Aromat, Rivella und Co.: Diese Schweizer Essgewohnheiten erstaunen die Welt
Fondue, Raclette und Schokolade sind zwar Teil der kulinarischen Postkarte der Schweiz, erzählen aber nicht die ganze Geschichte des helvetischen Geschmacks. Um diesen wirklich zu verstehen, muss man sich beispielsweise einem hartgekochten Ei mit Aromat oder einer Flasche Rivella zuwenden.
Die Schweiz liebt Gewürze – vielleicht sogar mehr als ihre Nachbarländer. In vielen traditionellen Gaststätten stehen Salz und Pfeffer nicht allein auf den Tischen.
Im so genannten «Menage» an ihrer Seite thronen auch Aromat, eine Mischung aus Gewürzen und Geschmackverstärkern, und Maggi, ein flüssiges Würzmittel mit Bouillon-Noten, das an Liebstöckel erinnert. Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist das schlicht selbstverständlich.
Aromat bleibt aber nicht auf Küchen und Restaurants beschränkt. Es begleitet auch Wanderungen und Picknicks. Nicht selten wird die kleine gelbe Dose rausgeholt, wenn auf dem Gipfel eines Bergwegs ein hartgekochtes Ei verzehrt wird. Nur wenige Schweizerinnen und Schweizer finden daran etwas ungewöhnlich.
Mit der Zeit hat dieses Würzmittel seinen Platz in Gerichten gefunden, in denen Ausländerinnen und Ausländer es nie erwarten würden. Ein paar Tropfen Maggi im Risotto sind in vielen Schweizer Haushalten völlig normal. Eine Praxis, die auf der anderen Seite der Alpen wohl auf einigen Widerstand stösst.
Die Verbundenheit geht teilweise über die reine Geschmackfrage hinaus. Als dieses Jahr die Möglichkeit einer Übernahme von Aromat durch einen US-Konzern zur Sprache kam, reagierten viele Schweizerinnen und Schweizer, als wäre ein Stück nationales Erbe in GefahrExterner Link. Diese Reaktion sagt viel aus über den Platz, den Aromat im Schweizer Alltag einnimmt.
Sorgen um die Zukunft von Aromat, ein Beitrag der Tagesschau von RTS vom 10. April 2026 (Franz.):
Die Limonade, die aus der Käserei kam
Die Beziehung der Schweizerinnen und Schweizer zur Milch ist bekannt. Raclette, Greyerzer, Emmentaler oder Fondue haben die Landesgrenzen längst überschritten.
Diese Leidenschaft für Milchprodukte nimmt jedoch manchmal unerwartete Formen an, denn die Schweizerinnen und Schweizer begnügen sich nicht damit, Milch nur zu Käse zu verarbeiten. Seit den 1950er-Jahren machen sie daraus auch eine Limonade.
Hergestellt aus Molke, der Flüssigkeit, die nach der Käseherstellung übrigbleibt, ist Rivella zu einem der beliebtesten Getränken des Landes geworden. Wo andere ein Nebenprodukt der Milchindustrie sehen, sah die Schweiz ein NationalgetränkExterner Link.
Sein Erfolg beruht auch auf dem Image, das es sich über die Jahrzehnte aufgebaut hat. Für mehrere Generationen von Schweizerinnen und Schweizern erinnert Rivella an Orientierungsläufe, Schullager, Wanderungen oder Sportveranstaltungen.
Nach mehreren Kilometern Anstrengung erscheint eine kühle Flasche manchmal verlockender als eine Oase für Wüstenreisende.
Diese Zuneigung ist jedoch nicht universell. Trotz zahlreicher Versuche ist es Rivella nie gelungen, seinen Erfolg im Ausland zu wiederholen. Eine der wenigen Ausnahmen findet sich in den Niederlanden.
Vielleicht ist das Zufall. Vielleicht zeigt sich aber auch ein anderes käseliebendes Land offener gegenüber der Idee, Molke in Limonade zu verwandeln.
Bier im Brotaufstrich
Eine Molke-Limonade mag auf den ersten Blick bereits als ungewöhnlich erscheinen. Noch ungewöhnlicher ist es jedoch, Bierhefe in einen Brotaufstrich zu verwandeln.
Damit steht die Schweiz jedoch nicht allein da. Grossbritannien hat sein Marmite, Australien sein Vegemite. Die Schweizerinnen und Schweizer haben ihr CenovisExterner Link.
Wie Rivella entstand auch dieses Produkt aus einer Logik, die man heute als Kreislaufwirtschaft bezeichnet. Im Fall von Cenovis und auch von Le Parfait ging es darum, Nebenprodukte der Brauindustrie zu verwerten.
Reich an Eiweiss und B-Vitaminen erschienen Bierhefen und Fermentationsrückstände zu Beginn des 20. Jahrhunderts als interessante Ressource – in einer Zeit, in der die Lebensmittelversorgung Behörden und Industrie beschäftigte.
Der Anspruch war auch sozial. Diese Brotaufstriche sollten ein nahrhaftes und erschwingliches Lebensmittel liefern, das teurere Produkte, besonders Fleisch, kostengünstig ergänzen oder ersetzen konnte.
Cenovis, 1931 in einer Aargauer Brauerei entstanden, fasst diesen Anspruch bereits in seinem Namen zusammen, der aus lateinischen Wurzeln gebildet wurde und an Mahlzeit und Kraft erinnert.
Mit der Zeit wurde aus der Ernährungsgeschichte jedoch eine Gefühlsgeschichte. Le Parfait ist zu einer vertrauten Präsenz auf Schweizer Tischen geworden. Cenovis hingegen gehört zu einer besonderen Kategorie: zu jenen Lebensmitteln, die man entweder liebt oder hasst.
Für seine Fans erinnert es an die Kindheit, an Zmorge und an eine gewisse Form von Trost. Für kritische Geister reicht manchmal ein einziges Butterbrot, um zu bestätigen, dass sie nie dazugehören werden.
Die Geschichte von Le Parfait, erzählt in der Sendung Couleurs d’été von RTS vom 3. Juli 2026 (Franz.):
Wenn sich das Dessert zum Hauptgang gesellt
Eine der letzten grossen Besonderheiten des Schweizer Geschmacks ist vielleicht die Vorliebe für süss-salzige Kombinationen. Sicher, diese Geschmackkombinationen wurden nicht in der Schweiz erfunden. Sie sind in zahlreichen Küchen der Welt verbreitet, von China bis zum Nahen Osten. Doch nur wenige europäische Länder haben sie so selbstverständlich in ihren Alltag integriert.
Diese Nähe zwischen den beiden Geschmackwelten ist übrigens Teil mancher Schweizer Traditionen. Im Kanton Freiburg wird die Cuchaule mit Bénichon-Senf serviert, einer Zubereitung, die mit ihrer Süsse manchmal eher an eine Konfitüre erinnert als an französischen Senf.
Auch die in mehreren alpinen Regionen des Landes verbreitete «Birewegge» zeugt von dieser alten Schweizer Gewohnheit, kulinarische Grenzen zu verwischen.
Die Schweizer Vorlieben hören da aber noch nicht auf. Die Pizza Hawaii zählt seit Jahren zu den beliebtesten Sorten des Landes. In einer Nation, die Süsses und Salziges gerne kombiniert, erscheint die Idee, ein paar Ananasstücke auf eine Pizza zu geben, wohl weniger revolutionär als anderswo.
Diese Vertrautheit mit Süss-Salzig findet jedoch nicht überall Zustimmung. In Kantinen und Mensen mischen viele Deutschschweizerinnen und -schweizer gerne Apfelmus zu ihren Älplermagronen oder ihren Hörnli mit Hackfleisch.
Die Lateinischsprachigen in der Schweiz essen zwar oft dieselben Gerichte, begleitet vom gleichen Apfelmus, heben sich das Apfelmus aber in der Regel als Dessert auf.
Was das Riz Casimir mit seiner Mischung aus Curry, Rahm und exotischen Früchten betrifft, so ist es wohl das emblematischste Beispiel dieser Tradition. Lange Zeit war es in Restaurants und Kantinen des Landes unverzichtbar, im Ausland löst es jedoch oft Verwunderung aus.
2023 landete das Riz Casimir sogar im Tasteatlas-Ranking der schlimmsten Gerichte der Welt – eine Auszeichnung, auf die seine Liebhaberinnen und Liebhaber wohl gerne verzichtet hätten.
Editiert von Pauline Turuban, Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub
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