Heute in der Schweiz
Liebe Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer
Die leerstehende Ex-Wohnung der Ex-Bundesrätin Doris Leuthard in Bern macht Schlagzeilen – und zeigt, wie Medien an Tagen arbeiten, an denen es nicht viel zu berichten gibt.
Freundliche Grüsse aus Bern
Eine leere Wohnung und die Meldungen darüber.
Für unser Briefing sind wir jeden Tag auf der Suche nach aktuellen News und machen dazu ein ausführliches Medien-Screening. Wenn mal nicht viel läuft – wie jetzt während den Winterferien – und das drängendste Thema schon mehrmals beackert wurde – die rekordhohen Temperaturen und der Schneemangel –, dann muss man auf leichtere Themen ausweichen.
Heute bietet sich beispielsweise folgende Geschichte an: Die einstige 5-Zimmer-Wohnung der einstigen Bundesrätin Doris Leuthard steht seit vier Jahren leer. Die Story läuft in praktisch allen Medien, ist teils prominent platziert, obwohl sie nicht neu ist.
Der Fall ist klar: Es sind noch Ferien, es läuft nicht viel sonst. Und offenbar interessiert es die Leser:innen ja auch – der Wohnungsmangel in der Schweiz ist real, die Details rund um das Appartement sind zudem interessant (Pascal Couchepin wohnte auch darin; die Miete betrug schlappe 2450 Franken). Manchmal dürfen also auch die leichteren Themen die Schlagzeilen beherrschen.
- Hier finden Sie zum Beispiel den Bericht der Berner ZeitungExterner Link. (Paywall)
- Auch der Blick schreibt darüberExterner Link.
- Warum Wohneigentum in der Schweiz fast ein Luftschloss ist, schrieb mein Kollege Samuel Jaberg.
Nun etwas Ernstes: Laufend verschwinden Sprachen. Kann man das stoppen?
Bevor Christoph Kolumbus zur neuen Welt segelte, gab es auf der Welt 15’000 Sprachen, heute sind es noch 7000. Etwa von der Hälfte dieses Rests gibt es heute Aufzeichnungen, und die sind zu einem grossen Teil sehr lückenhaft. «Bis Ende des Jahrhunderts werden wohl 50 bis 90% davon ausgestorben sein», sagt der Sprachwissenschaftler Jean Rohleder.
Er hat als Linguist fast ein Jahr auf Neukaledonien verbracht, einer Inselgruppe im Pazifik, bei einer Gruppe Menschen, deren Sprache vom Aussterben bedroht ist. Seine Aufgabe: Ihnen dabei zu helfen, ihre Sprache zu retten.
Er hat moderne Tools eingesetzt, altes Wissen gesammelt und viel mit ihnen über den Wert von Sprachen und Idiomen gesprochen. Ob das geholfen hat? Er ist sich selber nicht sicher – aber ob die Sprache der Vamale überlebt, liege heute in ihren Händen, ist er sich sicher.
- Hier finden Sie meinen Artikel über den Sprachwissenschaftler Jean Rohleder.
Eine traurige Realität: Die ignorierte Katastrophe im Jemen.
Drei von vier Menschen im Jemen sind heute auf Hilfe angewiesen, bisher sind laut UNO-Schätzungen mehr als 370’000 Menschen gestorben, viele aufgrund der kriegsbedingten Mängel.
Seit vier Jahren dauert der Krieg nun an, der Elemente eines Bürgerkriegs, aber auch Züge eines Stellvertreterkriegs zwischen Saudi-Arabien und dem Iran trägt. Krankheiten und Hunger setzen den Menschen immer mehr zu.
Bei uns wird aber kaum mehr darüber berichtet. Warum das so ist? Mit der Zeit lösen die Schlagzeilen wohl weniger aus, der Krieg in der nahen Ukraine beschäftigt auch mehr. Es kommen aber auch kaum Flüchtlinge aus dem Jemen bis nach Europa. Ein Bericht des Onlineportals Journal21 zeigt, weshalb wir dennoch nicht wegschauen sollten.
- Hier finden SieExterner Link den Bericht von Journal21.
- Die Glückskette, die mit der SRG zusammenarbeitet, sammelt Geld für humanitäre HilfeExterner Link.
Zudem: Als ein SVP-Bundesrat sich für EU-Beitrittsgespräche einsetzte.
Am 6. Dezember jährte sich die EWR-Abstimmung zum dreissigsten Mal – ein politischer Meilenstein in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Erstmals veröffentlichte Protokelle aus dem Bundesrat haben kürzlich mehr Licht in die Vorgänge hinter den Kulissen geworfen.
Denn es ranken sich zahlreiche Mythen darum – was der Bundesrat angeblich wollte oder nicht wollte. Interessant scheint vor allem die Rolle von Adolf Ogi: Ausgerechnet dank der Stimme des ehemaligen SVP-Magistraten sprach sich die Regierung damals für die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen aus.
Dem Bundesrat wird oft vorgeworfen, durch die Verbindung der EWR-Abstimmung und des EU-Beitritts die Abstimmung von Beginn weg zum Scheitern verurteilt zu haben. Ogi entgegnet: Es sei nur richtig gewesen, dem Volk reinen Wein einzuschenken – so hätte es das Fernziel der Regierung gekannt. Ihr Fehler sei sowieso ein anderer gewesen: Man habe die Wirkung der damals neuartigen Briefabstimmung unterschätzt.
- Hier finden SieExterner Link den Artikel im Blick.
- Im Gespräch mit meinem Kollegen Benjamin von Wyl schaute der Politologe Claude Longchamp auf die EWR-Abstimmung zurück.
- Aus dem Archiv: Ein Interview mit Christoph Blocher über die Abstimmung – mit ziemlich erstaunlichen Aussagen des ehemaligen Bundesrats.
- Wie weiter zwischen der Schweiz und der EU? Meine Kollegin Sibilla Bondolfi mit dem Update.
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