Die katholische Schweizer Kirche, die sich dem Papst nicht unterordnet
Die Schweiz liebt ihre Besonderheiten. Zu den bekanntesten zählen die vier Landessprachen, die Volksabstimmungen und die Milizarmee. Es gibt jedoch noch eine andere, viel unauffälligere Ausnahme: eine katholische Kirche, welche die päpstliche Autorität nicht anerkennt.
Wenn man ihrem Namen in einem Dokument oder einer Statistik begegnet, weckt das oft Neugier; ihre Existenz noch mehr. Die christkatholische Kirche der SchweizExterner Link ist real, auch wenn viele Schweizerinnen und Schweizer noch nie von ihr gehört haben.
Obwohl diese Kirche in mehreren Kantonen offiziell anerkannt ist, bleibt sie in der Schweizer Religionslandschaft nahezu unsichtbar.
Mit rund 12’000 bis 13’000 Mitgliedern macht sie 0,1 bis 0,2% der Bevölkerung aus. Ihr Gewicht ist so gering, dass sie sogar in den offiziellen Statistiken untergeht: Das Bundesamt für Statistik ordnet sie der Sammelkategorie «andere christliche Gemeinschaften» zuExterner Link, neben den orthodoxen und den zahlreichen evangelikalen Kirchen.
Eine weltweite Seltenheit
Weltweit stellen die Christkatholikinnen und Christkatholiken eine winzige Minderheit dar. Sie gehören zur Familie der so genannten «altkatholischen» Kirchen, die im 19. Jahrhundert infolge von Meinungsverschiedenheiten mit Rom entstanden sind und sich heute in der Utrechter Union zusammenschliessenExterner Link.
Die Bewegung ist nur in wenigen Ländern präsent, hauptsächlich in den Niederlanden, in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Dennoch nimmt die Schweiz in dieser kleinen religiösen Welt einen viel wichtigeren Platz ein, als es ihre Mitgliederzahl vermuten lässt.
Man könnte meinen, es handle sich um eine verborgene Kuriosität. Doch die christkatholische Kirche verfügt über etwa dreissig Kirchgemeinden, von denen sich mehr als die Hälfte in den Kantonen Bern, Aargau, Solothurn und Basel befinden.
Sie hat auch ihren eigenen Bischof und zählt zu den wichtigsten altkatholischen Gemeinschaften der Welt.
Das Paradoxon ist also real: Während ein grosser Teil der Schweizerinnen und Schweizer nicht einmal von ihrer Existenz weiss, verfügt diese kleine Kirche über Strukturen, um die sie manche grössere Organisation beneiden könnte.
Die Abspaltung im 19. Jahrhundert
Um ihren Ursprung zu verstehen, muss man in ein Europa im Umbruch zurückkehren. Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz versuchten die jungen, modernen Staaten, ihre Autorität gegenüber Rom zu behaupten.
Im Jahr 1870 verkündete das Erste Vatikanische Konzil unter anderem das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit und stärkte damit die Autorität des Papstes über die gesamte katholische Kirche.
Für viele Katholikinnen und Katholiken stellte diese Entwicklung kein Problem dar. Andere hingegen sahen darin eine übermässige Zentralisierung der religiösen Macht.
In der Schweiz nahm die Kontroverse rasch eine politische Dimension an. Im Kontext des KulturkampfsExterner Link, der die liberalen Behörden und die römisch-katholische Kirche gegeneinander aufbrachte, lehnten einige Priester und Gläubige die neuen Ausrichtungen Roms ab und beschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Der Bruch war schliesslich vollzogen. Im Jahr 1871 entstand die christkatholische Kirche. Nichts liess damals darauf schliessen, dass diese Bewegung Jahrzehnte überdauern würde.
Doch mehr als 150 Jahre später gibt es sie noch immer. Und sie hat Streitigkeiten überlebt, an die sich die meisten Europäerinnen und Europäer nicht mehr erinnern.
Eine katholische Kirche mit liberalen Akzenten
Wer zum ersten Mal an einem christkatholischen Gottesdienst teilnimmt, wird feststellen, dass alles sehr vertraut wirkt. Die Liturgie ähnelt nämlich stark der einer römisch-katholischen Messe. Die Gebete, die Sakramente und ein grosser Teil der Riten sind vertraut. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Kirchen kaum.
Die Unterschiede zeigen sich vor allem, wenn man hinter den Altar blickt. So wird der Bischof beispielsweise nicht von Rom aus ernannt. Er wird von der Nationalsynode gewählt, in der Laien und Klerus gleichermassen vertreten sind.
Die Christkatholikinnen und Christkatholiken berufen sich zudem auf die Tradition der Kirche des ersten Jahrtausends und erkennen daher gewisse, später von Rom verabschiedete Dogmen nicht an, besonders jenes der päpstlichen Unfehlbarkeit.
Vor allem aber ziehen fallen einige ihrer Reformen auf: So führte die Kirche von Anfang an die Landessprachen in der Liturgie ein und erlaubte die Heirat von Priestern.
Geschiedene können erneut kirchlich heiraten. Seit 1999 werden Frauen zum Priesteramt zugelassen. Und seit 2022 können auch gleichgeschlechtliche Paare kirchlich heiraten.
Das ist nicht gerade das, was man in einer 1871 gegründeten Kirche erwarten würde. Obwohl sie klein ist, hat sich die christkatholische Kirche oft mutiger gezeigt als hundertmal grössere Institutionen.
Zwischen Rom und Reformation
Die ganze Besonderheit der christkatholischen Kirche beruht im Grund auf ihrer einzigartigen Stellung. Einerseits bewahrt sie die Liturgie, die Sakramente und die bischöfliche Struktur aus der katholischen Tradition, andererseits räumt sie der Beteiligung der Gläubigen und Reformen, die gemeinhin mit der protestantischen Welt verbunden werden, einen wichtigen Platz ein.
Diese Zwischenstellung zeigt sich bis in die Ausbildung ihres Klerus. Die künftigen christkatholischen Priesterinnen und Priester studieren am Institut für christkatholische Theologie der Universität Bern, das in eine historisch von der protestantischen Tradition geprägte Fakultät integriert ist. Eine Situation, welche die Identität dieser Kirche recht gut zusammenfasst.
Diese Offenheit zeigt sich auch in ihren Beziehungen zu anderen christlichen Konfessionen. Als Mitglied der Utrechter Union der altkatholischen KirchenExterner Link steht sie mit den anglikanischen Kirchen in «voller kirchlicher Gemeinschaft».
Laienhaft ausgedrückt bedeutet das, dass Ämter und Sakramente gegenseitig anerkannt werden. Eine solche Nähe können nur wenige Kirchen für sich beanspruchen.
Mehr als 150 Jahre nach ihrer Entstehung nimmt die christkatholische Kirche somit weiterhin eine Sonderstellung in der europäischen Religionslandschaft ein.
Weder ganz römisch noch wirklich protestantisch, hat sie im Lauf der Zeit eine eigene Identität entwickelt. Kurz: eine Kirche, die zu katholisch ist, um protestantisch zu sein, aber zu unabhängig, um römisch zu sein.
Mehr
Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub
Bearbeitung eines Artikels von 2021 von Swissinfo, der anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der christkatholischen Kirche der Schweiz veröffentlicht wurde
Mehr Swissinfo-Artikel in Ihren Google-Ergebnissen sehen. Weitere Informationen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch