Flutkatastrophe in Nepal: Experte spricht über die Lage vor Ort
Für eine Mission der Vereinten Nationen (Uno) ist der Schweizer Experte Eric Bardou nach Nepal ins Flutkatastrophengebiet gereist. Mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA spricht er über die Lage vor Ort.
(Keystone-SDA) Knapp drei Wochen nach den Überschwemmungen beschreibt der Schweizer Experte Eric Bardou die Lage in Nepal als weiterhin schwierig. «Man kann sagen, es gleicht fast einem Erdbeben», berichtete Eric Bardou am vergangenen Samstag aus Kathmandu. Als Mitglied des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) war der 57-jährige Ingenieur am 5. September nach Nepal entsandt worden – am Montag kehrte er wieder in die Schweiz zurück.
In Nepal wurde er in die Mission des Uno-Nothilfebüros (OCHA) integriert, wo er unter anderem die Risiken im Zusammenhang mit Wasser und Gelände bewertete. Am Telefon mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erzählte Bardou von Gebäuden, die durch die Wucht der Welle zerstört oder verschoben worden sind.
Bei seiner Ankunft hatten sich nach Erdrutschen zwei Seen gebildet, die eine neue Flutwelle befürchten liessen. «Sie haben sich von selbst geleert», sagte der Experte. Trotzdem müssten sie weiter überwacht werden. Um nicht von einem erneuten Anstieg des Wassers überrascht zu werden, hätten die Teams Wachen organisieren und ihre Bewegungen anpassen müssen.
Spuren der Flut sichern
Bardou sagte, er habe Menschen am Flussufer umherirren sehen, die nach vermissten Angehörigen oder wiederverwertbaren Gegenständen in den Trümmern gesucht hätten. Diese Szene habe ihn geprägt, während die internationalen Organisationen vor Ort zunächst damit beschäftigt gewesen seien, die noch lebenden Menschen unter den Trümmern zu retten.
Ihm zufolge verbirgt sich hinter den Spuren der verheerenden Flut vor allem ein menschliches Drama. Die Spuren müssten aber unbedingt gesichert werden, so Bardou, sonst «wird man es nicht mehr verstehen können».
Das Ereignis liess sich wegen der schieren Masse an eingestürztem Material nicht so leicht dokumentieren. «Das weggetragene Volumen wird auf 100 bis fast 300 Millionen Kubikmeter geschätzt», gab der Experte an. Er selbst sagte, er habe mehrere Schätzungen gesehen und könne nicht bestimmen, welche heute die zuverlässigste sei, zumal er keinen Zugang zum Ausgangsgebiet der Überschwemmung gehabt habe.
«Zuvor suchten wir die Personen, die wir noch retten konnten.» Nun wendeten sich die Experten dem Gletscher zu, der die Katastrophe ausgelöst hatte, wie Bardou mitteilte.
«Flüssiger» Murgang
Der Abbruch der Fels- und Eismasse ereignete sich auf rund 5200 Metern an der Nordwand des Langtang-Lirung-Massivs. Das Geröll stürzte durch das Tal des Flusses Lhende Khola den Berg hinunter. Das Tal liegt etwa 20 Kilometer oberhalb des Grenzübergangs Gyirong/Rasuwagadhi. An dieser Stelle wurde die chinesisch-nepalesische Grenze vollständig ausgelöscht.
Die flussabwärts beobachteten Spuren zeigten einen besonders flüssigen Murgang mit grossen Wassermengen und Felsblöcken, die einen Durchmesser von mehreren Metern erreichen konnten. Bardou schätzte, dass die Masse zu «80 Prozent aus Wasser» bestanden habe.
Die Katastrophe hinterliess auch eine beträchtliche Menge an Sedimenten und Erosion. Weiter flussabwärts wurden Leichen bis nach Indien gefunden – die Drift über 150 bis 240 Kilometer verdeutlicht die Wucht des Phänomens.
Für Bardou lag die Herausforderung darin, die Mechanismen zu verstehen, die dieser Katastrophe zugrunde lagen. Der Permafrost, der wie ein Zement wirke und bestimmte Böden zusammenhalte, könnte bei der Katastrophe eine Rolle gespielt haben. Man müsse aber genau bestimmen, was passiert sei, um solche Ereignisse zu erkennen und verhindern zu können.
Der Klimawandel könne schnelle Veränderungen hervorrufen, an die sich die Berge anpassen müssten – eine alleinige Erklärung sei das aber nicht: «Zu sagen, es ist heiss, das Eis schmilzt und alles stürzt herunter, ist ein wenig zu einfach», meinte er.
Schwierige Prävention
In der Schweiz ermögliche die dichtere Präsenz von Beobachterinnen, Führern, Ingenieuren und Sensoren, bestimmte Veränderungen leichter zu erkennen. Verglichen mit den Alpen, stiess die Prävention auch wegen der unermesslichen Grösse des Himalayas von 600’000 Quadratkilometern im Vergleich zu 25’000 Quadratkilometern an ihre Grenzen. «Die Grösse verändert die Situation grundlegend», so der Experte.
In Nepal arbeiteten Institute und Spezialisten bereits seit langem an Gletschern und Berggefahren. Doch selbst mit Satellitenbildern, die eine mögliche Beschleunigung in einem Gebiet vor dem Ereignis zeigten, müsse man noch wissen, wo man in einer riesigen Datenmenge suchen solle, sagte der Walliser.