The Swiss voice in the world since 1935

Koloniales Erbe: Warum lagern in der Schweiz Tausende menschliche Überreste?

Schepenese St Gallen
Die Mumie Schepenese, aufgenommen am Donnerstag, 17. November 2022, in der Stiftsbibliothek in St. Gallen. Gian Ehrenzeller / Keystone

Mindestens 4000 menschliche Überreste aus der Kolonialzeit lagern bis heute in Schweizer Museen. Kulturanthropologe Konrad Kuhn erklärt im Interview, wie eine Land ohne eigene Kolonien zur Drehscheibe für dieses sensible Erbe werden konnte.

Die Schweiz hatte keine Überseekolonien und war an der kolonialen Ausbeutung also nicht beteiligt – dieses Bild hat sich lange gehalten. Historische BerichteExterner Link allerdings belegen das Gegenteil: Schweizer Forscher, Händler und Sammler waren einflussreiche Akteure im Kolonialismus, und das brachte unter anderem auch Tausende menschliche Gebeine in die Depots des Landes.

Die Aufarbeitung dieser Bestände und ihrer Herkunft stellt Museen und Politik heute vor komplexe ethische, rechtliche und logistische Fragen. Kulturanthropologe Konrad Kuhn weiss, was auf die Schweiz noch alles zukommt.

Mehr

Swissinfo: Geht die Schweiz bei der Aufarbeitung kolonialer Sammlungen mit gutem Beispiel voran, oder hat sie im Vergleich zu anderen europäischen Ländern im Gegenteil Nachholbedarf?

Konrad Kuhn: Die Schweiz hat, wie alle Länder Europas, bei der Aufarbeitung kolonialer Sammlungen Nachholbedarf. Hier hat die Diskussion vielleicht etwas später eingesetzt. Es dauerte einige Jahrzehnte, bis im öffentlichen Bewusstsein verstanden wurde, dass auch die Schweiz Teil kolonial geprägter Denkweisen war und sich auch hier koloniale Sammlungen befinden.

Die Debatte um die Provenienzforschung nimmt seit einigen Jahren jedoch stark an Fahrt auf. Bei den Museen, auch den lokalen und regionalen, ist ein hohes Problembewusstsein vorhanden, sich dieser Thematik zu stellen. Zudem verläuft die Debatte bisher jenseits einfacher Schuldzuweisungen oder juristischer Forderungen.

Gleichzeitig sind die Sammlungen und Museen in der Schweiz von einer sehr unterschiedlichen Trägerschaft geprägt – also einerseits Städten und Kantonen, oft aber auch von Privaten oder Stiftungen. Das macht die rechtlichen Zuständigkeitsfragen äusserst komplex.

Wie ist es zu verstehen, dass ausgerechnet die Schweiz, die kein eigenes Kolonialreich besass, heute Tausende menschliche Überreste aufbewahrt?

Dr Kuhn
Dr. Konrad Kuhn, Lehrbeauftragter im Fachbereich Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie unibas.ch

Die Schweiz war tief geprägt von einem bürgerlichen Selbstverständnis, das den Kolonialismus als richtig ansah. Dieses war eng mit einem Wissenschaftskonzept verbunden, das davon ausging, die Menschen und Kulturen der kolonialisierten Gebiete müssten vor der Moderne bewahrt werden ‒ die der Kolonialismus ja eigentlich erst mit sich brachte.

Zudem waren die Schweizer Wissenschafter – es waren zumeist Männer – überzeugt davon, anderen Menschen überlegen zu sein, also das Recht zu haben, sich ihrer zu bemächtigen im Interesse der «Wissenschaft». Rassistische Konzepte verstärkten dies.

Die Schweiz war zudem wirtschaftlich eng mit der Welt verflochten, sodass sich viele Möglichkeiten für «Zugriffe» auf menschliche Körper – auch lebendige – ergaben. Dass unterschiedliche Städte, Vereine/Gesellschaften und Kantone mit ihren Museen und Sammlungen auch in Konkurrenz zueinanderstanden, führte zu einer enormen Nachfrage nach menschlichen Überresten. Diese kamen oft als Geschenke von Persönlichkeiten in die Sammlungen, die den Museen besonders verbunden waren.

Konrad Kuhn ist Kulturanthropologe, Kulturwissenschaftler und Europäischer Ethnologe. Er forscht und lehrt als ProfessorExterner Link an der Universität Innsbruck sowie als Forscher und Dozent an der Universität Basel. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Wissensgeschichte, der historischen Anthropologie sowie der kritischen Analyse kolonialer Verflechtungen der Schweiz.

Und doch überrascht der Umfang der Sammlungen. Was sagt das über die Rolle der Schweiz?

Gerade weil die Schweiz keine offizielle Kolonialmacht war, konnte sie sich besonders flexibel im kolonialen Projekt bewegen. Schweizer Akteure agierten in wissenschaftlichen Kontexten, wie etwa bei Expeditionen, als Teil globaler Handelsnetzwerke oder im Rahmen von Missionen.

Schweizerinnen und Schweizer galten in diesen Netzwerken oft als «neutral» und rein «wissenschaftlich» orientiert, was ihren Zugang erleichterte. Dies begünstigte auch die in der Schweiz stark vertretene «Rassenforschung», die sich intensiv auf menschliche Körper, insbesondere Schädel, aus kolonialen Kontexten stützte.

Die UNO hat bereits 2007 das Recht indigener Völker auf Zugang zu den Überresten ihrer Vorfahren bekräftigt. Warum dauert die Umsetzung dieses Rechts in vielen Ländern bis heute an?

Dieses fundamentale Recht stellt gerade europäische und nordamerikanische Museen vor die Herausforderung, sich kritisch mit der eigenen Institutionengeschichte auseinanderzusetzen. Da dies oft mit Scham über das historische, unethische Verhalten verbunden ist, wird der Prozess blockiert. Grundsätzlich ist heute kaum noch jemand gegen einen respektvollen Umgang mit menschlichen Überresten; die praktische Umsetzung erweist sich jedoch als äusserst anspruchsvoll.

Dies zeigt sich auch in der Schweiz: Die hier gelagerten Überreste stammen aus allen Weltregionen und nicht, wie bei ehemaligen Kolonialmächten, primär aus bestimmten, ehemals eigenen Kolonien. Das macht die Provenienzforschung und die Kommunikation mit den betroffenen Herkunftsgemeinschaften in Asien, Ozeanien, Afrika, Amerika oder der Arktis ungleich komplexer.

Ein ExpertenberichtExterner Link fordert mehr Provenienzforschung und eine öffentliche Plattform für betroffene Gemeinschaften. Was würde damit ändern?

Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Informationsschuld umgekehrt wird: Nicht die betroffenen Gemeinschaften sollten mühsam nachfragen müssen, sondern die Institutionen müssen proaktiv und transparent über ihre Sammlungen informieren. Nur so können Rückgabeforderungen überhaupt formuliert und Wege der partnerschaftlichen Zusammenarbeit gefunden werden. Offenheit ist der Schlüssel für die Gegenwart und die Zukunft.

Wichtig ist dabei, das Thema nicht einfach schnell «erledigen» zu wollen, sondern einen langfristigen, würdevollen Umgang zu finden. Politische Akteure drängen oft auf rasche Rückgaben, um einen Schlussstrich ziehen zu können. Das mag in manchen Fällen der richtige Weg sein. Oft müssen wir aber akzeptieren, dass diese Prozesse Zeit brauchen und wir Wege gehen müssen, die weder einfach noch bequem sind.

Ein aktuelles Beispiel für diesen Prozess liefert der Kanton Basel-Stadt:

Mehr

Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Geraldine Wong Sak Hoi

Haben Sie etwas über die Schweizer Diplomatie gehört, das wir für Sie überprüfen sollen?

Nicht alles, was über die internationalen Beziehungen der Schweiz kursiert, ist korrekt. Schreiben Sie uns, was wir überprüfen oder klären sollen.

16 Likes
15 Kommentare
Diskussion anzeigen

Editiert von Marc Leutenegger

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft