Martin Candinas: «Wir tragen eine Verantwortung für die Auslandschweizer»
Mitte-Nationalrat Martin Candinas setzt sich im Parlament auch für die Interessen der Schweizerinnen und Schweizer im Ausland ein. In unserem Fragebogen "Die Fünfte Schweiz im Bundeshaus" sagt er, was ihn dabei antreibt.
Martin Candinas, Jahrgang 1980, stammt aus Ilanz GR und vertritt damit auch die romanischsprachige Schweiz in Bern. Er arbeitete als Filialleiter einer Krankenkasse, später als Kader.
Candinas präsidiert untere anderem den Informationsdienst für den öffentlichen Verkehr und die Stiftung für die päpstliche Schweizergarde.
Ein politischer Schwerpunkt des Bündner Politikers bildet ein starker Service public. Der Vater dreier Kinder kämpfte zuvorderst gegen die No Billag-Initiative und gegen die SRG-Initiative, die am Sonntag abgelehnt wurde.
Candinas amtete 2023 als Nationalratspräsident. 2025 wurde er als Bundesratskandidat gehandelt, kandidierte jedoch nicht.
Swissinfo: Was ist für Sie in dieser Sessionswoche am wichtigsten?
Martin Candinas: Im Moment steht die Verlagerungspolitik ganz oben auf meiner Agenda. Wir müssen mehr Güter von der Strasse auf die Schiene bringen. In der Schweiz gibt es derzeit die Tendenz einer Rückverlagerung auf die Strasse. Da braucht es Gegenmassnahmen.
Und wenn Sie auf die Frühjahrssession schauen?
In Bezug auf die Schweizerinnen und Schweizer im Ausland war das wichtigste Thema zweifellos das Entlastungspaket 27: Es ist uns gelungen, die Mittel zu sichern, die für die Auslandschweizer wichtig sind.
Ihre Partei, die Mitte, stimmte im Nationalrat in auffälliger Geschlossenheit gegen eine Kürzung des SRG-Auslandmandats. Wie kam es dazu?
Die Mitte ist sich bewusst, dass wir 830’000 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer haben, was immerhin fast 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung entspricht. Als Partei, die das Ziel hat, die Schweiz zusammenzuhalten, tragen wir auch eine Verantwortung für die Auslandschweizer.
Im Gegensatz zu Frankreich oder Italien, die ihren im Ausland lebenden Bürgerinnen und Bürgern Wahlkreise einräumen, haben die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer keine direkte Vertretung unter der Bundeskuppel.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Interessen nicht berücksichtigt werden. Mehr als 60 Mitglieder von National- und Ständerat (von 246) sind in der parlamentarischen Freundschaftsgruppe «Auslandschweizer» versammelt.
In jeder Sessionswoche lassen wir einen von ihnen in unserem neuen Format «Die Fünfte Schweiz im Bundeshaus» zu Wort kommen.
Aber auch die Abstimmung vom Sonntag war wichtig: Es kam nicht zur Halbierung der SRG. Denn das hätte auch bedeutet, dass das SRG-Angebot von Swissinfo massiv heruntergefahren worden wäre. Es war also eine sehr erfolgreiche letzte Woche für die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer.
Wie sehen Sie die Schweiz aktuell in der Welt?
Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Lage. Die Schweiz kann mit ihrer Neutralität und dem internationalen Genf, wo viele internationale Organisationen ihren Sitz haben, eine Rolle spielen.
Die Schweiz ist gut beraten, sich für den Dialog einzusetzen, Plattformen zu bieten und dafür zu sorgen, dass Kriegsparteien an einen Tisch kommen und zum Dialog zurückkehren.
Frieden gibt es nur im Dialog. Das ist die Stärke der Schweiz. Diesen Trumpf müssen wir jetzt gezielt ausspielen. Damit können wir weltweit Wertschätzung und Anerkennung erlangen.
Welche Art Neutralität meinen Sie?
Natürlich gibt es verschiedene Interpretationen der Neutralitätspolitik. Die Neutralitätsinitiative ist nicht notwendig, es wird einen Gegenvorschlag geben. Denn die Schweiz ist immer gut gefahren, wenn sie ihre Neutralitätspolitik situativ so gestaltete, wie sie es für richtig hielt. Wir dürfen also Sanktionen verhängen, sollten uns aber nicht in Konflikte einmischen.
Es braucht ein Land, das sich nicht auf eine Seite schlägt, sondern sich als Plattform für einen Dialog anbietet. Meines Erachtens ist es auch nicht sinnvoll, dass sich die Schweiz moralisch oder besserwisserisch positioniert, wie es die Linke immer wieder fordert. Wenn es keinen Unterschied macht, ob wir uns äussern oder nicht, können wir auch schweigen. Wir sollten nicht glauben, dass die ganze Welt unsere Meinung hören will.
Warum engagieren Sie sich als Mitglied der Parlamentarischen Freundschaftsgruppe Auslandschweizer für die Fünfte Schweiz?
Früher präsidierte ich das Kantonalkomitee Graubünden der Jungen Auslandschweizer. Damals besuchte ich verschiedene in Graubünden.
Hinzu kommt meine Überzeugung. Wir brauchen Offenheit, und ich will, dass junge Auslandschweizer die Schweiz kennenlernen und die gute Verbindung zu ihrem Heimatland bewahren. Denn sie sind gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch eine Bereicherung für unser Land und zudem Botschafter der Schweiz.
Gerade in diesen Zeiten schadet es nicht, Schweizer Bürgerinnen und Bürger als Botschafter zu haben, die sich für unsere Interessen einsetzen und die Schweiz im Ausland erklären. So finde ich auch das E-Voting für Auslandschweizer wichtig.
Gab es bei Ihrem Engagement für die Auslandschweizer Erfolge oder Niederlagen?
Nein, meine Aufgabe damals war es, Geld zu sammeln und Kontakte zu pflegen. Natürlich hatte ich als Bündner auch ein Interesse daran, dass Auslandschweizer den Kanton Graubünden kennenlernen, als potenzielle Gäste für die Zukunft. Da war auch ein bisschen Tourismuspolitik im Spiel.
Wie sind Sie mit der Auslandschweizergemeinschaft verbunden?
In meinem unmittelbaren Umfeld nicht, aber in meiner Funktion als Nationalratspräsident habe ich diese Kontakte immer gepflegt: In Brasilien, in Singapur, in Vietnam gab es immer einen Austausch.
Wir haben das an verschiedenen Orten in Brasilien gemacht. Dabei habe ich gesehen, wie gross die Unterschiede zwischen den Auslandschweizern-Gemeinschaften sind, beispielsweise zwischen jenen in Belém im Amazonasgebiet und jenen im Wirtschaftszentrum São Paulo.
Wenn Sie selbst auswandern würden, welches Land wäre es?
Kanada würde mich am ehesten reizen, die Rocky Mountains in der Provinz Alberta. Aber ich kann mir eine Auswanderung nicht vorstellen. Ich bin so gerne in der Schweiz und komme nach jeder Reise wieder wahnsinnig gerne zurück, am liebsten nach Graubünden.
Editiert von Samuel Jaberg
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