Warum aus dem «Palais fédéral» auf Deutsch ein einfaches «Bundeshaus» wurde
Schon allein seine Kuppeln stehen für politische Macht. Doch der französische «Palais» ist im Deutschen nur ein einfaches «Haus» des Bundes. Zwei Bezeichnungen, die seit 132 Jahren zwei unterschiedliche Vorstellungen von Demokratie auf beiden Seiten der Saane widerspiegeln.
Während die Bezeichnungen auf Französisch («Palais fédéral») und Italienisch («Palazzo federale») dem Gebäude eine gewisse Erhabenheit verleihen, ist dies bei der deutschsprachigen (Bundeshaus) und der rätoromanischen («Chasa federala») Bezeichnung nicht der Fall.
Der Ursprung dieses Unterschieds liegt am Ende des 19. Jahrhunderts. Vor dem Bau des Parlamentsgebäudes tagten die Abgeordneten direkt daneben in einem Gebäude, das damals auf Deutsch «Bundesrathaus» hiess – also «Bundes-Rathaus» nach dem Vorbild der kantonalen oder kommunalen Rathäuser.
Doch im Deutschen kann dieser Begriff zu Verwirrung führen. Die korrekte Interpretation, «Bundes-Rathaus», lässt sich auch als «Bundesrat-Haus» verstehen, also «das Haus des Bundesrats», was jedoch falsch ist, da es auch das Parlament beherbergt.
Als man sich im April 1894 anschickte, mit dem Bau des neuen Gebäudes zu beginnen, griff die deutschschweizerische Presse das Problem auf.
Der Beitrag der Tagesschau von RTS (Franz.):
Eine lebhafte Debatte im Jahr 1894
Am 1. April 1894 schlug die Berner Zeitung Der Bund Alternativen wie «Bundeshaus», «Schweizer Ratshaus» oder auch «Ratshaus der Eidgenossenschaft» vor.
Die einflussreiche Neue Zürcher Zeitung griff die Idee zwei Tage später auf und schlug ebenfalls «Bundeshaus» oder «Eidgenössisches Rathaus» vor.
Letzterer Vorschlag gefiel auch der Thurgauer Zeitung, die ihrerseits «Bundeshaus» für «viel zu prosaisch» hielt.
Eine lebhafte Debatte, die den Korrespondenten der Zeitung Le National suisse aus La Chaux-de-Fonds zum Schmunzeln brachte, für den «die byzantinischen Haarspaltereien über die Bezeichnung des neuen Bundesgebäudes weitergehen […] Man bräuchte einen Rabelais, um diese Leute in ihre Schranken zu weisen, die im Moment offenbar nichts Besseres zu tun haben, als Haarspalterei zu betreiben und zu diskutieren wie zu Buridans Zeiten».
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Auf keinen Fall… «Parlament»
In einem Punkt herrschte in der deutschschweizerischen Presse jedenfalls Einigkeit: Man durfte den Sitz der Macht auf keinen Fall «Parlament» oder «Palast» nennen.
«Parlament ist für uns ein importiertes Wort», schrieb Der Bund. Die NZZ fügte hinzu: «Der Ausdruck Parlamentsgebäude erscheint uns fremd und ‹unschweizerisch›.» Für die Thurgauer Zeitung war der Begriff sogar «nicht republikanisch».
Denn Ende des 19. Jahrhunderts herrschte in der Deutschschweiz Misstrauen gegenüber den Gewählten. Jenseits der Saane wurde die Demokratie ohne Vermittler praktiziert, nach Art der Landsgemeinde oder durch Volksinitiativen und Referenden.
Es war die Bewegung der direkten Demokratie, «die stark von einem anti-elitären Geist geprägt ist, das heisst gegen die Regierung, gegen das Parlament, gegen die etablierten Parteien», sagt Hans-Peter Schaub, Politikwissenschaftler an der Universität Bern, in der Tagesschau von RTS.
«Palast» – zu fremd, zu distanziert
«In einer Demokratie, wie man sie in der Deutschschweiz versteht, ist ein Palast etwas sehr Fremdes», sagt Schaub. «Der Begriff ‹Palast› impliziert ein Machtungleichgewicht. Er suggeriert eine Distanz zwischen Regierenden und Regierten.»
In der Westschweiz sah die Situation ganz anders aus. Schon zu Beginn des Bauprojekts war von einem Bundespalast die Rede – der bald zum Bundeshaus wurde.
Übrigens tagten die französischen Parlamentarier bereits 1894 im «Palais Bourbon» und die italienischen Abgeordneten im «Palazzo Montecitorio». Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen, die im Reichstag tagten.
Nach Ansicht der Parlamentsdienste sei der französische Begriff anders konnotiert. «‹Palais› und ‹Palast› sind keine Synonyme», so ihre Antwort auf eine Anfrage von RTS.
Im Deutschen ist ein «Palast» ein prächtiges Gebäude, das Herrschern und Königen vorbehalten ist. Im Französischen kann es sich auch um ein beliebiges grosses Gebäude handeln, wie zum Beispiel den «Palais des Nations» in Genf, argumentieren sie.
«Palais» wird daher im Französischen und Italienischen ungezwungener verwendet, was sogar zur Entstehung von Begriffen wie «Palais des expositions» oder «Palais des congrès» geführt hat, die nicht unbedingt Pracht implizieren.
Eine andere Sichtweise auf die Demokratie
Doch diese Begriffe spiegeln auch eine andere Herangehensweise an die Demokratie wider. In der Westschweiz wird es positiver gesehen, seine Stimmabgabe an Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu delegieren. Das ist die Tradition der repräsentativen Demokratie.
Ein Unterschied, der auch heute noch spürbar ist, sagt Schaub: «In sehr vielen Gemeinden der Westschweiz gibt es ein Gemeindeparlament. Das ist selbst in Gemeinden normal, die in der Deutschschweiz als zu klein gelten würden. In der Deutschschweiz ist es genau umgekehrt. Es gibt nur sehr, sehr wenige Gemeinden in den deutschschweizerischen Kantonen, die über ein Parlament verfügen.»
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Der Bundesrat entscheidet
Am 29. Mai 1894 fällte der Bundesrat einen Entscheid. Es hiess fortan «Bundeshaus» auf Deutsch und «Bundespalast» auf Französisch und Italienisch – eine typisch schweizerische Art, zwei Vorstellungen von Demokratie unter einen Hut zu bringen.
Und 132 Jahre später ist dieser bescheidene Umgang mit der Macht nach wie vor aktuell. «Maison fédérale – das hat etwas Sympathisches, etwas Charmantes für deutschschweizerische Ohren», sagt Schaub.
«Ich glaube, die Mehrheit der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer vermisst diesen Glanz und diesen königlichen Glamour nicht», die man mit einem Palais assoziiere.
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