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UNO-Sonderbeauftragte: «Das Thema Wasser muss höchste Priorität haben»

Retno Marsudi
Retno Marsudi ist seit November 2024 UNO-Sonderbeauftragte für Wasser. SWI swissinfo.ch / Dorian Burkhalter

Als erste UNO-Sondergesandte für Wasser will Retno Marsudi die Mitgliedstaaten davon überzeugen, diese lebenswichtige Ressource zuoberst auf die politische Agenda zu setzen. Swissinfo hat mit ihr gesprochen.

«Wasserknappheit, Wasserverschmutzung, Überschwemmungen, … die Liste der Herausforderungen ist lang», sagt Retno Marsudi, die Sonderbeauftragte des UNO-Generalsekretärs für WasserExterner Link. Swissinfo traf sie am Rande einer Tagung in einem Hotel im Zentrum von Jakarta (Indonesien).

Die ehemalige indonesische Aussenministerin war im September 2024 von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres ernannt worden. Sie ist die erste Amtsinhaberin dieser neuen Position, die im Anschluss an die UNO-Wasserkonferenz im März 2023 in New York geschaffen wurde.

«Als der Generalsekretär mir diese Rolle anbot, war das natürlich etwas Neues für mich. Ich bin Diplomatin, keine Wasserexpertin. Aber ich sagte mir: Wasser ist lebenswichtig für jedes Lebewesen, für die Natur, für den Planeten – Wasser ist Leben. Das hat mich motiviert, zuzusagen», sagt Marsudi.

Ihre Aufgabe ist es, die Themen Wasser und sanitäre Grundversorgung innerhalb und ausserhalb der UNO auf höchster politischer Ebene zu vertreten. Die Staaten sollen für dieses Thema sensibilisiert werden und die nötigen Finanzmittel gefunden werden.

Infrastrukturen erneuern

Marsudi hält es für prioritär, den Zugang zu Trinkwasser zu fördern, da weltweit immer noch mehr als zwei Milliarden MenschenExterner Link keinen sicheren Zugang zu dieser lebenswichtigen Ressource haben. Ihrer Meinung nach müssen daher technische Infrastrukturen verbessert werden. Dafür brauche es mehr Investitionen, insbesondere vonseiten des Privatsektors, sagt sie.

«Die Infrastruktur bildet das Rückgrat des Zugangs zu Wasser» erklärt sie. «Die statistischen Daten zeigen, dass die bestehenden Anlagen für die Wasserversorgung in der Regel oft nicht ausreichen oder veraltet sind oder sogar ganz fehlen. Die technischen Probleme führen weltweit zu Wasserverlusten von schätzungsweise 30 Prozent; in einigen Ländern sogar 50 Prozent. Das ist sehr besorgniserregend.»

Angesichts dieses schlechten Zustandes ist die Modernisierung der Infrastruktur für Retno Marsudi eine Priorität. Allerdings darf diese Modernisierung, nicht zu Lasten des Schutzes natürlicher Systeme wie Feuchtgebiete, Grundwasserleiter oder Wassereinzugsgebiete gehen. Auch diese Themen bleiben sehr wichtig.

Lesen Sie auch unseren Artikel über Jakarta, die vom Wasser überschwemmte Megastadt:

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Technologien für den «Globalen Süden»

Die 63-jährige Diplomatin ist insbesondere der Meinung, dass Entwicklungsländer einen besseren Zugang zu den nötigen Technologien haben sollten. Im Moment konzentriere sich der Einsatz der Finanzmittel weitgehend auf die wohlhabenden Staaten.

«Technologie ist sehr wichtig, um Probleme im Zusammenhang mit Wasser zu lösen», erklärt sie. Doch im Moment sei viel eingesetzt Technologie veraltet. Intelligente Ansätze, etwa für die Bewässerung in der Landwirtschaft, die für 72 Prozent des Süsswasserverbrauchs verantwortlich ist, oder für die Kühlung von Rechenzentren, würden eine sinnvollere Nutzung der Ressource Wasser ermöglichen.

«Wir müssen mit Unternehmen und Industrieländern zusammenarbeiten, um diese Technologien für alle zugänglich zu machen», sagt Marsudi.

Für Investitionen in die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sind ihrer Meinung nach jährlich etwa 600 bis 1000 Milliarden Dollar nötig, während de facto nur etwa 300 bis 400 Milliarden investiert werden.

«Gut 90 Prozent dieser Investitionen stammen aus öffentlichen Mitteln. Wir müssen daher Möglichkeiten für Partnerschaften mit dem privaten Sektor ausloten und gleichzeitig sicherstellen, dass das öffentliche Interesse gewahrt bleibt.»

Höchste Priorität für das Thema Wasser

Im Rahmen ihres Mandats als UNO-Sonderbeauftragte reist Marsudi um die ganze Welt, informiert sich vor Ort, trifft aber auch viele Politikerinnen und Politiker.

«Mein Ziel ist es, alle Mitgliedstaaten zu mobilisieren und sie aufzufordern, das Thema Wasser ganz oben auf ihre politische Agenda zu setzen», erklärt sie. «Wir müssen die verschiedenen Initiativen und Aktivitäten zum Thema Wasser harmonisieren, um ihre Wirkung auf die Bevölkerung zu verstärken.»

Ihrer Meinung nach geht es auch darum, die Umsetzung der Verpflichtungen zu beschleunigen, die bei der jüngsten Wasserkonferenz von 2025 eingegangen wurden. Es gab mehr als 800 freiwillige Verpflichtungen. «Die Menschen erwarten aber keine schönen Worte, sondern Ergebnisse», so Marsudi

Wasserkonferenz im Jahr 2026

Die nächste UNO-WasserkonferenzExterner Link findet im Dezember 2026 in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt. Zu den Teilnehmenden zählen Regierungen, UN-Organisationen, NGOs, der Privatsektor und indigene Völker.

Zusammenarbeit, Multilateralismus und Investitionen werden einige der Hauptthemen dieses Treffens sein, von dem Retno Marsudi «konkrete Handlungen und Massnahmen» erwartet, insbesondere in Bezug auf die Beteiligung von Privaten.

«Die Einbindung des Privatsektors ist unerlässlich. Die Frage ist, wie wir die Menschen in vielen Ländern davon überzeugen können, dass diese privaten Partnerschaften wichtig sind. Denn viele Personen befürchten, dass diese Einbindung eine Privatisierung oder Kommerzialisierung mit sich bringt. Wir müssen sie davon überzeugen, dass dies nicht der Fall ist», erklärt sie.

die Ziele der Uno in farbigen Kacheln dargestellt
Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. UNO

«Wir haben Ziele», fügt Marsudi hinzu. Dazu gehört das sechste Ziel für nachhaltige Entwicklung der UNO (SDG 6Externer Link), das beinhaltet, bis 2030 den Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung für alle zu gewährleisten.

«Es ist leider das globale Ziel, bei dem es mit der Umsetzung am meisten hapert», so Marsudi. Sie ist daher in grosser Sorge. Wenn dieses Ziel nicht erreicht werde, würden auch die anderen Ziele in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung darunter leiden, da Wasser für ihre Verwirklichung unerlässlich sei: «Wenn wir über Energie, Ernährung und Klimawandel sprechen, müssen wir auch an Wasser denken.»

Multilateralismus und Wasser

Der Multilateralismus scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Ob es um das Klima oder die Verschmutzung durch Plastik geht – die Staaten tun sich schwer, sich auf globale Probleme zu einigen. Kann Wasser eine Verbindung schaffen?

«Je unsicherer die weltweite Lage ist, desto wichtiger ist es, die Bedeutung des Multilateralismus und der internationalen Zusammenarbeit zu betonen. Wenn man die Menschen fragt, ob sie glauben, ihre Probleme im Alleingang lösen zu können, lautet die Antwort mit Sicherheit Nein.»

«Wasser ist keine interne Angelegenheit von Ländern», betont die Diplomatin weiter. «Einerseits liegt das daran, weil alle Wasser brauchen, aber auch wegen der grenzüberschreitenden Gewässer. Flüsse fliessen häufig durch mehrere Länder. Deshalb brauchen wir Zusammenarbeit.»

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In einigen Fällen ist Wasser tatsächlich eine Quelle von Spannungen. Bekannt ist etwa der Konflikt zwischen Ägypten und Äthiopien, das einen gigantischen Staudamm am Nil gebaut hat. Sind für solchen Situationen internationale Abkommen notwendig?

«Diese Frage wird im Rahmen der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf (UNECEExterner Link) behandelt», antwortet Retno Marsudi. Die meisten der Mitgliedstaaten kämen aus Europa, aber es gebe Bemühungen, immer mehr Länder hinzuzugewinnen.

Es bestehe die Hoffnung, Konflikte bei grenzüberschreitenden Gewässern friedlich lösen zu können.

Positive Bilanz

Ein Jahr ist Retno Marsudi inzwischen im Amt. Die Reaktionen auf ihre Arbeit und ihr Engagement bezeichnet sie als «sehr positiv».

«Ich freue mich, dass Fortschritte erzielt werden und das Thema Wasser mehr Aufmerksamkeit erhält und auf der politischen Agenda nach oben rückt. Wir beobachten eine wachsende Bereitschaft, Initiativen zu koordinieren und Verpflichtungen rascher einzulösen», sagt sie.

«Aber angesichts des Ausmasses der Herausforderungen reichen diese Fortschritte natürlich noch lange nicht aus. Wir müssen daher unsere Anstrengungen intensivieren.»

Lesen Sie auch unseren Bericht über die indonesische Insel Pulau Pari, die Anlass für die erste Klimaklage in der Schweiz gegen den Zementhersteller Holcim war:

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Editiert von Virginie Mangin/sj, Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Gerhard Lob/jg

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