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So gross ist sie wirklich: Die Schweizer Rüstungsindustrie im internationalen Vergleich

Ein «Skyranger»-Luftabwehrsystem auf einem LKW in einer grossen Halle
Ein «Skyranger»-Luftabwehrsystem, das im Juli 2026 anlässlich eines offiziellen Besuchs im Kompetenz- und Produktionszentrum von Rheinmetall Air Defence in Zürich fotografiert wurde. Keystone / Claudio Thoma

Trotz ihrer strengen Gesetzgebung exportiert die Schweiz jedes Jahr Kriegsmaterial im Wert von mehreren hundert Millionen Franken. Am 29. November wird über eine Lockerung der Exportregeln abgestimmt. Währenddessen streiten sich die Rüstungsbranche und antimilitaristische Kreise darüber, ob diese Industrie erhalten werden muss.

Inwieweit darf ein neutrales Land Rüstungsgüter exportieren? Diese grundlegende Frage beschäftigt die Schweiz, seit sie sich in der Zwischenkriegszeit in diesem Handel profiliert hat. Mit der Abstimmung vom 29. November rückt diese Debatte wieder in den Vordergrund.

Derzeit verbietet das Bundesgesetz über das KriegsmaterialExterner Link (KMG) die Lieferung von Rüstungsgütern an Länder, die in einen bewaffneten Konflikt verwickelt sind. Die Käuferländer dürfen Kriegsmaterial zudem nicht ohne Zustimmung der Schweiz weiterexportieren.

In den letzten Jahren hat diese Gesetzgebung das Misstrauen mehrerer europäischer Partner der Eidgenossenschaft geweckt. Einerseits liegt dies daran, dass die Schweiz ihnen nicht erlaubt, Schweizer Rüstungsgüter in die Ukraine zu schicken.

Andererseits befürchten sie im Fall eines Kriegs unter Beteiligung der Europäischen Union oder der Nato eine Unterbrechung der Versorgung.

Bern möchte nun die Lieferung von Waffen an 36 PartnerländerExterner Link – darunter die EU-Mitglieder, die USA oder Japan – auch im Konfliktfall ermöglichen. Eine Nichtwiederausfuhr-Erklärung wäre dann nicht mehr systematisch erforderlich. Die Ukraine bliebe jedoch von den Exporten ausgeschlossen.

Lesen Sie unseren Artikel mit den Hintergründen zur Abstimmung:

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«Strategie» oder «Heuchelei»?

Die Behörden und Verteidigungskreise halten die Reform für notwendig, um die Produktionskapazitäten und das Knowhow in der Schweiz langfristig zu sichern. «Es geht vor allem um strategische und sicherheitspolitische Fragen», sagt Matthias Zoller, Generalsekretär von SwissASD.

SwissASD vertritt die Branche innerhalb von Swissmem, dem Dachverband der Schweizer Tech-IndustrieExterner Link. «Die Rüstungsindustrie ist das Rückgrat der gesamten Sicherheit eines Landes», sagt er.

Die Gegnerschaft prangert hingegen ein «heuchlerisches» Vorhaben an, das hauptsächlich von den wirtschaftlichen Interessen der Branche motiviert sei. «Aus moralischer Sicht sollte diese Industrie nicht wie jede andere behandelt werden», sagt Pauline Schneider, politische Sekretärin der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), die sich antimilitaristisch engagiert.

Sie bestreiten, dass eine Lockerung der Exporte die Verteidigungsfähigkeit des Landes stärken würde. Sie befürchten, dass mehr Schweizer Waffen in Kriegsgebieten landen könnten und sehen darin einen grundlegenden Widerspruch zur Neutralität.

Doch welches Gewicht hat diese Industrie tatsächlich für die Schweiz?

Vom KMU zum Rüstungskonzern

In der Schweiz hat sich ein Ökosystem von Rüstungsunternehmen entwickelt, von denen viele international tätig sind. Insgesamt gibt es rund 140 Hersteller von Systemen und Subsystemen. Zudem liefern etwa 3000 kleine und mittelgrosse Unternehmen (KMU) als Zulieferer Komponenten für den Verteidigungssektor.

Die Einteilung dieser Unternehmen wird durch die so genannten «Dual-Use-Güter» erschwert. Dabei handelt es sich um Ausrüstungen, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, wie etwa Sensoren, Software oder Drohnen.

In den letzten Jahren haben immer mehr Industrieunternehmen aus dem zivilen Bereich still und leise einen Teil ihrer Tätigkeit auf die Verteidigung ausgerichtetExterner Link, um vom starken Wachstum der Branche zu profitieren.

Nur ein Teil der wichtigsten Unternehmen des Landes befindet sich noch zu 100% in Schweizer Hand und keines von ihnen ist unter den weltweiten Top 100Externer Link. Neben der Ruag, einem Unternehmen im Besitz des Bundes, das die Armee beliefert und deren Material wartet, sind etwa der Flugzeughersteller Pilatus und der Schusswaffenhersteller Brügger & Thomet (B&T) zu nennen.

Mehrere historische Schweizer Aushängeschilder wurden von ausländischen Konzernen übernommen. Dies gilt beispielsweise für Mowag, das für seine Panzerfahrzeuge bekannt ist und dem amerikanischen Weltkonzern General Dynamics gehört.

Ein weiteres Beispiel ist die ehemalige Oerlikon, Spezialistin für Drohnenabwehrkanonen, die nach der Übernahme durch den deutschen Konzern Rheinmetall zu Rheinmetall Air Defence wurde.

Auch der berühmte Schusswaffenhersteller SIG Sauer gehört einer deutschen Holding, während Safran Vectronix (ehemals Wild Heerbrugg), bekannt für militärische Zieloptik, unter französischer Flagge steht. Das Unternehmen Saab Bofors, das Gefechtsköpfe herstellt, entstand durch die Übernahme einer Ruag-Division durch den schwedischen Konzern Saab.

Sehen Sie unsere Let’s-talk-Debatte zu den Waffenexporten:

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Kein wirtschaftliches Schwergewicht

Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Verteidigungssektors ist begrenzt. Laut einer im Jahr 2023 für das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erstellten Zusammenfassung von StudienExterner Link zählte die Branche im Jahr 2019 knapp 10’000 direkte Arbeitsplätze, davon die Hälfte in der eigentlichen Rüstungsproduktion und die andere Hälfte im Bereich der Dual-Use-Güter.

Unter Einbeziehung der indirekten Beschäftigungseffekte in anderen Branchen waren insgesamt rund 16’000 Personen in der Verteidigung beschäftigt, was etwa 0,4% der Beschäftigten im Land entspricht.

Die direkte Wertschöpfung des Sektors wurde auf insgesamt knapp 1,7 Milliarden Franken geschätzt, die sich je zur Hälfte auf Rüstung und Dual-Use-Güter aufteilen. Unter Einbezug der indirekten Effekte belief sich die gesamte Wertschöpfung auf rund 2,8 Milliarden Franken (0,4% des BIP).

Es sei jedoch angemerkt, dass diese Industrie in einigen Regionen der Schweiz ein grösseres Gewicht hat, besonders in Deutschschweizer Kantonen wie Nidwalden, Thurgau oder Uri, wo sie eine wichtige Arbeitgeberin ist.

Auch der Anteil der Rüstungsgüter an den Auslandverkäufen ist verschwindend gering. Im Jahr 2025 machte Kriegsmaterial laut Seco nur 0,2% des gesamten Exportvolumens der SchweizExterner Link aus.

Exporte für fast eine Milliarde Franken

Dennoch hat der Wert der Auslandlieferungen in den letzten Jahren mehrfach Höchststände erreicht.

Den Rekord gab es im Jahr 2022 mit 955 Millionen Franken, dicht gefolgt vom Jahr 2025 mit 948 Millionen Franken. Im vergangenen Jahr erwarben mehr als sechzig Länder Schweizer Kriegsmaterial, allen voran Deutschland.

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Als Reaktion auf die Ablehnung ihrer Wiederausfuhrgesuche kündigten Deutschland, Dänemark und die Niederlande an, sich von Schweizer Waffen abzuwenden.

Die Exporte nach Dänemark, einem der wichtigsten Märkte für Schweizer Rüstungsgüter, sinken seitdem kontinuierlich und gingen von 136 Millionen Franken im Jahr 2022 (14%) auf weniger als 13 Millionen Franken im Jahr 2025 (1%) zurück.

Dagegen erreichte der Wert der Verkäufe nach Deutschland – traditionell der andere Hauptabnehmer – im vergangenen Jahr mit 386 Millionen Franken (40% der gesamten Kriegsmaterialexporte) den höchsten Stand seit mindestens 2019.

Für Schneider von der GSoA sind diese Zahlen im Hinblick auf die Abstimmung der Beweis dafür, dass es der «Rüstungsindustrie gut geht»: «Es ist gewagt von der Branche, zu sagen, sie sei in Schwierigkeiten, wenn die Exporte zwischen 2024 und 2025 um 43% gestiegen sind und sogar die Exporte nach Deutschland weiter zugenommen haben», sagt sie und fügt hinzu: «Wenn die aktuelle Regelung den Anstieg der Exporte nicht zu verhindern vermag, gibt es keinen Grund, sie noch weiter zu lockern.»

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Gastgeber/Gastgeberin Geraldine Wong Sak Hoi

Wie sollte ein neutrales Land wie die Schweiz mit Waffenexporten in Konfliktgebiete umgehen?

Die Schweiz könnte bald die Wiederausfuhr von Waffen Schweizer Hersteller in Konfliktländer zulassen. Was halten Sie davon?

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Frühe Anzeichen eines Niedergangs?

Zoller von SwissASD sieht darin hingegen eine Erosion: «2023 und 2024 gab es einen Rückgang um 30%, obwohl der internationale Markt nach dem Krieg in der Ukraine geradezu explodierte», sagt er.

Dies sei ein Zeichen für einen «Vertrauensverlust» der Partner der Eidgenossenschaft. «Während Deutschland, die Niederlande und Dänemark dies offen zugeben, hat man den Eindruck, dass auch andere Länder keine Militärgüter mehr in der Schweiz kaufen, dies aber nicht offen sagen.»

Der Brancheninsider verweist auch auf Stellenstreichungen bei SwissP DefenceExterner Link (Beretta-Gruppe) und bei RuagExterner Link, «obwohl die Munitionshersteller Mühe haben, die weltweite Nachfrage zu decken».

Mehrere Unternehmen wie Rheinmetall Waffe Munition, Rheinmetall Air Defence oder Mowag mussten zudem Produktionslinien im Ausland eröffnen, um weiterhin in der EU verkaufen zu können.

Zoller zufolge zeigt die jüngste Statistik ausserdem eine besorgniserregende Veränderung in der Art der exportierten Güter. Laut den Seco-Berichten machte Munition im Jahr 2025 43% aus, gegenüber 25% im Jahr 2022 – zulasten von Waffen und Feuerleitgeräten.

«Wir sind vom Export von Systemen zum Export von Einzelteilen übergegangen», fasst er zusammen. Zoller zufolge kaufen die grossen europäischen Hersteller bei Schweizer Unternehmen keine Hochleistungsprodukte mehr, sondern «besser austauschbare» Komponenten. «Das grösste Risiko ist, dass wir unser Knowhow verlieren», warnt er.

Schneider von der GSoA hält diese Bedenken jedoch für zynisch: «Es spielt keine Rolle, ob die Schweiz Panzer, Munition oder Gewehre exportiert. Es sind Waffen, die in anderen Ländern landen und unweigerlich gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden.»

Wie dem auch sei, die Schweiz bleibt im internationalen Vergleich eine Zwergin in diesem Sektor mit einem Anteil von weniger als 0,5% am weltweiten Waffentransfer.

Der Weltmarkt wird laut der Rangliste des Stockholmer Internationalen Instituts für FriedensforschungExterner Link (SIPRI) weitgehend von den USA dominiert, mit grossem Abstand gefolgt von Frankreich und Russland.

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Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub

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