", erklärt Laurence Rochat vom Reisemedizin- und Impfzentrum des Universitätsspitals Lausanne.

Sie sagt, die meisten Patienten reagierten gut auf diese Änderungen. "Wir müssen schätzungsweise bei jeder dritten oder vierten Konsultation den Impfplan ändern. Die meisten Leute gehen gut mit der Situation um, akzeptieren eine vorgeschlagene Alternative und beklagen sich nicht über Zusatzkosten", sagt Rochat.

Vorschläge der Regierung

Die kürzliche Umsetzung von zwei Empfehlungen der Schweizer Regierung, die letztes Jahr im Rahmen des Berichts über Impfstoffbeschaffung und -verteilung abgegeben wurden, stimmt zuversichtlich.

Erstens werden Engpässe, die mehr als 14 Tage dauern, online beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung publiziert. Zweitens werden Hersteller gesetzlich verpflichtet, genügend Impfdosen zu einem zentralen Lager zu schicken, so dass der nationale Bedarf während drei bis vier Monaten gedeckt werden kann.

Bis jetzt geht das Anlegen von Vorräten nur langsam vorwärts – und für einige kritische Impfstoffe gibt es noch gar keine Lagerbestände. Aber Desgrandchamps ist optimistisch. "Ich bin zuversichtlich, dass das zentrale Lager die Situation verbessern wird. Es gibt noch offene Fragen, aber ich denke, dass es ein grosser Schritt vorwärts ist", sagt er.

Eine mögliche Zukunftsstrategie für die Schweiz könnte laut Desgrandchamps im Beispiel von Österreich und Grossbritannien liegen, die einen zentralen Impfstoff-Import aufgebaut haben. Man könnte mit einer Firma eine Abmachung treffen, dass sie eine bestimmte Zahl von Impfdosen zu einem vereinbarten Preis liefern müssen. Wenn das Unternehmen es nicht schafft, die vereinbarte Zahl von Impfdosen zu liefern, müsste die Firma eine Busse bezahlen.

"Zurzeit liefern Firmen die Impfdosen zuerst in Länder, mit denen sie eine Vereinbarung für die globale Versorgung haben, um Strafzahlungen zu vermeiden. Länder wie die Schweiz mit einem offenen Markt kommen zuletzt", erklärt Desgrandchamps.


Fakten zu Impfungen

In der Schweiz ist keine Impfung obligatorisch, die Patienten können also selbst entscheiden, ob sie geimpft werden wollen. Der Schweizerische Impfplan empfiehlt jedoch die Immunisierung gegen verschiedene Krankheiten in bestimmten Lebensphasen, sowohl für die allgemeine Bevölkerung als auch für Risikogruppen.

Die Empfehlungen basieren auf den regelmässig aktualisierten Expertenmeinungen der eidgenössischen Kommission für Impffragen, des Bundesamts für Gesundheit, des Schweizerischen Heilmittel-Instuts, von Swissmedic und der Weltgesundheits-Organisation.

Die Kosten für Impfungen werden in der Regel von der obligatorischen Grundversicherung in der Krankenkasse übernommen. Es gibt allerdings einige Ausnahmen, so wie die Impfung gegen HPV (Humanes Papilloma-Virus), die nur in bestimmten kantonalen Programmen gedeckt ist; sowie Impfungen bei Auslandreisen, die für gewöhnlich nur von Zusatzversicherungen gedeckt sind.

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Übertragung aus dem Englischen: Sibilla Bondolfi, swissinfo.ch


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