Nationalrätin Giacometti tritt «glücklich» von der Politbühne ab
Nach sieben Jahren im Nationalrat ist die Bündner Nationalrätin Anna Giacometti (FDP) am Freitag offiziell verabschiedet worden. Im Interview mit Keystone-SDA spricht sie über die Gründe für den vorzeitigen Rücktritt, wieso das Ankommen in Bundesbern sich schwierig gestaltete, und was ihr überraschendster Moment war.
(Keystone-SDA) Anna Giacometti, wie fühlt es sich an, Ihre politische Karriere zu beenden?
Ich bin glücklich, weil ich weiss, dass ich zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich gehe, bevor jemand anfängt zu denken: «Die könnte auch langsam mal gehen.» Ich habe von mehreren Leuten gehört, dass sie es bedauern. Ich bin wirklich sehr dankbar und geehrt, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen.
Mitte September haben Sie gegenüber dem rätoromanischen Fernsehen und Radio RTR erklärt, dass Sie zu den Wahlen 2027 nicht mehr antreten wollen. Eine Woche später gaben Sie bekannt, dass die Herbstsession Ihre letzte sein werde. Wie kam es zu diesem vorzeitigen Rücktritt?
Mein Plan war es, dem Nationalratspräsidenten das vorzeitige Rücktrittsschreiben am Tag der Mehrsprachigkeit, dem 26. September, zu übergeben. Aber schon in der Woche zuvor machten die Journalisten von RTR eine Umfrage, wer bei den Wahlen im nächsten Jahr wieder kandidieren würde. Da habe ich gesagt, dass ich mich zurückziehe, allerdings ohne genau zu sagen, wann. Eine Woche später habe ich dann offiziell mitgeteilt, dass ich vorzeitig aufhöre. Die Gründe waren jedoch dieselben: Ich möchte mehr Zeit für meine Familie und meine Enkelkinder haben und mehr Zeit zum Reisen zur Verfügung haben.
Wie schwer wog der Freispruch im Bondo-Prozess bei Ihrer Entscheidung, Bern vorzeitig zu verlassen?
Er spielte eine wichtige Rolle. Nach dem Urteil fühlte ich mich etwas aufgewühlt, aber einige Tage später begann ich mich freier zu fühlen. Der Druck des Strafverfahrens war weg – und der war schwerwiegend, auch wenn ich es schaffte, nicht ständig daran zu denken.
Ist der vorzeitige Rücktritt auch als strategischer politischer Schachzug zu verstehen?
Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich von meiner Partei nicht unter Druck gesetzt wurde. Ich gebe jedoch zu, dass es eine Win-win-Situation für beide Seiten ist. Wenn ich jetzt zurücktrete, hat mein Nachfolger Christian Rathgeb, der als ehemaliger Bündner Regierungsrat bereits bekannt ist, bessere Chancen, den Sitz bei den Wahlen im Oktober 2027 zu halten. Vor allem auch, weil die Bündner Sitze im Nationalrat nächstes Jahr von fünf auf vier reduziert werden.
Bis Ende November sind Sie noch Mitglied der Finanzkommission. In den letzten Jahren wurde vor allem wegen des Entlastungspakets 27 viel über die Bundesfinanzen diskutiert. Wie sehen Sie mit Blick auf Ihre Erfahrungen der letzten Jahre die Zukunft der Bundesfinanzen?
Ich beziehe mich auf die jüngste Erfahrung, die mich auch teilweise enttäuscht hat. Im März haben wir im Nationalrat lange darüber debattiert, wie wir die Finanzen stabilisieren können, ohne zu viele Kürzungen vornehmen zu müssen – gerade auch zugunsten der Bergregionen. Ich war Kommissionsberichterstatterin und das Geschäft war sehr kompliziert.
Im April teilte Finanzministerin Karin Keller-Sutter dann mit, dass die Lage der Bundesfinanzen gar nicht so schlecht sei wie vorhergesagt. Ich denke, für die Bevölkerung ist es schwer zu verstehen, wie die Dinge wirklich stehen. Ich persönlich habe gelernt, vorsichtiger zu sein, wenn andere versuchen, Angst zu schüren, indem sie behaupten, die Lage der Bundesfinanzen sei prekär.
Sie haben Ihre politische Karriere in der Gemeinde Stampa GR begonnen, wurden 2010 die erste Gemeindepräsidentin der fusionierten Gemeinde Bregaglia und wurden 2019 völlig überraschend in den Nationalrat gewählt. In welcher Funktion hatten Sie das Gefühl, den grössten Beitrag leisten zu können?
Offensichtlich in der Rolle als Gemeindepräsidentin. Meine Arbeit hat mir wahnsinnig viel Spass gemacht, weil ich den direkten Kontakt zur Bevölkerung hatte. Und die Erfahrung, eine neue Gemeinde entstehen zu sehen und aufzubauen, war wunderschön. Zudem sehe ich gerne Ergebnisse und bin auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich hatte nie Angst davor, Entscheidungen treffen zu müssen.
In Bern anzukommen, war dagegen nicht einfach. Ich gebe zu, dass ich mich schwergetan habe, auch weil gleich danach die Pandemie ausbrach. Ich musste feststellen: Wenn ein neues Ratsmitglied ankommt, hat niemand auf einen gewartet. Man muss sich seinen Platz also ganz alleine suchen. Das Gleiche gilt für Kontakte und das Finden von Mehrheiten. Und: Wenn ein Parlamentarier sein Amt niederlegt, tritt er von der Bühne ab und ist nicht mehr da. Ein Gemeindepräsident hingegen wird von der Bevölkerung nicht vergessen.
Ihre Wahl in den Nationalrat vor sieben Jahren war für alle eine Überraschung, allen voran für Sie selbst. Gab es in den vergangenen Jahren im Bundeshaus noch andere unerwartete Momente?
Der unerwartetste Moment war wohl die Bundesratswahl im Dezember 2023, als 15 Ratsmitglieder für mich gestimmt hatten.