Vitaparcours: Der Welterfolg begann bei einem Zürcher Turnverein
Wer in der Schweiz Sport treiben will, muss nicht zwingend einem Verein beitreten, ein teures Fitness-Abo kaufen oder sich mit einem Trainingsplan abmühen. Es genügt, auf einen Vitaparcours in einem Wald zu gehen. Eine Schweizer Exportgeschichte.
Das gibt es in der Schweiz fast nirgends: der Eintritt ist gratis und die Anlage meist rund um die Uhr zugänglich. Sie steht nicht in einem exklusiven Sportzentrum, sondern dort, wo viele Schweizerinnen und Schweizer einen Teil ihrer Freizeit verbringen – im Wald.
Der VitaparcoursExterner Link ist einer der unscheinbarsten und zugleich erfolgreichsten Schweizer Exporte. Rund 500 Anlagen gibt es heute in der Schweiz. Und weltweit finden sich tausende ähnliche Anlagen.
Eine Männerriege machte den Anfang
Die Geschichte beginnt mit einem Zürcher Turnverein. In den 1960er-Jahren verlegten die Männer des Turnvereins Zürich-Wollishofen ihre wöchentliche Turnstunde in einen nahegelegenen Wald. Der damalige Oberturner nutzte herumliegende Baumstämme, Äste und andere natürliche Hindernisse für zusätzliche Übungen.
Die Idee war praktisch. Im Wald konnte die Gruppe laufen und die Laufstrecke mit Kraft- und Geschicklichkeitsübungen unterbrechen. Doch die provisorischen Geräte verschwanden regelmässig, weil Forstarbeiter die Äste und Stämme wegräumten.
Aus dem improvisierten Training entstand deshalb der Wunsch nach einer dauerhaften Anlage. Unterstützung fanden die Männer bei der Vita-Lebensversicherung, einer Tochtergesellschaft der heutigen Zurich Versicherungen. Am 18. Mai 1968 wurde in Zürich-Fluntern in der Nähe des Zoos der erste Vitaparcours eröffnet.
Das ursprüngliche Publikum waren eher trainierte Turner und Sportlerinnen. Doch schon bald veränderte sich die Zielgruppe. Ab 1972 richtete sich der Parcours ausdrücklich auch an Familien und weniger sportliche Menschen.
Fünf Jahre nach der Eröffnung gab es bereits hundert Anlagen in der Schweiz. 1990 wurde der 500. Parcours eingeweiht.
SRF Archiv: Eröffnung des 50. Vitaparcours in Bern, 1970:
Mehr als ein Waldweg mit Geräten
Ein Vitaparcours ist kein gewöhnlicher Fitnesspfad. Typischerweise führt er über eine etwa zwei bis drei Kilometer lange Strecke durch den Wald oder im Gelände. Unterwegs sind 15 Posten mit ganz unterschiedlichen Übungen eingerichtet, die mit Farben gekennzeichnet sind.
Blau steht für Ausdauer, rot für Kraft und gelb für Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Bei vielen Posten gibt es mehrere mögliche Übungsmöglichkeiten. Dadurch kann dieselbe Anlage von Spazierenden, einer Familie oder gut trainierten Athletinnen und Athleten unterschiedlich genutzt werden.
Ein solcher Parcours ist erstaunlich unspektakulär: Es braucht keine grossartige Architektur und keine komplizierte Technologie. Vieles besteht aus Holz, Metall, befestigten Wegen und wetterfesten Tafeln. Gerade diese Einfachheit macht das Konzept so stabil.
Genau darin liegt auch die schweizerische Besonderheit: Der Vita Parcours ist zugleich Sportanlage, Naherholungsangebot und öffentliche Gesundheitsinfrastruktur.
Die einzelnen Parcours sind heute wie die Skipisten in der Schweiz in Schweregrade eingeteiltExterner Link: Blau (flaches Gelände), Rot (hügelig) und Schwarz (steil).
Warum die Schweiz?
Im Freien an Geräten trainieren, das machten die Menschen aber auch anderswo, und noch vor dem ersten Schweizer Parcours. So wurde in der deutschen Stadt Münster bereits 1962 eine so genannte «Schweisstropfenbahn» eröffnet. Allerdings bestand diese aus lediglich sieben Stationen entlang einer bereits bestehenden Laufstrecke.
Auch andere Länder kannten bereits Laufstrecken mit einfachen Turngeräten. Der entscheidende Schweizer Beitrag bestand deshalb darin, dass die Vita-Lebensversicherung ein übertragbares System entwickelte.
Das erklärt, warum Zürich als Ursprung des modernen Outdoor-Fitness-Trails gilt, obwohl es schon vorher ähnliche Vorläufer gab. Und ähnlich wie beim Minigolf machte nicht unbedingt die allererste Erfindung, sondern die erfolgreiche Standardisierung das Schweizer Modell zum Ursprung einer weltweiten Entwicklung.
Mehr
Die Schweiz, das «Mutterland des Minigolf»
Die Schweiz standardisierte also weniger jeden einzelnen Balken oder jedes Gerät als vielmehr die Idee des Parcours: Laufen, anhalten, trainieren, weiterlaufen – und dabei den ganzen Körper beanspruchen.
Vom Schweizer Wald in die Welt
In Deutschland wurde die Schweizer Idee Anfang der 1970er-Jahre besonders oft kopiert. Das Land wurde damals von einer grossen Breitensportkampagne erfasst.
Am 16. März 1970 startete der Deutsche Sportbund die Aktion «Trimm Dich durch Sport». Mit dem Maskottchen «Trimmy», Plakaten, Radio- und Fernsehwerbung sollte die Bevölkerung zu mehr Bewegung motiviert werden.
Diese Kampagne und die deutschen Trimm-dich-Pfade waren historisch eng miteinander verbunden, obwohl sie organisatorisch nicht dasselbe waren.
Die Schweizer Vita-Versicherung exportierte ihr Modell nach Deutschland, wo sich der Begriff «Trimm-dich-Pfad» durchsetzte. Die Pfade wurden teilweise von privaten Unternehmen und Gemeinden eingerichtet.
Auf dem Höhepunkt gab es in Deutschland etwa 1500 solcher Anlagen. Das Schweizer Konzept passte gut zur damaligen Zeit: Die Menschen bewegten sich im Alltag weniger und wollten nicht unbedingt Leistungssport betreiben.
Auch in Frankreich entstanden «parcours de santé» oder «parcours Vita», in Österreich werden sie «Waldmeilen» oder «Forstmeilen» genannt.
Im englischsprachigen Raum verbreiteten sich Begriffe wie «fitness trail», «exercise trail» und «parcourse». Die Formen unterschieden sich, das Grundprinzip blieb aber ähnlich.
SRF Archiv: So wurde 1969 auf dem Vitaparcours trainiertExterner Link.
An alle Altersgruppen angepasst
Eine wichtige Überarbeitung der Vitaparcours erfolgte Ende der 1990er-Jahre in Zusammenarbeit mit Fachleuten der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen. Die Übungen wurden stärker nach Ausdauer, Kraft sowie Beweglichkeit und Geschicklichkeit geordnet.
Damit wurde der Parcours vor allem differenzierter. Eine sportliche Person kann die Strecke in hohem Tempo bewältigen und anspruchsvolle Varianten wählen. Jemand Älteres kann gehen, Pausen machen und leichtere Übungen absolvieren.
Seit 1993 sorgt nicht mehr die Lebensversicherung, sondern die Stiftung Vitaparcours für die langfristige Unterstützung und Weiterentwicklung des Angebots. Sie versteht den Parcours als Beitrag zum kostenlosen Breitensport und zu Familienerlebnissen in der Natur.
Das öffentlich zugängliche Gelände gehört in der Regel nicht der Stiftung, sondern einer Gemeinde, einem Verein oder einer anderen lokalen Trägerschaft. Die Stiftung unterstützt diese mit Konzept und Material.
Die Kosten für Bau und Unterhalt trägt die lokale Trägerschaft. Für den jährlichen Unterhalt rechnen Gemeinden typischerweise mit einigen tausend Franken pro Anlage. In grösseren Gemeinden kann das Budget auch deutlich höher liegen.
Heute haben die Vitaparcours auch die Anbindung an die Digitalisierung gefunden: Eine spezifische AppExterner Link bietet personalisierte Trainingspläne, zusätzliche Übungen und Hinweise zu deren korrekter Ausführung an.
2018 feierte der Vitaparcours sein 50-Jahre-Jubiläum. Unsere Galerie zum Anlass:
Mehr
50 Jahre Fitness im Wald – Trimm dich fit!
Editiert von Balz Rigendinger
Mehr Swissinfo-Artikel in Ihren Google-Ergebnissen sehen. Weitere Informationen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch