Hindernisfreie Bahnhöfe: Im Aargau ist man noch nicht am Ziel
Was haben die Bahnhöfe von Neuenhof, Rheinfelden und Wohlen gemeinsam? Sie alle sind noch nicht komplett hindernisfrei. Also so, dass Menschen mit einer Behinderung die Bahnhöfe ohne Umstände benutzen können. Dabei müssten alle Schweizer Bahnhöfe seit Ende 2023 hindernisfrei sein.
(Keystone-SDA) Dies verlangt das Behindertengleichstellungsgesetz. Doch zahlreiche Umbauten haben Verspätung – wie eben im Aargau. Dies hat der vor Kurzem veröffentlichte Standbericht des Bundesamts für Verkehr (BAV) zu diesem Thema gezeigt.
Die SBB betreiben im Aargau 65 Bahnhöfe. 40 davon seien gemäss des Gesetzes fertig umgebaut, schreibt SBB-Mediensprecherin Sabrina Schellenberg auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. An zehn weiteren sei stufenfreies Reisen möglich.
Schellenberg erklärt: «Auch an solchen Bahnhöfen gelangt man ohne Treppen zum Perron.» Nur sei beispielsweise eine Rampe zu steil oder ein Nebenzugang noch nicht konform. Das ist etwa beim Bahnhof Rheinfelden der Fall: Die Rampe in die südliche Unterführung ist gemäss SBB-Webseite im Durchschnitt 12 Prozent steil. Das Gesetz verlangt eine maximale Steigung von 6 bis 12 Prozent.
Faltrampe, Mobilift oder Shuttle-Fahrdienst
15 SBB-Bahnhöfe im Aargau sind noch nicht umgebaut. Man sei noch nicht am Ziel, bestätigt Schellenberg. Wieso der Umbau auf sich warten lässt, habe verschiedene Gründe: Etwa die Komplexität der Umsetzungen oder die höheren Anforderungen an barrierefreie Bahnhöfe. Die SBB müssten nun mehr Bahnhöfe umbauen als ursprünglich angenommen: anstatt 150 Bahnhöfe über 400 – von 764.
An diesen 15 Aargauer SBB-Bahnhöfen, wie etwa in Holderbank, kommen Ersatz- oder Überbrückungsmassnahmen zum Einsatz: Das Personal unterstütze die Reisenden beim Ein- und Aussteigen, beispielsweise mit einer Faltrampe oder einem Mobilift, erläutert Schellenberg.
Wo dies nicht möglich ist oder der Bahnhof beziehungsweise das Perron nicht treppenfrei zugänglich ist, werden laut der Mediensprecherin Reisende mit Mobilitätseinschränkung mit einem Shuttle-Fahrdienst zur nächsten treppenfrei zugänglichen Haltestelle gebracht.
«Weder wirtschaftlich noch nachhaltig»
Die Aargauer Verkehrsbetriebe (AVA) betreiben derweil 53 Bahnhöfe im Aargau. Davon sind 16 nicht hindernisfrei, wie AVA-Kommunikationsleiter Michael Briner auf Anfrage bekannt gibt. Bei den meisten davon stelle der Niveauunterschied zwischen Fahrzeug und Perronkante das grösste Hindernis dar.
Briner nennt die umfangreichen baulichen Eingriffe, verbunden mit komplexen Planungs- und Bewilligungsverfahren, als eine Ursache für die Verspätung. Ausserdem würden diese Eingriffe nicht einzeln umgesetzt, wenn an derselben Anlage in absehbarer Zeit weitere Arbeiten geplant seien.
So etwa am Bahnhof Wohlen der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDB): Hier sind Perron und Zug nicht auf dem gleichen Niveau. Zudem ist laut Briner vorgesehen, die Perrons näher an jene der SBB zu verlegen. Voraussetzung dafür: die Verlegung des SBB-Freiverlads sowie der Rückbau des Güterschuppens.
Wegen der vielen beteiligten Akteuren und Abhängigkeiten habe der hindernisfreie Umbau noch nicht umgesetzt werden können. Briner betont: «Eine vorzeitige Anpassung der bestehenden Perronkante wäre weder wirtschaftlich noch nachhaltig.»
Wohlen soll übrigens 2030 bis 2032 umgebaut werden, Holderbank 2032/33, Neuenhof und Rheinfelden von 2032 bis 2036.